Das bleibt mal schön hier

Es gibt Listen, auf denen stünde jeder Kunsthändler oder Sammler gern, bestimmte Einladungslisten oder Nominierungslisten für Ehrenpreise. Es gibt aber auch eine Liste, vor der sich der deutsche Kunstmarkt fürchtet. Der breiteren Öffentlichkeit ist sie unbekannt, was nicht nur an ihrem umständlichen Namen liegt: In den "Länderverzeichnissen national wertvollen Kulturguts" sollen die kulturhistorisch kostbarsten Kunstwerke Deutschlands aufgeführt werden.

Eigentlich, sollte man meinen, müssten es Eigentümer als eine besondere Ehre empfinden, wenn ihre Kunstwerke in dieser Liste geführt werden. Die meisten Sammler und Kunsthändler unternehmen indes so gut wie alles, um eine solche Nominierung zu verhindern, sie wollen keine national wertvollen Kunstwerke besitzen. Diese dürfen zwar weiterhin verkauft, aber nicht ohne staatliche Genehmigung außer Landes gebracht werden.

Viele deutsche Händler würden das britische Verfahren vorziehen: Dort werden wertvolle Kunstwerke nur mit einem temporären Ausfuhrverbot von zwei bis sechs Monaten belegt. Innerhalb dieser Frist darf die öffentliche Hand ein Vorkaufsrecht ausüben – allerdings zu einem am Marktpreis orientierten "fairen Preis". Das deutsche System des dauerhaften Ausfuhrverbots empört hingegen nicht wenige Betroffene, sie sprechen von einer "Teilenteignung".

Bisher wurde das Verzeichnis von vielen Bundesländern fahrlässig geführt

Das hat vor allem damit zu tun, dass der deutsche Kunstmarkt global gesehen nicht besonders stark ist. Die Bundesrepublik ist zwar in Sachen Kunst – wie im Maschinenbau – eine führende Exportnation, auf dem Binnenmarkt hingegen werden vergleichsweise geringe Umsätze gemacht. Falle beim Verkauf eines Kunstwerks durch die Eintragung in das Verzeichnis die potenzielle Kundschaft aus dem Ausland weg, so drücke das den Preis erheblich, klagen die Betroffenen. Nebenbei bringt der Verkauf von Kunstwerken im Ausland auch steuerliche Vorteile.

Der Streit um die Portigon-Sammlung

Die Furcht vor der Liste macht sich derzeit gern die Politik zu eigen, wenn sie Einfluss auf den Kunstmarkt nehmen will. So etwa in dem Streit um den angekündigten Ausverkauf der Sammlung der ehemaligen WestLB mit Werken von Künstlern wie August Macke, Henry Moore und Joseph Beuys, die inzwischen in den Besitz der Auflösungsgesellschaft mit dem sonderlichen Namen Portigon übergegangen ist (ZEIT Nr. 48/14 und Nr. 3/15).

Museumsdirektoren und Politiker haben gegen den angekündigten Verkauf der rund 400 Kunstwerke, deren Versicherungswert bisher auf 28 Millionen Euro geschätzt wurde, entschieden protestiert: Nach der Versteigerung von zwei Warhol-Bildern aus dem Besitz des landeseigenen Kasinobetreibers Westspiel für 151 Millionen Dollar (inklusive Aufpreis des Auktionshauses Christie’s) in New York dürften jetzt nicht schon wieder Kunstwerke aus NRW-Besitz "verscherbelt" werden. Noch vor wenigen Wochen erklärte der Vorstandschef von Portigon, Kai Wilhelm Franzmeyer: "Wir müssen die Kunst zum Marktpreis verkaufen. Es gibt für Portigon keine andere Variante."

Dieser Marktpreis der Sammlung dürfte zumindest vorerst erheblich gefallen sein. Denn vergangene Woche kündigte Ute Schäfer, die SPD-Kulturministerin von NRW, an, dass zunächst neun und später sechzig weitere wertvolle Werke aus der Kunstsammlung Portigon auf ihren Status als nationales Kulturgut hin untersucht werden sollen. Bereits für die Zeit des Prüfverfahrens gilt für diese Objekte ein Ausfuhrverbot. Monika Grütters, CDU-Staatsministerin für Kultur und erbitterte Gegnerin von Kunstverkäufen aus öffentlicher Hand, hatte diese Prüfung schon Ende 2014 angemahnt.

Durch das Ausfuhrverbot und den damit gedrückten Wert der Sammlung ergibt sich vielleicht eine Lösung, die Werke aus dem Portigon-Besitz in NRW zu halten. Am vergangenen Donnerstag trafen sich zum ersten Mal die Beteiligten und Experten an einem von Ministerin Schäfer organisierten Runden Tisch. Man versucht nun eine Stiftung für die Sammlung zu gründen, private Investoren sollen den Entschädigungspreis an Portigon zahlen.

