Seinen Erstkontakt mit den Geistern hatte Mark Fisher an einem Nachmittag des Jahres 1994. Wie so oft war er ziellos durch die Straßen der Stadt gestreift, um schließlich aus Gewohnheit in einem Plattenladen zu landen. Fisher erinnert sich noch genau, wie er die Regale nach Neuerscheinungen durchforstete, unschlüssig, wofür er diesmal sein Geld ausgeben sollte – bis sein Blick auf eine Platte mit einem Totenkopf-Cover fiel und wie magisch angezogen wurde. Keine Angaben zum Künstler, kein Kaufappell, nicht einmal ein Gesicht, bloß ein Name: Rufige Kru. Inmitten des ganzen Hitparadenfutters wirkte das Objekt so fremd, als hätten Außerirdische es dort hingestellt. So kam die Sache damals in Rollen.

Es waren die Jahre nach Margaret Thatcher, London feierte gerade seinen Aufstieg zum globalen Finanzplatz, Philosophen riefen das Ende der Geschichte aus und damit die glückliche Permanenz des Kapitalismus, Fisher indes hörte aus dem elektronischen Zischeln einer Musik, die sich treffender Weise Jungle nannte, etwas anderes heraus. "Es klang wie die Audio-Variante einer unbekannten Lebensform, eine grimmige, ungezähmte Form künstlicher Intelligenz, wie man sie aus Versehen im Studio wachruft", so hat er diese erste Begegnung später einmal in einem seiner Bücher beschrieben. Zunächst waren da nur diese Klänge, die in metallischen Zungen zu ihm sprachen und seinen Erkenntnisdrang herausforderten. Seither ist Mark Fisher Gespensterforscher.

Er findet sie überall, in der Popmusik und in der Pornografie, im Comic genauso wie in den Zeugnissen des Mainstream-Kinos. Als ghostbuster oder Geisterjäger sollte man ihn sich trotzdem nicht vorstellen. Fisher, Jahrgang 1968, ist ein unauffälliger, von der mentalen Konstitution her geradezu schmerzhaft schüchterner Mann. Während wir uns über Wege und Methoden seines Fachgebiets unterhalten, schweift sein Blick hilfesuchend nach draußen, wo ein Londoner Wintertag sich dem Ende zuneigt. Man sieht noch, dass er seine Jugend mit der teilnehmenden Beobachtung von Gothic-Kulten verbracht hat, ein bisschen erinnert er an eine abgeschminkte Variante von Robert Smith, dem Sänger der Band The Cure. Wäre ihm damals vorausgesagt worden, dass er einmal am renommierten Goldsmiths College der University of London lehren würde, er selbst hätte am wenigsten daran geglaubt. Doch genau so ist es gekommen.

"Hauntology" – zu Deutsch in etwa: Lehre vom Verhexten – heißt die Wissenschaft, die er maßgeblich mitbegründet hat. Vorläufig bleibt vieles der Improvisation überlassen: Der Vertrag ist befristet, Raum 235, sein Arbeitsplatz, gleicht mehr einer Rumpelkammer als einem Dozentenzimmer, die Papierstapel wachsen der Decke entgegen und in der Ecke steht etwas, das wie ein Demotransparent aussieht. Als Lehrkraft ist Fisher ein Exot, seine Kurse aber erfreuen sich regen Zulaufs. Dabei haben sie wenig von einer Geisterstunde. Fishers These: Während die technologische Entwicklung durch das Internet und die zugehörigen Kommunikationsgeräte einer schwer begreiflichen Beschleunigung unterliegt, hat der kulturelle Fortschritt sich bis zum Stillstand verlangsamt. Schleichend ist die Idee des Neuen, wie sie die Avantgarden des 20. Jahrhunderts prägte, aus dem zeitgenössischen Denken verschwunden – bis hin zu jenem Zustand, den wir Postmoderne zu nennen pflegen, Fisher zufolge eine ebenso euphemistische wie hilflose Umschreibung für den Sachverhalt, dass die Vorstellung von Zukunft auf die Präsentation des jeweils neuesten Smartphones zusammengeschrumpft ist.

Es sind die Geister des Marktes, denen er in seinen Seminaren zu Leibe rückt. Fisher diagnostiziert ein kulturelles Erschöpfungssyndrom, das aus dem Zusammenbruch von Zeitlichkeit hervorgeht: Das Ende der Welt kann man sich vorstellen, das Ende des Kapitalismus nicht. Zur Illustration spielt er mit seinen Studenten gerne ein Spiel. Man nehme das Album einer beliebigen Band und beame sich damit zwanzig Jahre in der Zeit zurück. Inmitten ähnlich gelagerter Versuche fiele es nicht weiter auf. Umgekehrt ist der Schock des Neuen, den ein Stil wie Jungle in den Neunzigern auslöste, heute nur noch erahnbar. Wo die Zeit keine Richtung mehr kennt, können selbst avancierte Kulturprodukte bloß machtlos den Istzustand bezeugen. Das Verhexte des späten Kapitalismus, es liegt in seiner Fähigkeit, jede beliebige Vergangenheit wachzurufen, ganz ähnlich wie George A. Romero es in seinem Zombie-Filmklassiker Die Nacht der lebenden Toten vorgeführt hat. Der Slogan des Films liest sich wie eine frühe Paraphrase auf ein Vierteljahrhundert Neoliberalismus: Wenn es den Toten in der Hölle zu eng wird, müssen sie auf die Erde zurück.