Vor den Demonstranten lag ein weiter Weg: Rund 85 Kilometer waren es von der Kleinstadt Selma im südlichen Alabama nach Montgomery, der Hauptstadt des Bundesstaates. Hier wollten sie vor dem Amtssitz von Gouverneur George C. Wallace dagegen protestieren, dass die Polizei von Alabama schwarze Amerikaner misshandelte und verhaftete, nur weil diese ihr Wahlrecht einforderten. Doch die rund 600 Marschierer, die sich am 7. März 1965 nach dem sonntäglichen Kirchgang aufmachten, kamen nicht weit. Kurz hinter dem Ortsschild von Selma, wo die Edmund-Pettus-Brücke (benannt nach einem Terrorpaten des Ku-Klux-Klans) über den Alabama River führt, erwartete sie eine mit Helmen, Schlagstöcken und Tränengas ausgerüstete und durch berittene Bürgerwehr verstärkte Polizeitruppe. Als die Bürgerrechtler der Aufforderung zur Umkehr nicht gleich folgten, brach, wie das Time Magazine schrieb, eine "Orgie der Polizeibrutalität" los. "Schnappt euch die gottverdammten Nigger!", feuerte Sheriff Jim Clark seine Männer an, die den Protestzug rücksichtslos niederknüppelten. Dutzende Demonstranten wurden zum Teil schwer verletzt.

Dass Kamerateams der großen US-Fernsehsender den Gewaltexzess filmten, störte die Polizisten nicht. Nur wenige Stunden später starrten Millionen Amerikaner entsetzt auf die Szenen aus Alabama, die ihnen die Abendnachrichten in die Wohnzimmer lieferten. Der Sender ABC unterbrach für den Bericht aus Selma sogar sein Programm. Es lief ausgerechnet der Spielfilm Das Urteil von Nürnberg, der von der Verantwortung der "normalen" Deutschen für die Verbrechen der Nazis handelt. Schwarze Kommentatoren verglichen die Polizei von Alabama mit Hitlers SA.

Der "blutige Sonntag", wie die Ereignisse bald genannt wurden, fügte sich in die Strategie der Bürgerrechtsbewegung, durch friedlichen Protest gewalttätige Reaktionen zu provozieren. Bilder rassistischer Gewalt, so lautete das Kalkül von Martin Luther King, dem bekanntesten Bürgerrechtler der USA, würden die amerikanische Öffentlichkeit aufrütteln und die Bundesregierung in Washington unter Druck setzen.

Zwei Jahre zuvor hatte diese Strategie in Birmingham, Alabama, der Bewegung ihren bis dahin größten Erfolg beschert. Dort hatte Polizeichef Eugene "Bull" Connor friedliche Demonstranten so lange mit Wasserstrahlen aus Hochdruckschläuchen und bissigen Hunden traktieren lassen, bis die Regierung Kennedy die Geduld verlor und ein bahnbrechendes Bürgerrechtsgesetz auf den Weg brachte. Der im Juli 1964 verabschiedete Civil Rights Act verbot Rassentrennung und Diskriminierung am Arbeitsplatz, hatte aber die Wahlrechtsfrage offengelassen. Noch immer wurden im tiefen Süden die meisten Afroamerikaner durch schikanöse Verfahrenstricks und Einschüchterung daran gehindert, sich als Wähler registrieren zu lassen und ihre Stimme abzugeben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 8 vom 19.02.2015.

Selma war ein idealer Ort, die politische Diskriminierung der Afroamerikaner an den Pranger zu stellen. Sie stellten die Mehrheit der Einwohner, aber von den rund 15.000 erwachsenen Afroamerikanern waren gerade einmal 335 als Wähler registriert. Alle Versuche, ihre Zahl zu erhöhen, prallten wie an einer Wand ab. Jim Clark, der Sheriff von Selma, gab sich als kompromissloser Hüter der weißen Vorherrschaft. Er würde, da waren sich die Bürgerrechtler sicher, der Bewegung die Bilder liefern, die sie brauchte – "am besten mittags auf der Hauptstraße, vor den Kameras von CBS, NBC und ABC", wie Kings Mitstreiter Andrew Young hoffte. Schon im Januar 1965 hatte Clark immer wieder Proteste mit dem Schlagstock auflösen und Tausende Demonstranten verhaften lassen, darunter auch King, der allerdings rasch gegen Kaution freikam.

King war innerhalb der Bewegung keineswegs unumstritten. Ihm eilte der Ruf voraus, er wolle vor allem sich selbst in Szene setzen und gehe zu schnell Kompromisse mit dem weißen "Establishment" ein. An der Demonstration vom 7. März nahm er nicht teil, weil ihm das FBI mitgeteilt hatte, es könne ihn nicht vor Attentätern schützen.

Über die Frage, ob die Bürgerrechtler nach dem ersten Versuch sofort wieder nach Montgomery losmarschieren sollten, kam es intern zu heftigen Konflikten. King vermied die Konfrontation, nachdem auch ein zweiter Versuch am 9. März gescheitert war, und wartete ab, bis ein Bundesgericht das Demonstrationsverbot aufgehoben hatte. Der dritte Marsch begann schließlich am 21. März und wurde von einem massiven Aufgebot der Bundespolizei und der Nationalgarde Alabamas geschützt, die Präsident Lyndon B. Johnson unter Bundesbefehl gestellt hatte.

Am 25. März versammelten sich 30.000 schwarze und weiße Bürgerrechtler zu einer friedlichen Kundgebung vor dem Kapitol in Montgomery. Am Abend gab es noch ein großes Konzert, bei dem auch Nina Simone, Sammy Davis Junior und Harry Belafonte auftraten. Der Triumph der Gewaltlosigkeit wurde jedoch vom Mord an einer Aktivistin aus Detroit überschattet, die Terroristen des Ku-Klux-Klans in ihrem Auto erschossen.

Seit dem "blutigen Sonntag" war es überall in den USA zu Solidaritätsaktionen gekommen. Rund 500 weiße Pfarrer und Rabbiner reisten nach Selma, um sich der Bewegung anzuschließen. Einer von ihnen, Reverend James Reeb, wurde von einem Mob so brutal zusammengeschlagen, dass er an seinen Verletzungen starb. Ganz Amerika forderte, der Gewalt Einhalt zu gebieten. Präsident Johnson drohte Gouverneur Wallace mit der Entsendung der US-Armee, wenn er nicht endlich die Demonstranten schütze. Mehr noch, am 15. März trat Johnson mit dem Entwurf eines Wahlrechtsgesetzes vor den Kongress, das Wählerregistrierung und Stimmabgabe in großen Teilen des Südens unter Bundesaufsicht stellen sollte. Am Schluss seiner Rede deklamierte LBJ, wie der Texaner sich gerne nennen ließ, die Hymne der Bürgerrechtsbewegung: We Shall Overcome!