1. Vor etwa 60 Jahren habe ich in der damaligen Wochenendzeitung Deutsche Zeitung/Christ und Welt kritisch Stellung genommen zu den rasant wachsenden Möglichkeiten medizinischer Lebensverlängerung. Ich warnte damals davor, von ihnen uneingeschränkten Gebrauch zu machen. Die voraussehbare Folge werde der Ruf nach Euthanasie sein.

Freunde sagten mir damals, das sei doch wohl übertrieben. Die Tabuisierung der Sterbehilfe sei nach dem "Dritten Reich" stabil genug, um dies zu verhindern. Inzwischen ist das Tabu tatsächlich gefallen. Zum ersten Mal wurde es verletzt unter massiver Mitwirkung von Joseph Goebbels in dem gut gemachten Nazi-Film Ich klage an. In diesem Film tritt übrigens schon ein Pastor auf, der genau so argumentiert wie heute der Theologe Hans Küng.

Pate hat diesmal der australische Philosoph Peter Singer gestanden, für den der Mensch erst mit zwei Jahren anfängt, Person zu sein und Anspruch auf Menschenrechte zu haben. Die Verteidiger der Euthanasie und die Verteidiger der Pflicht, Leben uneingeschränkt zu verlängern, haben gemeinsam eine Weltsicht, nach der auch im letzten Stadium des Lebens immer etwas gemacht werden muss, entweder Leben oder Tod – wodurch der Mensch um den Akt des Sterbens betrogen wird.

Der Arzt ist von jeher definiert durch seine Kunst, die Qualität des Lebens zu verbessern und das Leben zu verlängern. Aber verlängern – wie lange?

2. Aus der Straffreiheit des Selbstmords leitet man das Recht ab, dem Kranken beim Suizid behilflich zu sein. Das ist ein Trugschluss. Zunächst: Der Suizid ist in unserer Rechtsordnung nicht erlaubt und kann auch gar nicht erlaubt werden. Es gibt allerdings die Möglichkeit der Straffreiheit für verbotene Handlungen. Mit dem Suizid entzieht der Mensch sich der Rechtsgemeinschaft. Der Staat hat hier nichts mehr zu verbieten und nichts zu erlauben. Falls der Suizidversuch der Gesellschaft Kosten verursacht, muss der Suizidant diese allerdings übernehmen. Der Selbstmord ist im engsten Sinn des Wortes Privatsache. Moralisch, wenn auch nicht juristisch qualifizierbar sind aber auch Privatsachen. Dass der Selbstmord moralisch geächtet bleibt, ist für die menschliche Gemeinschaft von größter Wichtigkeit. Denn wenn er eine sozial akzeptierte und institutionell ausgestattete Möglichkeit ist, wird es unvermeidlich sein, zu verhindern, dass daraus die Pflicht wird, von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen, um den anderen nicht weiter zur Last zu fallen. Schon die Stoiker haben diesen Schluss gezogen. Wie viele Menschen heute schon so handeln, spielt keine Rolle. Es ist nun einmal logisch zwingend: Wenn ich anderen einen Dienst erweisen kann und dies nicht tue, dann trifft mich die Verantwortung für die Folgen der Unterlassung. Das Bewusstsein, das eigene Weiterleben gehe zulasten der Angehörigen und der Kranke könnte sie von dieser Last befreien, kann in dem, der dazu zunächst nicht bereit ist, den Todeswunsch erst entstehen lassen.

3. Die moralische Verurteilung des Suizids hat schon Sokrates gerechtfertigt und nach ihm die platonische und dann vor allem die christliche Lehre. Aber auch Kant und Wittgenstein. Wittgenstein: "Wenn der Selbstmord erlaubt ist, ist alles erlaubt." Mit dem Suizid entzieht sich der Mensch der Rechtssphäre. Aber das gilt nicht für die Beihilfe. Diese ist ein Akt, in dem zwei Personen asymmetrisch involviert sind. Als solcher fällt er in die Rechtssphäre. Und auch der Suizidant kann davon nicht dispensieren. Er kann niemandem zumuten, zu sagen: "Dich soll es nicht mehr geben." Wer nämlich so sagt und entsprechend handelt, negiert sich selbst als Glied der universalen Personengemeinschaft. Der Selbstmord ist auch kein Akt der Befreiung. Es kann nicht Befreiung sein, wenn das Subjekt möglicher Freiheit vernichtet wird. "Wie hast du dich betrogen", heißt es in einem Gedicht von Matthias Claudius an einen Selbstmörder.