Der Streit um die Portigon-Sammlung macht das Verzeichnis national wertvollen Kulturguts etwas bekannter – und offenbart zugleich, auf welch fahrlässige Weise dieses Verzeichnis bisher von den meisten Bundesländern geführt wurde. Auf der Liste des Landes NRW finden sich nicht einmal drei Dutzend Eintragungen. Aus dem 20. Jahrhundert sind lediglich zwei Gemälde von Emil Nolde, eine Papierarbeit von Ernst Ludwig Kirchner und die Fotoarchive von Alfred Renger-Patzsch und Karl Blossfeldt aufgeführt. Das letzte Mal beriet der für das Verzeichnis zuständige Sachverständigenrat vor etlichen Jahren, nämlich 2008, über ein förmliches Eintragungsverfahren. Eilig mussten jetzt für die Portigon-Prüfung drei neue Mitglieder in den fünfköpfigen Rat berufen werden – eines der bisherigen Mitglieder, der Kunstberater Helge Achenbach, sitzt derzeit wegen mutmaßlichen Betrugs in Untersuchungshaft.

Auch in anderen Bundesländern wird das Verzeichnis willkürlich behandelt, davon kann sich jeder in der zentralen, unter www.kulturgutschutz-deutschland.de einsehbaren Datenbank einen Eindruck verschaffen. Die meisten Bundesländer haben nur wenige Kunstwerke als national wertvoll gemeldet. Selbst dort, wo mehr Kunstwerke aufgeführt werden – wie etwa in Berlin –, folgt diese Auswahl nicht immer einer nachvollziehbaren Logik. Das Verwaltungsgericht Berlin verklagte erst im Januar das Land Berlin, sechs in der Liste verzeichnete Werke wieder zu streichen. Es handelt sich um Blätter aus der Sammlung von Florian Karsch, der jahrzehntelang die Galerie Nierendorf betrieb. Teile seiner Sammlung hatte er in den neunziger Jahren der Berlinischen Galerie als Schenkung versprochen, im Gegenzug sollte ihm das Vererben seiner Kunst steuerlich erleichtert werden.

Als diese Erleichterungen nicht so großzügig ausfielen wie von Karsch erwartet, kündigte er den Schenkungsvertrag. Das Land Berlin wiederum ließ einst versprochene Bilder auf die Liste wertvollen Kulturguts setzen – obwohl von den sieben fraglichen Kunstwerken, wie jetzt das Verwaltungsgericht feststellte, nur eines nach den Kriterien des Kulturgutschutzes überhaupt als schützenswert gelten könne. Das Gericht war damit dem Gutachten der Kunsthistorikerin Aya Soika gefolgt, die dargelegt hatte, dass etwa die Federzeichnung Belebte Straßenszene von George Grosz weder in dessen Œuvre noch in der Kulturgeschichte Deutschlands eine herausragende Bedeutung habe. Gleichzeitig findet sich kein einziges der – wirklich wertvollen – Gemälde von George Grosz in der Kulturgut-Datenbank. Einen umfassenden Schutz im Sinne des Gesetzes bietet diese Liste bislang also nicht.

Die Bundesregierung will nun den Kulturgutschutz verbessern

Monika Grütters treibt auch deswegen die baldige Novellierung des Kulturgutschutzes voran. "Analog zu den Regelungen in 26 von 28 EU-Ländern sollen in Zukunft nur noch solche Kunstwerke aus Deutschland ausgeführt werden können, für die – sofern sie unter bestimmte Alters- und Wertgrenzen fallen – eine Exportgenehmigung vorliegt", sagte Grütters der ZEIT. Schon heute gebe es eine EU-Regelung, dass Kunstwerke, die aus dem EU-Binnenmarkt ausgeführt würden und älter als 50 Jahre seien, eine Ausfuhrgenehmigung brauchten. In Zukunft sollen nach Grütters’ Willen die musealen Sammlungen Deutschlands als Ganzes qua Gesetz geschützt werden. Für Werke im privatem Eigentum müssten die Prüfkriterien genauer definiert werden. "Das heißt nicht, dass pauschal alle Werke großer Künstler als national wertvoll von den Ländern in das Verzeichnis eingetragen werden; wir sind ja an einem globalen Austausch und Handel der Kunst sehr interessiert." Aber auch für Sammler national wertvoller Kunstwerke müsse, so Grütters, ganz generell der Artikel 14 des Grundgesetzes gelten: Eigentum verpflichtet.