Vielleicht wird Rembrandt ja doch überschätzt. Vielleicht war er im Alter nicht so radikal, wie immer gesagt wird, nicht wagemutig und seiner Zeit weit voraus. Vielleicht war Rembrandt Harmenszoon van Rijn in Wahrheit nur ein bisschen müde.

Seine Bilder jedenfalls, vor allem die späten, von denen es heißt, sie seien besonders innovativ, sehen oft aus, als habe da jemand keine rechte Lust mehr an der Kunst gehabt. Erschöpft von der eigenen, ewig brodelnden Produktion, malte Rembrandt, um Geld zu verdienen, und keineswegs, um die Welt der Kunst umzustürzen. Oft pinselte er eilig drauflos, schlierte und klierte, verfiel ins Wurschtige, ein paar Tupfer hier, dort fahrige Sprenkel, und noch bevor irgendwer meinen konnte, diesmal habe sich der Maler aber richtig Mühe gegeben, erklärte er das Unvollendete für vollendet. Etliche Zeitgenossen nannten es: "Schmiererey!" Allein die Farben: wie mit der Maurerkelle aufgebracht!

Heute ist die Schmiererey das, was die meisten an Rembrandt lieben, raue, krustige Bilder, die ihn herauslösen aus dem 17. Jahrhundert und zu einem Maler der Gegenwart machen. So wird er jetzt auch in Amsterdam gezeigt, wo eine fulminante Ausstellung erstmals weite Teile des Spätwerks versammelt, mehr als 100 Gemälde, Zeichnungen, Drucke. Zu besichtigen ist eine Verheißung: die Geschichte eines Mannes, dem das Alter zur zweiten Jugend wird. Der nicht schlaff, nicht weinerlich zurückblickt, sondern noch einmal Großes wagt, ein Abenteuer, das ihm ewigen Ruhm eintragen wird. Es ist der ideale Rembrandt für unsere Golden Ager, unermüdlich, stets schwungvoll. Nur leider eben ein Missverständnis.

Denn Rembrandt hatte es hinter sich, mit gerade mal 45 Jahren. Der Erfolg war verflogen, das Geld war weg, die geliebte Frau gestorben, er stritt herum mit Gläubigern und Auftraggebern und musste zuschauen, wie plötzlich andere, die Jüngeren, seine eigenen Schüler, groß von sich reden machten, mit sanfter, wohlgefällig glatter Malerei. Der Traum von Macht und Glück war für Rembrandt geplatzt. Aussichtslos, es irgendwie noch mit dem alten Rivalen Rubens aufzunehmen.

In diesem Moment tiefer Ernüchterung beginnt das, was Kunsthistoriker sein Alterswerk nennen. Rembrandt war desillusioniert. Und als Desillusionierung lässt sich auch seine Kunst am ehesten begreifen. Er versuchte nicht mitzuhalten, bemühte sich nicht, mit geschmeidigen Werken wieder ins Spiel zu kommen.

Als ein Auftraggeber klagte, Rembrandt habe sich mit einem bestellten Porträt keine Mühe gegeben, die Dargestellte sei kaum wiederzuerkennen, wies der Maler ihn barsch ab; auf keinen Fall werde das Geld erstattet. Als sich ein anderes Mal jemand beschwerte, die Leinwand eines Gemäldes sei ja schrecklich angestückt, überall sehe man Nähte, beschied ihn der Künstler, das Bild doch einfach ins richtige Licht zu hängen, dann sei es tadellos. Rembrandts Beschwerdemanagement, würde man heute sagen, lief suboptimal.

Wie mit seinen Kunden, so ging er oft auch mit seinen Werken um. Er hatte es gern ruppig, mit dem Spachtel rückte er den Bildern zu Leibe, manchmal auch mit dem Pinselstiel, der schabend und ritzend über die Leinwand fuhr. Darin, sagen manche, zeigte sich erstmals sein unerhörter Freigeist. Er habe die Malerei vorantreiben, sie ketzerisch von ihren Regeln lösen wollen. Und erst in dieser lossigheydt, wie die Holländer sagen, frei von allen Zwängen, habe er zu seiner Größe gefunden: zum Nichtkönnen als wahrem Ausdruck von Könnerschaft.

Möglich, dass es so war, dass Rembrandt tatsächlich einen gesteigerten Sinn fürs Legere entwickelte. Viele Zeitgenossen wollten damals unangestrengt und locker auftreten, die Idee der sprezzatura war aus Italien eingewandert. Dass Rembrandt aber deshalb einen besonders laxen Stil entwickelte, weil er unbedingt als überlegen gelten wollte, dass er überhaupt darauf zielte, künstlerisch etwas zu bewegen und in diesem Sinne innovativ zu sein, wie es der Ausstellungskatalog nahelegt, ist wohl doch eher eine Projektion der Gegenwart. Wenn dieser Maler einem Drang folgte, dann allenfalls dem zur Selbstauflösung.

Dem alten Rembrandt stand klar vor Augen, wie rasch die Malerei an ihre Grenzen gerät. Die meisten Betrachter werden ein Bild nur streifen, und selbst wenn sie genau hinschauen, kann es ebenso gut ein wenig grob gemalt sein. Denn das Unfertige sorgt dafür, dass sie "mehr sehen können, als tatsächlich darin ist", wie ein Zeitgenosse schrieb. Je schwächer das Detail, desto stärker das Bild, "denn die Entfernung und die Dicke der Luft werden bewirken, dass viele Dinge, die an sich voneinander getrennt sind, miteinander zu verschmelzen scheinen".