Aber wie auch immer man den Suizid moralisch beurteilt, ihn juristisch zu erlauben ist eine ungeheuerliche Anmaßung. Wir können einen lieben Menschen auf der Reise zu einem Todeshaus begleiten, aber nicht ohne klar zu missbilligen, was er zu tun im Begriff ist. Keinesfalls darf er fordern oder auch nur erwarten, dass jemand behilflich ist bei seiner Beseitigung. Zumal wir wissen, dass der Suizidwunsch in den meisten Fällen verschwindet, wenn Menschen um den Kranken sind, denen daran liegt, ihn in ihrer Mitte zu haben, solange die Natur ihn sein lässt.

Wie lange ist das, fragen wir. Das ärztliche Ethos hat hier schon eine hilfreiche Kasuistik entwickelt, oft ohne ein reflektiertes philosophisches Fundament zu besitzen. Dem Nachdenken stellen sich mehrere Fragen: "Von wann bis wann ist der Mensch Person?" In unserer europäischen Tradition kann die Antwort nur lauten: Solange er ein Mensch ist. Und jemand ist ein Mensch, wenn er von einer menschlichen Mutter empfangen wurde – ohne irgendwelche weitere qualitative Zusatzbedingungen.

Die Befürworter der Euthanasie setzen den Augenblickswillen an die Stelle einer diesem Willen vorausgehenden normativen Natur, aber sie wagen es in der Regel nicht, jeden Todeswunsch zu respektieren. Zum Beispiel den aus Liebeskummer. Ein junges Mädchen klagte mir ihre Verzweiflung wegen einer nicht erwiderten Liebe. Ich konnte sie nur trösten mit dem Hinweis, dass die Zeit noch jeden Kummer dieser Art geheilt hat. Ihre Antwort war: "Das ist es ja, was ich nicht will. Die Liebe soll nicht früher sterben als ich. Ich hasse die Zeit, und ich will die bleiben, die ich jetzt bin, und nicht die von morgen werden." Es war schwer, ihr argumentativ etwas entgegenzusetzen. Und doch, wir haben kein Kriterium bei der Evaluierung von Wünschen, wenn wir nicht eine dem Willen vorausliegende normative Natur des Menschen anerkennen.

Kein verantwortungsvoller Arzt oder Angehöriger wird deshalb den Sterbewillen respektieren und jemanden töten, von dem wir wissen, dass sein Wunsch, sich zu töten oder töten zu lassen, übermorgen schon Vergangenheit sein wird. Aber gibt es dafür eine rationale Begründung? Aus diesem Grund Beihilfe verweigern heißt doch: Wir können diesen Wunsch evaluieren. Aber wie können wir das, wenn wir kein Kriterium für eine solche Evaluierung haben? Konsequent wären nur Todeshäuser, in denen diese Dienstleistung ohne jede Prüfung der Motive angeboten wird. Der Anbieter dürfte nur eine analoge Frage zu der des Priesters bei einer Trauung stellen: "Ist es Ihr freier und ungezwungener Wille, in diesem Haus mit ärztlicher Hilfe getötet zu werden?" Die meisten schrecken allerdings vor dieser Konsequenz zurück wie die Dialoggegner des platonischen Sokrates, die davor zurückschrecken, die Konsequenzen aus ihren Thesen, die Sokrates ihnen vor Augen stellt, zu übernehmen. Damit aber haben sich ihre Thesen erledigt.

Für den Physiker gibt es den Begriff der Normalität nicht

4. Es muss also doch wohl so etwas wie eine konstitutive Natur des Menschen geben. Oder ist der Mensch nur, was er sein will, eine These, die Jean-Paul Sartre eingeführt hat, gefolgt von Simone de Beauvoir und heute von Judith Butler, nach welcher es Sache der eigenen Wahl ist, welchem Geschlecht jemand angehört. Die physiologischen Unterschiede gelten nur für den Körper, zu dem dann merkwürdigerweise kein Gehirn gehört, denn ein Gehirn zu haben oder nicht zu haben ist eigene Wahl. Wer also trifft eigentlich die Wahl? Es sind dies vollkommen fantastische Vorstellungen: ein Antibiologismus, der noch fantastischer ist als der biologische Materialismus.

