Die Weiße Villa © privat

Das alles hat seinen Preis. Ein Platz in Wernigerode kostet 6.000 Euro im Monat. Die Eltern beteiligen sich einkommensabhängig, den Großteil bezahlt der Staat. Rechtliche Grundlage ist häufig der Paragraf 35a des Kinder- und Jugendhilfegesetzes. Danach erhalten Jugendliche Unterstützung, deren "seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für ihr Alter typischen Zustand abweicht". Jugendämter aus ganz Deutschland schicken Kinder nach Wernigerode; die Nachfrage ist groß. Rund 140 Anfragen von Jugendlichen in Not erhält das Internat pro Jahr.

Die Weiße Villa ist ein Ort der klaren Strukturen, Regeln und Grenzen. Dinge, die viele Jugendliche aus dem Zusammenleben mit ihren Eltern nicht mehr kannten. Es gebe ein Mädchen, erzählt die Psychologin Karin Morgenroth bei einem Rundgang durch das Haus, die habe ihre Mutter so weit gebracht, alles zu kaufen, was das Kind wollte. Egal, wie teuer die Turnschuhe waren, sie bekam sie – und wenn nicht, machte sie der Mutter das Leben zur Hölle. "Solche Kinder ordnen sich nicht von einem Tag auf den anderen unter. Die Auseinandersetzungen sind heftig. Die wehren sich, protestieren. Da ist es gut, dass wir die Arbeit auf viele Schultern verteilen. Wenn der eine nicht mehr kann, stellt sich der Nächste in den Ring." Das Therapeutische Internat hilft und unterstützt, aber erwartet auch viel, von den Kindern genauso wie von den Eltern. Vier- bis fünfmal im Jahr werden die Eltern zu Seminaren eingeladen. Dort sollen sie über ihre Rolle nachdenken, über ihre Verantwortung an der Krise, in die ihre Kinder geraten sind. Es geht darum, Tabus aufzubrechen und sich endlich nichts mehr vorzumachen. Das falle gerade den gut situierten, nach außen erfolgreichen Familien sehr schwer, sagt Spamer.

Marta streift durch die Räume der Weißen Villa, wie ein Kind, das lange nicht mehr zu Hause war. Sie wohnt inzwischen in einer Wohngemeinschaft in der Stadt, nicht ganz allein, umgeben von Betreuern auch dort, aber sie verbringt ihren Tag selbstständig, holt sich nur noch Hilfe, wenn sie diese braucht. "Das ist die Vorbereitung auf das Studentenleben", sagt Christoph Spamer. Der Umzug in eine neue Wohngruppe steht immer für einen Fortschritt, für eine Entwicklung. Die meisten fangen in der Weißen Villa an, wo auch die Spamers, drei Hunde und eine Katze ihr Zuhause haben. Marta weiß noch, wie sie in der ersten Woche jeden Abend auf dem Bett saß und "drei Stunden nur geheult" habe. Aber anders als sonst war nun jemand bei ihr. Diese "absolute Wärme" sei ihre Rettung gewesen, sagt Marta heute. "Das hat mich umgehauen. Ich hatte vergessen, wie herzlich Menschen sein können."

Wenn Marta ihre Geschichte erzählt, merkt man schnell, dass sie Übung darin hat, sich an das Unerträgliche zu erinnern. In einer Art dokumentarischen Sprache beschreibt sie, wie ihr alles genommen wurde. Sie wächst als drittes von fünf Kindern in einer wohlhabenden Familie auf. Der Vater verdient viel Geld mit der eigenen Firma, es reicht für eine Villa, für Putzfrau und Köchin. Die Kinder gehen reiten, spielen Instrumente, Theater. Nach der Grundschule schafft Marta die Aufnahmeprüfung für ein naturwissenschaftliches Spezialgymnasium. Ohne Anstrengung schreibt sie Einsen und Zweien. Die Leidenschaft für Mathe, Physik, Chemie und Technik teilt sie mit ihrem Vater. Er nimmt sie mit ins Planetarium, in Museen, sie diskutieren viel. "Ich war als Einzige unter uns Schwestern ein Papa-Kind. Ich hab ihn über alles geliebt."

Als Marta 14 ist, bricht auf einmal alles zusammen. Der Vater verliert in der Wirtschaftskrise viel Geld. Die Firma steht vor der Insolvenz und der Vater vor Gericht. Er fängt an zu trinken. Die Mutter verliert sich in einer tiefen Depression, holt sich keine Hilfe. Für die Kinder werden die Eltern unerreichbar, sie schreien sich nur noch an, trennen sich aber nicht. Die große Schwester bleibt nach einem Auslandsjahr in Australien, die andere flüchtet sich in eine Essstörung und zieht in eine betreute Wohngruppe. Es bleiben Marta und ihre kleinen Schwestern. Und Marta versucht zu funktionieren. Betäubt sich mit Aufgaben und Projekten. Sie bleibt lange in der Schule, geht danach oft noch zu Freunden. "Irgendwann wollte ich gar nicht mehr nach Hause. Mir ist richtig schlecht geworden, wenn ich nur daran dachte." Sie schwänzt die Schule, meldet sich krank, bleibt im Bett. Niemand merkt, wie es ihr geht, niemand fragt, ob er helfen kann. Auch nicht die Menschen, die sie am dringendsten braucht. Die Mutter liegt verwahrlost auf dem Sofa. Der Vater landet mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus. "Wie ein Zombie sah er da aus", sagt Marta.