Es geht nur um ein paar Milliliter Blut. Und um die Frage, ob die Krankenkassen in Deutschland die Untersuchung dieses Blutes bezahlen werden. Mit dieser banalen Entscheidung sind derzeit zahlreiche fachkundige Menschen im Land befasst. Und erstaunlich viele von ihnen wirken ziemlich nervös.

Aufgeschreckt hatte sie ein Bericht der ZEIT (Nr. 4/15). Nach den Recherchen soll künftig ein Test zur Kassenleistung werden, der im Blut von Schwangeren sehr früh ein Down-Syndrom beim heranwachsenden Kind feststellt. Der sogenannte Praenatest der Konstanzer Firma LifeCodexx gilt als sanfte Alternative zur bisher gebräuchlichen Fruchtwasserentnahme bei Risikoschwangerschaften, die zu Fehlgeburten führen kann. Noch am Erscheinungstag der ZEIT -Ausgabe reagierte der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen (G-BA) – er bestimmt, welche medizinischen Leistungen von den Kassen bezahlt werden – mit einer "Klarstellung": Es sei ja nichts entschieden. Außerdem nahm der Ausschuss eine weitere Expertenrunde in Beschlag: Der Deutsche Ethikrat werde in der Sache um sein Votum gebeten. Dort allerdings löste die Presseerklärung nur Erstaunen aus. Erstens war man über das Ansinnen des G-BA nicht informiert, und zweitens hatte der Ethikrat schon 2013 eine Stellungnahme zur Schwangerendiagnostik per Bluttest vorgelegt. Der G-BA könnte die erbetene ethische Handreichung also nachlesen.

Auch im Bundestag hatten am 22. Januar Abgeordnete die ZEIT gelesen und wurden tätig. Ende Februar wird eine Gruppe kritischer Parlamentarier aus allen Fraktionen eine Anfrage an die Bundesregierung richten, die noch abgestimmt wird. So viel steht bereits jetzt fest: Man begehrt Auskunft über die Umstände und Konsequenzen einer Kassenzulassung, über die Entwicklung der Abtreibungszahlen bei Föten mit Down-Syndrom und die rechtlichen Möglichkeiten, eine Einführung des Tests als Regelleistung zu verhindern. Den Referenten im zuständigen Ministerium für Gesundheit mag man nicht beneiden.

Das Ganze ist ein verwunderlicher Vorgang. Erst vor zwei Jahren hatte der Bundestag eine Neuregelung im Sozialgesetzbuch (Paragraf 137 e) verankert; sie ermächtigt den G-BA, ein Verfahren mit dem Ziel der Kassenzulassung selbst zu betreiben. Was die Abgeordneten jetzt besorgt, ist mithin politisch gewollt und herbeigeführt. Der G-BA wird vielleicht in drei Jahren zu einem Ergebnis kommen. Formal ist in der Tat nichts entschieden, doch an der Aufnahme des Praenatests in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen zweifeln schon heute nur sehr weltfremde Zeitgenossen. Die größte Gefahr droht dem Test wohl vonseiten des Herstellers LifeCodexx, dem das Verfahren zu teuer werden und der deshalb seinen Antrag beim G-BA zurückziehen könnte.

Politisch ist eine Blockade der Kassenzulassung nur theoretisch denkbar. Zwar unterliegen die Entscheidungen des G-BA der Aufsicht des Bundesgesundheitsministeriums. Doch mit welcher Begründung könnte das Ministerium von Hermann Gröhe die Zulassung stoppen? Und selbst wenn: Welches Gericht würde urteilen, dass den Kassenpatientinnen eine Vorsorgeuntersuchung vorenthalten werden darf, die schneller, präziser und billiger ist, die zudem ohne Risiko und deutlich früher als bisher durchgeführt werden kann? Das wäre nicht nur irrational und unethisch, sondern wohl auch rechtswidrig. Selbst eine Mitunterzeichnerin der parlamentarischen Anfrage, die ehemalige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt und derzeitige Vorsitzende der Bundesvereinigung Lebenshilfe, die sich für Menschen mit geistiger Behinderung einsetzt, spricht sich nicht für ein Verbot des Bluttests auf Down-Syndrom aus: "Solange Fruchtwasseruntersuchungen durchgeführt werden, kann man den Bluttest nicht verbieten. Wir sind aber gegen Reihenuntersuchungen, wollen eine Beschränkung auf Risikoschwangere und sicherstellen, dass die Frauen gut beraten werden."

Während Deutschland eine abgehakte Debatte aufwärmt, gibt es anderswo gute Gründe für biopolitische Aufregung. Etwa am Dienstag vergangener Woche: Da votierte das britische Unterhaus mit beeindruckender Mehrheit dafür, die Zeugung sogenannter Drei-Eltern-Babys künftig zu erlauben. Diese Methode der In-vitro-Befruchtung soll zur Vermeidung sogenannter mitochondrialer Krankheiten eingesetzt werden.Mitochondrien sind Zellbestandteile mit eigener Erbsubstanz, die der Energieversorgung der Zelle dienen. Sie werden mit dem mütterlichen Ei an das Kind weitergegeben. Ist das mitochondriale Erbgut beschädigt, löst dies oft schwere Leiden aus. Kinder einer Frau mit defekten Mitochondrien erben die resultierende Krankheit unweigerlich.

Um diesen Kindern das Schicksal ihrer Mutter zu ersparen, wollen Reproduktionsmediziner die unbrauchbaren Mitochondrien im Labor ersetzen. Dazu benutzen sie eine Spendereizelle, entfernen deren Zellkern samt der Erbsubstanz und ersetzen ihn durch den isolierten Kern der mütterlichen Eizelle. Auf diese Weise wird die Erbinformation der genetischen Mutter kombiniert mit dem Eiplasma und den darin enthaltenen Mitochondrien einer Spenderin. Es entsteht eine Art Schimäre – und das ist heikel.

Zwar ist das Erbgut der Mitochondrien überschaubar. Die Gene dienen vor allem der Zellatmung. Größeren Einfluss auf die Entwicklung des Kindes hat aber das Eiplasma. Es enthält zwar keine Gene, aber Unmengen Nukleinsäuren (RNA), molekulare Abschriften aus dem mütterlichen Erbgut. Diese Stoffe kontrollieren nicht nur die ersten Schritte des werdenden Lebens, sie haben auch Einfluss auf spätere Genaktivitäten.