"So weich": Francine streichelt langsam über den Handballen des jungen Mannes. "Hier sind alle Männer rau und alt. Ich möchte, dass du so lang wie möglich weich bleibst." Wir schreiben das Jahr 1873: Unsicher sitzt der 23-jährige Will Andrews neben der aus Deutschland stammenden Prostituierten auf ihrem Zimmer direkt über Jacksons Saloon, in einer Häuseransammlung namens Butcher’s Crossing, Kansas, mitten im mittleren Westen der Vereinigten Staaten. Bevor etwas geschieht, schreckt der unerfahrene Andrews zurück und stolpert hinaus in die Nacht, hinein in das ganz große Abenteuer, von dem ihn nicht nur keine Angst abhält, sondern in das er vielmehr reitet wie unter geheimnisvollem Zwang. Denn er ist, natürlich, auf der Suche.

Wonach genau, über diese zunächst einmal nicht sonderlich originell klingende Frage hat John Williams 1960 diesen großen Roman veröffentlicht. Das ist wahrlich nicht einfach, denn ein literarischer Ritt gen Westen ist gepflastert von unzähligen Klischeekadavern. Männer und Staub, Colts und Schießereien, das ist das übliche Material jener Weltgegend, tausendfach aufbereitet in Filmen und Büchern, kanonisiert und persifliert in Hoch- und Popkultur. Doch es ist John Williams, der hier erzählt, das macht einen Unterschied. Vier Romane sind von dem 1994 in Vergessenheit verstorbenen Literaturprofessor zu Lebzeiten erschienen; sein 2013 erstmals ins Deutsche übersetzter Stoner über das ganz normale, schicksalhaft ausweglose Leben eines Literaturprofessors wurde zur sensationellen Entdeckung, die hierzulande mehr als 300.000 Käufer fand. Nun folgt Butcher’s Crossing, benannt nach jenem gottverlassenen Nest, das gierig auf den Eisenbahnanschluss spekuliert und auf die Gewinne, die Jäger und Händler mit den Fellen jener Büffel erzielen, die da draußen in der Prärie unter den Schüssen ihrer Feinde immer weniger werden.

Hierher kommt der junge Will Andrews, aufgewachsen in Boston in wohlhabenden Verhältnissen. Er hat sein Studium in Harvard abgebrochen und sich aufgemacht, getrieben von einem schwer definierbaren Drang, hin zu jener "Wildheit, nach der er suchte". Der Fellhändler McDonald, einst entfernt mit seiner Familie bekannt, weist ihm, der gar nicht genau weiß, was er eigentlich will, den Weg zu Miller, dem besten Jäger vor Ort, nicht ohne Warnungen vor den überflüssigen Gefahren der Wildnis.

In Jacksons Saloon erlebt der Leser eine atemberaubende Szene mit Miller. Andrews ist sich immerhin zweier Dinge sicher: "Ich möchte dieses Land kennenlernen" und "Ich bin meinetwegen hier." Es braucht nur wenige Worte innerhalb von ein paar Minuten, dann ist er im Bann von Millers Traum: Vor zehn Jahren hat dieser in einem Tal in den Rocky Mountains eine riesige Büffelherde entdeckt. Die will Miller dort wiederfinden, jagen und er will um den Erlös mehrerer Tausend Büffelfelle reicher werden. Und zwei Männer, die sich bis eben gar nicht kannten und von denen der eine eingestandenermaßen völlig unerfahren ist, beschließen, wie von Geisterhand getrieben, diese Jagd gemeinsam zu unternehmen, zusammen mit Millers danebensitzendem Faktotum, dem leicht debilen Charley Hoge sowie dem mürrischen Fred Schneider, dem besten Häuter weit und breit. Es ist ein ganz und gar wahnsinniger Trip, beschlossen mal eben so – aber Williams versteht es glänzend, den schicksalhaften Sog dieser Verrücktheit darzustellen. Hier gibt es kein Zurück und kein Entrinnen – und spätestens hier weiß man, dass man mehr als bloß einen normalen Western liest. Wenige Tage später machen sie sich auf den Weg.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 7 vom 12.02.2015.

Klar, einfach und mit höchst anschaulicher Präzision schildert Williams dieses Abenteuer mit seinen Strapazen, Konflikten und Gefahren. Die Sprache des Autors scheint alles zu durchdringen, als ob im kleinsten trockenen Grashalm in der Prärie Sinn und Irrsinn dieses Trips verborgen sind. Und zugleich hat die Sprache einen eigentümlichen Hallraum: die grenzenlose Weite der Landschaft. Verstörend wirkt da am Anfang der Berge der plötzlich auftauchende Schienenstrang: Dieses Stück Zivilisation hatte es hier in der Wildnis vor ein paar Jahren noch nicht gegeben. Die Männer ziehen weiter – bis tatsächlich das Unglaubliche passiert, Miller sein Tal wiederentdeckt und darin eine riesige Büffelherde. Und in denkbar erhabener Umgebung beginnt alsbald die totale Vernichtung: die einfältigen Tiere, die nicht fliehen, werden von Miller Stück für Stück abgeschlachtet, tagelang.

Andrews lernt das Häuten und überwindet den Ekel vor dem blutigen Ausweiden, wie überhaupt der detailversessen naturalistische Williams dem Leser Schmutz, Blut und Urin nicht erspart. Aber er schwelgt darin nicht, sondern präsentiert das Dasein wie ein Naturforscher: Schaut her, so ist das Leben. Und so ist der Mensch: Andrews lernt auch, dass der besessene Büffelabknaller Miller keineswegs im Blutrausch handelt – "er begriff die Vernichtung als kalte, hirnlose Reaktion auf das Leben, auf das Miller sich eingelassen hatte".

Die Natur zieht den Menschen magisch an, bis er sich in einen tödlichen Ringkampf mit ihr begibt, tödlich womöglich für beide. Das ist das existenzialistisch angehauchte, dramatisch wie in einem Film von Terrence Malick inszenierte Thema dieses Romans. Williams gelingt dabei durch einen schlichten, innerlich statt äußerlich leuchtenden Stil das Kunststück, in dieser berückenden Bergwelt nicht im Kitsch zu landen. Und er beherrscht seine Mittel virtuos, auch die Ästhetik der Plötzlichkeit: Ausgerechnet am schönsten Tag dieses Herbstes, die Sonne strahlt hell, Williams dehnt diesen Moment in einem exzessiven Ritardando, bis Schneider ins Nichts zeigt: "Sanft wie eine Vogelfeder sank langsam eine einzelne große, weiche Schneeflocke vom Himmel herab." Die Natur rächt sich, der Wintereinbruch stürzt die Männer in Sekundenschnelle in einen Blizzard, das Tal wird zur weißen Hölle, die sie nur knapp überleben. Ihre durch Millers Gier immer wieder aufgeschobene Rückkehr ist vorerst unmöglich, sie müssen im Schnee ausharren und ums Überleben kämpfen, bis zum nächsten Frühjahr. Es herrscht alsbald das große Schweigen, die zunehmend grimmigen Männer gehen sich lieber aus dem Weg.