Lesen Sie hier die englische Version des Interviews.

DIE ZEIT: Warum haben Sie sich unter allen Berufen ausgerechnet für das Banking entschieden?

Anshu Jain: Mein Ökonomiestudium war eine spannende Mischung aus Geschichte, Politik und Mathematik. Das war meine erste Liebe. Als ich später in die Vereinigten Staaten ging, habe ich ein Finanzstudium begonnen. Da eröffnete sich mir eine völlig neue Welt. Und wenn man sich für Wirtschaftswissenschaften und Finanzen interessiert, werden Banken zu einem natürlichen Arbeitsfeld.

ZEIT: Erinnern Sie sich noch an den Moment, als das Finanzthema Sie zum ersten Mal gefangen nahm?

Jain: Das war 1983, vor mehr als 30 Jahren. Vieles, was für uns heute selbstverständlich ist, gab es damals noch gar nicht. Es entstanden erste rudimentäre Märkte für Termingeschäfte und Optionen. Und ich hatte das große Glück, wissenschaftlicher Mitarbeiter eines Professors zu werden, der echte Pionierarbeit auf diesem Gebiet leistete. Die Zusammenarbeit mit ihm eröffnete mir die Welt der Märkte im Allgemeinen, aber ganz besonders faszinierten mich die Derivate.

ZEIT: Als Teenager wollten Sie Journalist oder Sportler werden. Wie passt das mit dem Banking zusammen?

Jain: Bei jedem von uns hat die Persönlichkeit unterschiedliche Seiten. Für den Sport habe ich die Leidenschaft, aber nicht die athletischen Fähigkeiten. Meine Liebe zum Journalismus ist eigentlich Ausdruck der Liebe zum geschriebenen und gesprochenen Wort. Ich lese gern und bin ein unersättlicher Konsument der Presse. Ich lese sie nicht nur als Nutzer, sondern stelle mir auch oft vor, wie mein Ansatz bei einer bestimmten Story wäre, wenn ich sie selbst schreiben würde.

ZEIT: Wenn Sie mal für eine Woche den Job tauschen wollen, lassen Sie es uns wissen.

Jain: (lacht) Da könnte ich Sie wirklich überraschen! Ich denke, als Bankenreporter hätte ich viel Spaß.

ZEIT: Wie wurden Sie zu Hause erzogen? Welche Werte haben Sie mitgenommen?

Jain: Sehr starke Werte. Mein Vater war Geschichtslehrer und arbeitete später als Rechnungsprüfer für die Regierung. Meine Mutter war eine Hausfrau. Ich wuchs also in einer traditionellen indischen Mittelklassefamilie auf. Werte wurden betont, solange ich denken kann. Demut und Bescheidenheit waren von großer Bedeutung. Nicht zu prahlen war ganz wichtig, und man wurde stets ermutigt, alles mit größter Konzentration und Leidenschaft zu tun.

ZEIT: Sie haben einmal gesagt, dass Ihr Vater sich mehr wie ein Freund als wie ein traditioneller Vater verhielt.

Jain: Ich habe Weihnachten mit meinem Vater verbracht und ihm gesagt, dass er seiner Zeit weit voraus war. Die sechziger Jahre in Indien waren eine sehr konservative Zeit, und die typische Beziehung zwischen Vater und Sohn war sehr hierarchisch – aber nicht bei uns zu Hause. Es wurde debattiert, und es wurde von einem erwartet, dass man Dinge infrage stellt. Damals war das für mich selbstverständlich. Heute wird mir klar, was für eine ungewöhnliche Erziehung das war.

ZEIT: Waren die Familienkultur und die Schulkultur sehr unterschiedlich?

Jain: Absolut. Ich besuchte einige hoch angesehene indische Bildungseinrichtungen. Aber diese Schulen waren riesig, was daran lag, dass es relativ wenige Schulen für die wachsende Bevölkerung gab. Die Klassen waren groß, die Hierarchien stark, alles sehr von oben nach unten.

ZEIT: Mit zehn Jahren sagte Ihnen eine Lehrerin, so einen Schüler hätte sie noch nie gehabt. Was meinte sie damit, und welche Wirkung hatte das auf Sie?

Jain: Ich erinnere mich gut daran. Sie hat das nie besonders erklärt. Aber es war schon ein ziemlich einschneidendes Erlebnis für mich, in dem Alter zu hören, dass sie noch nie jemanden wie mich erlebt hatte. Ich bin sicher, dass da genauso viele nervige Aspekte zum Ausdruck kamen wie positive.

ZEIT: Und doch waren Sie nie Klassenbester. War das vielleicht Absicht, um bloß nicht als Streber dazustehen?

Jain: Nein, so etwas macht man nie mit Absicht. Ich war auch nicht weit von der Spitze entfernt. Im Nachhinein betrachtet, habe ich es wohl schon früh verstanden, meine Interessen auszubalancieren. Weil ich die Arbeit für die Schule begrenzte, konnte ich danach immer noch Sport treiben, diskutieren und einfach Spaß haben.

ZEIT: Welches Image hatten Sie als Teenager in Ihrer Schule?

Jain: Ein ziemlich anderes, als Sie es sich heute vielleicht vorstellen würden. Ich war nicht so fokussiert.

ZEIT: Und doch müssen Sie irgendwann Ihre eigenen Standards entwickelt haben, die damit zu tun hatten, sich auszuzeichnen und zu den Besten zu gehören.

Jain: Das geschah spät in meinem Leben. Erst als ich in die USA kam, entwickelte ich echten Ehrgeiz. Hier bildeten sich mein Fokus und Antrieb heraus. Ich teile mein Leben tatsächlich in zwei Abschnitte ein: vor und nach dem Einstieg in dieses Flugzeug, mit dem ich Indien als Zwanzigjähriger ohne Geld verlassen habe – offen für das, was mich erwarten würde. Und praktisch gleich, als die Räder wieder auf dem Asphalt aufsetzten, wurde es zur klassischen Immigrantengeschichte des plötzlichen Erwachens. Das liegt zum Teil daran, dass man gar keine Wahl hat. Man ist in ein fremdes Land gekommen und hat keine finanziellen Mittel. Es liegt aber auch daran, dass sich plötzlich Wege eröffnen und man wirklich erkennt, dass alles möglich ist – je härter man arbeitet, umso mehr kann man erreichen. Ich kam in ein System, in dem jeder ein Einwanderer ist. Und ich kam aus einer zweitausend Jahre alten Kultur, die zu diesem Zeitpunkt gerade eine Phase des Fabianischen Sozialismus durchmachte und in der der Preis für Spitzenleistungen sehr gering und der Preis des Versagens sehr hoch war.