Es gibt aber offenbar doch eine normative Natur des Menschen. Personalität ist kein Bewusstseinszustand, weshalb der Mensch Person ist, auch wenn er schläft. Zwar ist es so, dass wir von Personen nur sprechen mit Bezug auf jemanden, jedenfalls wenn zur Definition der menschlichen Spezies Selbstbewusstsein gehört. Aber das bedeutet nicht, dass nicht auch derjenige Person ist, der aktual gar nicht über Selbstbewusstsein verfügt. Nach dem britischen Philosophen David Wiggins ist Person jedes Wesen, welches einer Spezies angehört, deren normale, reife Exemplare über Selbstbewusstsein verfügen, aufgrund dessen sie auch zum Suizid fähig sind. Aber der gute Gebrauch dieser Fähigkeit ist der Nicht-Gebrauch dieser Möglichkeit, der besser ist als der Gebrauch. Der, der wählen soll, wer er sein will, ist ja schon jemand, der eine Natur besitzt, aufgrund deren er wählt. Und in der Tat ist es auch nur erlaubt, sich in das Leben unserer Mitmenschen einzumischen, weil wir aufgrund einer gemeinsamen menschlichen Natur eine Solidargemeinschaft sind. Gott stellt den ersten Brudermörder Kain zur Rede. Er fragt nicht, ob er dem Abel etwas zuleide getan hat, er fragt nur: Wo ist dein Bruder? Kain ist ein Liberaler. Er antwortet: Bin ich denn der Hüter meines Bruders? Wieso muss ich wissen, wo er ist? Aber Gott will, dass er das weiß. Aber nicht, um ihm behilflich zu sein dabei, sich selbst zu töten.

5. Ich möchte schließen mit einer Bemerkung zum Unterschied zwischen passiver und aktiver Sterbehilfe, das heißt zwischen Töten und Sterbenlassen. Ernst Tugendhat hat gegen mich die These vertreten, jede Unterlassung einer lebensverlängernden Maßnahme sei eine Tötung. Aber das ist extrem kontra-intuitiv. Ein Kind verhungern lassen oder es mit einem Kissen ersticken ist zweifellos beide Male Mord. Tugendhat meint, es müsse dann auch Mord sein, auf die Operation der Großmutter in einer US-amerikanischen Klinik zu verzichten, die ihr Leben um drei Monate verlängern würde. Was ist der Unterschied? Mir scheint diese Frage unbeantwortbar zu sein, wenn man verzichtet auf den Begriff der Normalität.

Für den Physiker gibt es diesen Begriff nicht. Wenn ein Planet abweicht von der berechneten Bahn, dann hat nicht der Planet einen Fehler gemacht, sondern der Physiker. Es gibt im Bereich des Nicht-Lebendigen nicht so etwas wie Normalität oder Anormalität. Der Biologe und Anthropologe aber kann auf diesen Begriff nicht verzichten. Es gibt Unterlassungen, die mit Tötung gleichbedeutend sind, weil sie dem Kind, dem Greis und dem Kranken verweigern, was zu den normalen Lebensbedingungen gehört. Andere Bedingungen dagegen sind außernormal und deshalb zwar nicht ohne moralischen Maßstab, aber Ermessenssache. Einem Kranken neben der notwendigen Zuwendung künstliche Maßnahmen angedeihen zu lassen ist nur dann geboten, wenn der Mensch und sein Organismus danach verlangen. So ist zum Beispiel Ernährung mit einer Sonde dort nicht geboten, wo der Organismus jede normale Ernährung zurückweist. Ihn deshalb verhungern zu lassen kann erlaubt und oft sogar Pflicht sein. Meines Erachtens müsste man unsere Gesetze so ändern, dass der Arzt keine Strafe riskiert, wenn er unter Berücksichtigung aller Bedingungen die außerordentlichen Maßnahmen der Lebensverlängerung einstellt. Wer das tut, tötet nicht, sondern hört auf, einen Patienten zum Leben zu zwingen. Die Behandlung abbrechen ist zwar heute selbst eine Aktivität, nämlich das Drehen eines Schalters, aber das darf uns nicht dazu führen, zu verkennen, dass in Wirklichkeit hier nur auf eine außernormale Aktivität verzichtet wird.

Der Philosoph Robert Spaemann, geboren 1927, ist berühmt als Kritiker von Atomkraft, Tierversuchen und gentechnischen Manipulationen