Wer einen Lamborghini fährt, der kann auf der Adi-Preißler-Allee den Zwölf-Zylinder-Motor noch einmal richtig jaulen lassen. Mit ein paar herzhaften Gasstößen biegt BVB-Stürmer Pierre-Emerick Aubameyang ein in die Straße, die zum Trainingsgelände der Borussia in Dortmund-Brackel führt. Das goldmetallicfarbene Geschoss brüllt auf, schlingert kurz, dann kommt es auf Höhe der Umkleideräume zum Stehen. Flügeltüren fahren empor, aus dem Schalensitz des Beifahrers klettert Marco Reus ins Licht. Ankunft eines Retters, Reus kommt nicht an – er wird vorgefahren.

Der schmächtige Mittelfeldmann ist beileibe kein neues Gesicht in Dortmund. Aber er hat jetzt, mitten in der großen Krise, einen neuen Vertrag unterschrieben, der ihn bis 2019 an Dortmund bindet. Wenn das mal kein Statement ist – Reus bleibt ein Schwarz-Gelber, komme, was da wolle. An ihm soll sich ein ganzer Fußballverein aufrichten, ein Ensemble von hoch bezahlten Profis soll wieder siegen lernen, weil der 25 Jahre alte Marco Reus gesagt hat, dass er bleibt. Mehr Anfang war selten.

In Kehls Sätzen schwingt die Ratlosigkeit mit, wie das bloß passieren konnte

Gut hundert Meter entfernt sitzt Sebastian Kehl, 35, in einem Bürocontainer an einem Bistrotisch. Kehl ist lange Mannschaftskapitän der Borussia gewesen. Weil er sich an der Schulter verletzte, hat er jetzt drei Spiele gefehlt. Als draußen der Lamborghini vorbeiröhrte, hatte Kehl sich einen Moment lang unterbrechen lassen. Jetzt spricht er in die Ruhe hinein Sätze, in denen noch immer die Ratlosigkeit darüber mitschwingt, wie das alles passieren konnte, wie schwer die Verunsicherung über so viele Monate im Maschinenraum des BVB gewesen ist. "Es hat uns an der Konstanz gefehlt, auch deshalb sind wir in der Liga in eine Negativspirale geraten." Selbst in den dunkelsten Momenten habe die Mannschaft um ihre hohe Qualität gewusst. "Aber wir haben kaum die Gelegenheit genutzt, diese Güte zu beweisen." Es sei für ihn nicht immer zu erklären gewesen, "warum wir die PS nicht auf die Straße brachten".

Sebastian Kehl spielt seit 13 Jahren für Dortmund, 270 Spiele stecken ihm in den Knochen, ihm muss keiner was erzählen. Die Meisterschaft hat er dreimal gewonnen, mit der Nationalmannschaft ist er Vizeweltmeister geworden – aber der tiefe Fall des BVB hat ihn sprachlos gemacht. Was hat man nicht alles versucht? "Der Trainer hat uns immer wieder daran erinnert, dass es nicht um persönliche Schicksale in unserer Situation gehen darf. Aber das hat auch jeder von uns verstanden. So haben auch zum Beispiel alle den Torwarttausch oder den einen oder anderen Wechsel auf dem Feld zum Wohle der Mannschaft mitgetragen." An allen Schrauben habe man gedreht. Ohne Erfolg.

Jetzt also Marco Reus.

Fußball ist nicht alles – aber alles ist nichts ohne Fußball, dieses Motto zieht sich durch das ganze Leben des jungen Spielers. Bei der Borussia ist Reus, seit er sechs ist. Bereits mit vier Jahren spielte er mit "Äpfeln oder Apfelsinen", alles, "was rund war, zog mich irgendwie magisch an". Und jetzt: "Achtung, keine Autogrammkarten mehr auf Lager", heißt es dieser Tage auf seiner Homepage. Vor Marco Reus geht gerade eine ganze Stadt auf die Knie. "Dass sich Marco inmitten einer sportlichen Krise für die Borussia entschieden hat", überschlägt sich BVB-Chef Joachim Watzke, "zeigt ein Höchstmaß an Identifikation, auf das wir sehr stolz sind." Wer in diesen Tagen in Dortmund unterwegs ist, wird das Gefühl nicht los, Fußball habe sich über Nacht vom Mannschafts- zum Einzelsport verwandelt.

Tatsächlich gewinnt am vergangenen Wochenende der BVB nicht nur ein Heimspiel. Obwohl die Mannschaft mal wieder früh in Rückstand gerät, erleidet sie nicht den sonst üblichen Atemstillstand, sondern dreht das Spiel gegen Mainz noch und gewinnt 4 : 2. Ohne Reus wäre das – möglicherweise – nicht gelungen. Hat der "2019-Mann", wie ihn Stadionsprecher Norbert Dickel begrüßte und später auch verabschiedete, den Verein gerettet? Geht das so einfach? Mit anderen Worten, hätte sich die sportliche Misere in Dortmund vermeiden lassen, wenn man diesen Reus schon vor einem halben Jahr zu einer Unterschrift unter einen neuen Vertrag gebracht hätte?

Im Überschwang der Gefühle feiert das Dortmunder Stadionmagazin Echt den Retter als "uns Marco", so wie die Hamburger das früher mit ihrem Uwe Seeler als "uns Uwe" gemacht haben. Als ließen sich die Philosophien früherer Fußballtage so ohne Weiteres in die Gegenwart heben. Eine moderne Taktik, darin stimmen auch so unterschiedliche Charaktere wie Joachim Löw und Pep Guardiola überein, setzt nicht auf den einen und betrachtet den Rest des Kaders als Staffage. So gesehen, ist der Auftritt von Reus in Dortmund eine Art von letzter Karte, die jetzt gespielt ist. Man hat sich damit Luft verschafft und zugleich eine große Last auf nur eine Schulter gepackt. Als ließe sich so der komplette Ausfall einer Mannschaft ausgleichen, die mehr als nur die fußballerische Qualität eingebüßt – die darüber hinaus ihr Selbstbewusstsein verloren hat. "Natürlich spielt der Kopf in so einer extremen Situation eine entscheidende Rolle", erinnert sich Sebastian Kehl. "Wir waren gefordert, das Wirgefühl wieder zu stärken. Und der Trainer hat uns stets die richtigen Worte mitgegeben – mal laut und mal leise. Aber am Ende kann man niemandem in die Seele schauen."