Auch Seminare für Eltern werden angeboten. © privat

Sie geht selbst zum Jugendamt, sie weiß, wer dort ihrer Schwester geholfen hatte. Sie sagt der Mitarbeiterin, sie halte es nicht mehr aus zu Hause, und veranlasst, dass sie einen Platz in einer betreuten Wohngruppe bekommt. Als sie auszieht, rastet die Mutter aus, die Polizei kommt, Marta fühlt sich schuldig. Dann ist sie weg. Die Eltern erfahren nicht, wo sich die Tochter aufhält. Marta geht mal zur Schule, mal nicht, sie wirkt cool und gefasst, keiner kann in sie hineinschauen. Dann die Bulimie. Sie stopft Unmengen an Essen in sich rein, erbricht es wieder. Essen. Brechen. Essen. Brechen. Irgendwann heißt es: Du musst in die Klinik. "Das war die totale Selbsterniedrigung. Aber gleichzeitig ein Moment, in dem mir alles egal war", sagt Marta.

Drei Monate blieb Marta in der Psychiatrie – ohne Perspektive. "Die hatten überhaupt keine Lösung für mich", sagt sie. "Wir redeten und redeten, ohne zum eigentlichen Kern vorzudringen. Ich wollte raus da, ich brauchte etwas Konkretes, etwas zum Leben." Ein Zuhause gab es nicht mehr. Wohin sollte sie? Sie fand einen Prospekt in der Klinik. Die Weiße Villa in Wernigerode. Vielleicht können die mir noch helfen, dachte Marta und fuhr hin.

Gabriele und Christoph Spamer wurden ihre zweite Familie. Sie hat mit ihnen Weihnachten verbracht, und in den Ferien bleibt sie oft in Wernigerode, wenn andere zu ihren Eltern fahren. Das Ehepaar lässt das zu, weil sie wissen, dass eine Entwicklung bei den Kindern "nur in einer echten, ehrlichen Beziehung stattfinden kann". Deshalb sind ihre Türen immer offen, deshalb ist ihr Handy immer an – wenn es einer am Heimfahrtwochenende zu Hause nicht aushält, kann er kommen, die Spamers sind da. "Wie wir leben, das kann man keinem anderen zumuten", sagt Gabriele Spamer. Und doch verlangen sie auch von ihren Mitarbeitern überdurchschnittliches Engagement. "Hier spielt das Leben mit allen Höhen und Tiefen, die es zu bieten hat, das lässt sich nicht in einen Achtstundentag pressen." Wer hier arbeite, der müsse bereit sein, viel von sich zu zeigen. Gerade in den Gesprächen, in den Therapien mit den Jugendlichen. "Ritterrüstung ist hier nicht angesagt", sagt die Chefin.

Marta war verblüfft, wie viel die Therapeuten von sich selbst erzählt haben. Sie kannte nur solche, die betroffen schauten, am laufenden Band Fragen stellten und darauf warteten, dass sie alles preisgibt. Marta sagt, am Anfang habe sie nicht geglaubt, dass es die Menschen im Internat in Wernigerode ernst mit ihr meinten, dass diese Beziehungen wirklich sicher seien. Sie ist weggerannt, hat geklaut, schwänzte auch hier die Schule. "Ich wollte sehen, ob die das aushalten."

Wie blickt sie heute auf ihr Leben damals in Jena zurück? Als alle Fassaden noch standen, alle noch funktionierten? "Ich frage mich oft: War ich glücklich damals? Und denke dann: Ich war ehrgeizig, ich war leer, ich war absolut oberflächlich in meinen Beziehungen."

Am nächsten Morgen steht Marta frierend vor dem Gymnasium. Sie hat sich nur eine Strickjacke vom Haken gegriffen, als sie losging. Jetzt sind es null Grad. Marta zuckt mit den Schultern: "Geht schon." Die Schule sei für sie "immer noch ein kaltes System". Die Mitschüler seien in Ordnung, aber sie habe keine Themen mit ihnen. "Ihre Leben langweilen mich." – "Dorfschule", sagt Marta abfällig. Kein Vergleich zu den Anforderungen, die es in Jena gab.

Sie kennt ihre Begabungen, die sind immer noch da. Aber dieses Leistungsdenken hilft ihr nicht dabei, ihre Geschichte zu verarbeiten, "Mensch zu werden", wie Christoph Spamer das nennt. Sich darauf vorzubereiten, allein klarzukommen, so weit ist sie noch nicht. Ein Jahr würde sie gern noch in Wernigerode bleiben. Wenn alles klappt, macht sie ein Freiwilliges Soziales Jahr im Internat. "Dann kann ich etwas zurückgeben", sagt Marta.

Wen sie zum Abi-Ball mitbringen werde, will die Lehrerin in der Pause noch wissen. "Die Spamers", sagt Marta sofort. "Die müssen dabei sein!" Ob ihre Eltern kommen, die inzwischen getrennt sind und an unterschiedlichen Orten leben – wer weiß? "Bei manchen Dingen funktionieren sie noch erstaunlich gut", sagt Marta.

Die Ferien beginnen. Marta fährt nach Jena. Für einen kurzen Besuch beim Vater. "Wenn ich ihn sehe, suche ich nicht mehr nach dem Idealbild", sagt sie schnell.

Mehr als ein Jahr hat Marta für diesen Satz gearbeitet. "Mir reicht es, wenn es wenigstens einen guten Moment mit ihm gibt." Einen, der sich anfühlt wie früher.

*Name geändert