Marta* war 17, als sie an einem Herbsttag eine neue Familie fand. Andere in ihrem Alter gehen als Austauschschüler ein Jahr lang nach Neuseeland, China oder Costa Rica. Marta zog von Jena in Thüringen nach Wernigerode im Harz. Drei Monate Psychiatrie lagen hinter ihr, zur Schule war sie schon länger nicht mehr gegangen. Zu Mutter, Vater und ihren vier Schwestern hatte sie kaum noch Kontakt. Marta trug enge Jeans, die ihre Beine noch dünner aussehen ließen. Sie war ausgezehrt, wog noch gut 50 Kilo, dunkle Schatten hatten sich unter ihre braunen Augen gelegt. Ein Vormund vom Jugendamt begleitete sie in den Harz, sonst niemand. Seitdem Marta aufgehört hatte zu funktionieren, war sie allein. Und als sie hoch oben über Wernigerode vor dem Tor des Kiefernwegs 7 aus dem Auto stieg und eine Mitarbeiterin des Therapeutischen Internats die Tür öffnete, sagte Marta: "Ich suche nur ein neues Zuhause."

Eineinhalb Jahre später. Ein eisiger Wind weht durch Wernigerode. Christoph Spamer, der das Therapeutische Internat Weiße Villa Harz vor zwölf Jahren gemeinsam mit seiner Frau gegründet und aufgebaut hat, trifft Marta zum Nachmittagskaffee, nimmt sie in den Arm, drückt ihr einen Kuss auf die Wange und blickt ihr prüfend in die Augen. Wie geht’s? Was ist los? Krise überstanden? Marta sieht erschöpft aus, ringt sich ein Lächeln ab. Zwei Tage lang hat sie wieder gekämpft mit der Erinnerung, mit dem Schmerz, gegen die alten Fluchtreflexe. Vorgestern, am Sonntag, war die Mutter zu Besuch im Internat. Zum zweiten Mal. Aber es war das erste Mal, dass sie überhaupt etwas sah und hörte, sich "wirklich eingelassen hat", wie Marta das sagt. Als die Mutter weg war und Marta allein, kamen die alten Bilder wieder hoch. Sie saß auf ihrem Bett, weinte, versuchte, sich abzulenken, "zu betäuben", flüchtete sich in kurzlebige Projekte, in Sport, wich anderen aus, schlief nicht, ging nicht zur Schule. So fing es damals an, als sie 14 war, und so ging es lange weiter. Vor zwei Jahren noch wäre sie in diesem Zustand einfach verschwunden, weggeblieben, bis keiner mehr nach ihr gefragt hätte. Hier im Internat kann sie sich nicht verstecken.

Das sei das Erste, was man den jungen Menschen austreibe, sagt Christoph Spamer. "Wir entreißen ihnen den Apparat, in dem sie sich bisher verkrochen haben."

40 Kinder und Jugendliche leben zurzeit in der Weißen Villa Harz. Die Jüngsten sind zwölf Jahre alt, die Ältesten 21. Sie kommen, weil nichts mehr geht. Weil alles versucht wurde, bei Ärzten, Analytikern, Therapeuten, Psychiatern, ja sogar Wunderheilern – ohne Erfolg.

Ihre Geschichten klingen oft ähnlich. Die meisten waren unauffällige, gute bis hochbegabte Schüler, die wussten, was von ihnen erwartet wurde, die alles gaben, um den Anforderungen von Elternhaus und Schule zu genügen. Bis irgendwann die Maske fiel, die Fassade zusammenkrachte, die Seele rebellierte. Dann gingen sie nicht mehr zur Schule, trauten sich nicht mehr aus dem Haus, trauten keinem mehr, entwickelten Angststörungen, Depressionen, Bulimie, Spielsucht, Verhaltensauffälligkeiten und Borderline-Symptome. Kinder, die aufgehört haben zu sprechen, kommen nach Wernigerode, junge Menschen, die sich selbst verletzen, um überhaupt noch etwas zu spüren. Die Gründe: Trennungen, Familienkrisen, sexueller Missbrauch, Mutter oder Vater erkranken schwer oder sind beruflich erfolgreich und viel unterwegs, aber nie zu Hause. Die Eltern kämen ähnlich traumatisiert in Wernigerode an wie die Kinder, sagt Spamer. "Viele dieser Jugendlichen wurden von Therapeuten und Experten längst aufgegeben, die sollten mit 18 in die Frühverrentung."

Christoph Spamer ist Diplompädagoge und Supervisor. Er hat große Jugendhilfe-Einrichtungen geleitet, später in forensischen Kliniken gearbeitet, er weiß, dass solche "hochkomplexen Störungsbilder" vor allem Zeit brauchen. Viel Zeit und noch mehr Zuwendung. Als er und seine Frau ihre Arbeit in Wernigerode begannen, planten sie, mit einem nahe gelegenen Internat zu kooperieren, das für seelisch belastete Kinder kaum therapeutische Kapazitäten hatte. Aus finanziellen Gründen aber wollte man dort diese Schüler nicht verlieren. Deshalb sagte man den Spamers, man wolle die Kinder möglichst nach drei Monaten zurück, und bitte geheilt! Noch heute schüttelt das Paar den Kopf darüber. In der Regel bleiben die Jugendlichen drei bis vier Jahre bei ihnen. Ein Team von fast 40 Mitarbeitern, darunter Sozialpädagogen, Psychologen, Lehrer und Therapeuten, kümmert sich um die "jungen Menschen", wie man sie in Wernigerode nennt. Vor allem am Nachmittag, am Abend, in der Nacht. Vormittags besuchen sie die staatlichen Schulen der Stadt. Wichtigstes Ziel: Die Jugendlichen sollen zurück in die Gesellschaft. So schnell wie möglich, raus aus der Isolation, raus aus der Angst. Das Internat als sicherer Ort, gern auch als "Zweitfamilie auf Zeit", aber nicht als Blase, die mit dem Leben draußen nichts zu tun hat.

Eine kleine, internatseigene Schule gibt es erst seit gut einem Jahr. Sie ist für jene Kinder gedacht, die sich den Schritt in eine fremde Klasse gerade am Anfang noch nicht zutrauen. Hier wird streng nach Lehrplan gearbeitet, meist in Einzelunterricht. Nach einigen Monaten werden die Kinder aus dem Schonraum entlassen. An den Gymnasien und Regelschulen sind sie Schüler wie alle anderen auch. "Keine Sonderrolle!", sagt Christoph Spamer. "Keine Extrabehandlung." Das Internat unterstützt die Lernentwicklung am Nachmittag mit festen Hausaufgabenzeiten; vor Prüfungen und Abitur wird auch sonntags gepaukt.