DIE ZEIT: Mister Bailey, ich möchte mit Ihnen über Ihren ehemaligen Studenten, den griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis, sprechen ...

Roy Bailey: Das wollen derzeit viele Journalisten. Aber ich sage Ihnen gleich, Sie werden von mir nichts hören, was für einen Journalisten von Interesse sein könnte.

ZEIT: Und das wäre?

Bailey: Die Politik von Varoufakis, die Politik der griechischen Regierung.

ZEIT: Interessant wäre Ihre Meinung aber schon. Immerhin besteht die halbe griechische Regierung aus Absolventen Ihrer Universität, der University of Essex.

Bailey: Das ist eine groteske Übertreibung. Es sind gerade mal zwei Personen.

ZEIT: Aber zwei der wichtigsten: neben Yanis Varoufakis auch Rena Dourou, Gouverneurin der bevölkerungsreichsten Region Griechenlands. Sie wollen ja wohl nicht sagen, dass über diesen Umstand in Essex nicht diskutiert wird?

Bailey: Nur in dem Maße, in dem wir von Leuten wie Ihnen genervt werden.

ZEIT: Dann nerve ich mal weiter. Wie fühlt sich denn ein Wirtschaftsprofessor, wenn er hört, dass der Student, den er vom Bachelor bis zum Doktor begleitet hat, plötzlich Finanzminister Griechenlands ist?

Bailey: Das ist natürlich eher ungewöhnlich. Aber überrascht war ich nicht. Ich hatte seine Karriere ja verfolgt, seit er 1987 die University of Essex verließ. Mich hat eher erstaunt, dass er überhaupt für dieses Amt ernannt wurde.

ZEIT: Haben Sie mit ihm darüber gesprochen?

Bailey: Nein. Wir haben keinen Kontakt. Aber seine Karriere habe ich verfolgt, aus der Ferne. Manchmal erzählten mir auch Freunde, was er gerade machte. Einer sagte, dass Varoufakis gerade in Sydney lebe, ein anderer, Varoufakis sei nach Athen zurückgekehrt.

ZEIT: Sie lernten Yanis Varoufakis kennen, als er noch ein Teenager, ein Bachelorstudent war.

Bailey: Ja, das war Anfang der achtziger Jahre. Lange her. Trotzdem erinnere ich mich an ihn, auch daran, wie wir diskutiert haben. Ich hätte mich nie mit ihm über Politik unterhalten, und ich kann auch nichts über seine Ansichten sagen oder über den Inhalt unserer Diskussionen. Aber ich erinnere mich an seine Art. Er war immer direkt, immer geradeheraus. Er stand seinen Mann. Wie er es derzeit auch tut.

ZEIT: Ist es nicht ungewöhnlich, dass sich ein Professor an einen Studenten erinnert, den er so lange nicht mehr gesehen hat?

Bailey: Seit über 25 Jahren, um genau zu sein. Aber als Professor erinnern Sie sich an Studenten, die unverblümt sagen, was sie denken, und kein Blatt vor den Mund nehmen.

ZEIT: Gibt es davon so wenige?

Bailey: Vielleicht nicht wenige. Aber eben nur so viele, dass sie aus der Menge hervorstechen. Direktheit ist ein bemerkenswerter Charakterzug.

ZEIT: Der dazu geführt hat, dass Varoufakis die Griechenland-Politik der EU als "fiskalisches Waterboarding" bezeichnet hat und sich ganz Deutschland derzeit fragt, wie links die ökonomischen Ideen Ihres ehemaligen Studenten sind.

Bailey: Ach, das war doch nur eine Aussage, die er für die journalistische Öffentlichkeit gemacht hat. Das hat nichts mit solider Wirtschaftswissenschaft zu tun, wie wir sie in Essex lehren.

ZEIT: Ich weiß, ich habe meinen Bachelor in Essex gemacht.

Bailey: Aha, in Ordnung.

"Ein unabhängiger Kopf"

Auf dem Campus in Essex gibt es Dutzende marxistischer und sozialistischer Gruppen. © University of Essex

ZEIT: Aber als Essex-Absolvent weiß ich auch, dass es auf dem Campus dieser Universität Dutzende marxistischer und sozialistischer Gruppen gibt. Yanis Varoufakis studierte hier fast ein Jahrzehnt lang. Ist es nicht möglich, dass Essex als eine der linkesten Universitäten in Großbritannien Einfluss auf seine ökonomischen Ansichten hatte?

Bailey: Das mit dem Links-Sein ist ein Ruf, der uns seit Jahren anhängt. Das stimmt nicht. Wie in jeder Institution gibt es auch in Essex Menschen mit linken Ansichten und solche mit eher konservativen Ansichten. Ich bin noch nicht einmal davon überzeugt, dass die Wirtschaftspolitik von Herrn Varoufakis ausgesprochen links ist.

ZEIT: Damit stehen Sie in Europa aber ziemlich allein da.

Bailey: Lassen Sie es mich so formulieren: Was sollen seine politischen Ansichten mit seinen ökonomischen Kenntnissen zu tun haben? Man kann dieses Wissen für jede Art von Politik nutzen, ob die jetzt links oder rechts oder irgendwas anderes ist. Wirtschaftswissenschaften sind unpolitisch.

ZEIT: Die Öffentlichkeit debattiert aber ...

Bailey: Ach, die debattiert Ideologie. Aber keine Ökonomie.

ZEIT: War Yanis Varoufakis als Student etwa unpolitisch?

Bailey: Auch unter Wirtschaftswissenschaftlern gibt es durchaus eine große Bandbreite an Charakteren. Varoufakis hat seine politischen Ansichten, und er hatte sie wohl auch schon als Student. Nur glaube ich nicht, dass das Studium dabei eine große Rolle gespielt hat. Sie dürfen nicht vergessen, er hat seinen Doktor 1987 gemacht. Er hat seitdem viel Zeit gehabt, um seine politischen Überzeugungen zu entwickeln. Vielleicht würde er auch sagen, dass das meiste, was er als Student gelernt habe, irrelevant sei. Ökonomie ist kein politisches Rezeptbuch. Ökonomie ist eine kraftvolle, analytische Art des Denkens. Und so denkt Varoufakis auch. Diese Art zu denken könnte er also doch hier gelernt haben.

ZEIT: War Varoufakis ein guter Student?

Bailey: Im Bachelor studierte er Statistische Mathematik und hatte ein Befriedigend. Aber das war damals eine gute Note. Die hatte noch einen Wert. Durch die Noteninflation der letzten Jahre ist das natürlich anders.

ZEIT: Entschuldigung, aber ich habe meinen Bachelor in Essex mit einer Eins abgeschlossen. Und ich fand das nicht einfach.

Bailey: Mag sein. Aber die Qualität von Varoufakis bestand auch nicht darin, dass er ein gutes Examen nach dem anderen schrieb, bis er eine Eins bekam. Im Gegenteil: Er war überhaupt nicht gut in den Prüfungen. Aber er war ein unabhängiger Kopf.

ZEIT: Was meinen Sie damit?

Bailey: Er hatte Ideen, konnte sie formulieren und analysieren. Das ist eine ganz andere Leistung, als eine gute Prüfung zu schreiben. So wie bei seiner Doktorarbeit, Optimierung und Streiks. Er analysierte darin ein Prinzip: die Streikaktivitäten von Gewerkschaften. Eine sehr gute Arbeit.

ZEIT: War das die große Stärke von Varoufakis: die Analyse?

Bailey: Seine größte Stärke bestand darin, dass er ein autonomer Denker war. Er konnte sich ein Thema selbst erschließen und ein Problem selber lösen, ohne mich als Lehrer dauernd zu fragen, er konnte selbstständig denken. Nicht wie diese Studenten, denen man immer alles sagen muss.

ZEIT: Er hat Ihnen in dieser Doktorarbeit auch gedankt. Macht einen das stolz?

Bailey: Keine Ahnung. Sollte ich stolz sein? Das war mein Job.

ZEIT: Sie haben dem griechischen Finanzminister sein ökonomisches Handwerkszeug gelehrt!

Bailey: Er ist Minister, weil er eine Wahl gewonnen hat. Für gewonnene Wahlen klopfe ich mir nicht auf die Schulter. Politiker ist einer der schlimmsten Berufe, die ich mir vorstellen kann, neben Journalist. Wenn Varoufakis den Nobelpreis für Wirtschaft gewonnen hätte – das wäre etwas anderes.