Angenommen, Hamburg wäre eine linke Stadt – das ist ja kein komplett abwegiger Gedanke, angesichts des Wahlergebnisses vom vergangenen Sonntag –, wie würde sie dann regiert?

Wahrscheinlich wäre die Stadt hoch verschuldet und würde sich weiter verschulden, denn Ausgaben für Schulen und Kindergärten würden im Lager der regierenden Parteien als Investitionen in soziales Kapital betrachtet. Gymnasien gäbe es wohl noch, aber viele wären es nicht. Die Wirtschaft würde über Regulierung und hohe Abgaben klagen und kaum wachsen. Der Wohnungsmarkt wäre zu weiten Teilen in staatlicher Hand, die Grundsteuern stiegen stetig. Zwischen legal und illegal eingewanderten Flüchtlingen würde nicht unterschieden. Der Autoverkehr wäre wohl geduldet, aber wer in die Innenstadt wollte, müsste eine City-Maut bezahlen. Busse und U-Bahnen wiederum wären gut ausgestattet und billig zu nutzen.

Rote, Grüne, Linke – 70 Prozent der Hamburger haben am vergangenen Sonntag Parteien gewählt, die auf der linken Seite des politischen Spektrums eingeordnet werden. Aber das macht Hamburg nicht zu einer linken Stadt. Hamburg ist in den vergangenen vier Jahren pragmatisch, zentralistisch und ziemlich gut regiert worden. Und in der Opposition haben sich die Parteien zusammengefunden, denen das nicht gefiel.

Ja, Hamburg zerfällt in politische Lager. Aber die Grenze verläuft nicht zwischen Linken und Rechten.

Wenn sich die politischen Konflikte eines Landes irgendwo bündeln, dann im Streit um den Haushalt. Für gute Zwecke Geld ausgeben – das gilt gewöhnlich als links. Solide wirtschaften, sparen, zweitbeste Lösungen in Kauf nehmen und Zumutungen vertreten – das wären dann die Alternativen im rechten Lager.

Auf Hamburg allerdings passt diese Beschreibung nicht. Hier hatte die Opposition vor allem zusätzliche Ausgaben im Angebot: mehr Geld für Kindergärten, Universitäten, den HVV, die Polizei und die Ordnungsdienst geheißenen Aufräumkommandos, die einst von der CDU eingeführt und später von der SPD wieder abgeschafft worden waren. Woher all das Geld kommen sollte? Na, aus dem Haushalt!

Die Hamburger haben sich ziemlich einmütig dafür entschieden, auf diese Mehrausgaben zu verzichten und dafür lieber die Schulden der Stadt zu tilgen. Das muss man nicht richtig finden. Aber was daran ist links?

Regieren heißt Prioritäten setzen und dafür einen Preis bezahlen. Die SPD hat die Kritik an der schlechten Ausstattung der Kitas und dem Sparkurs an den Hochschulen ausgehalten. Wir wirtschaften solide, das war die Botschaft der Sozialdemokraten, und dafür nehmen wir den Protest der Interessengruppen in Kauf. Die CDU als führende Kraft der Opposition hat allen alles versprochen, wohl wissend, dass sie nicht in die Verlegenheit kommen würde, Versprechen halten zu müssen. Sie hat die Bürger angesprochen, als müssten sie nicht überzeugt, sondern bestochen werden.

Mit einigem Recht kann man sagen: Der Fehler der Opposition war es, Hamburg für eine linke Stadt zu halten.

Das wichtigste Thema des Wahlkampfes war die Verkehrspolitik, und dies ist auch das Thema, das die Bürger am stärksten gegeneinander aufbringt. Es ist eine Polarisierung entlang der Lagergrenzen: Anhänger von Sozialdemokraten, Linken und Grünen finden das Busprogramm der Landesregierung überwiegend gut, CDU, FDP und AfD lehnen es geschlossen ab und haben in dieser Frage auch ihre Wähler hinter sich.

Passen also wenigstens hier die herkömmlichen Zuschreibungen: Autos sind rechts, Fahrräder, Busse und U-Bahnen links?

Die Frage ist, was Hamburg braucht. Vom ADAC über die Handelskammer bis zum Fahrradverband ADFC ist unstrittig, dass die öffentlichen Verkehrsmittel und Radwege in Hamburg jahrzehntelang vernachlässigt wurden und dringend ausgebaut werden müssen. Der Streit darüber, wie Bahnen, Busse und Radverkehr am besten zu fördern seien, ist aber fast ausschließlich ein Streit unter Linken. Zwar bekennt sich auch die CDU derzeit wieder zum Bau einer Stadtbahn, den sie in der Vergangenheit zweimal verhindert hat – aber damit überzeugt sie nicht einmal die eigenen Wähler. Sie halten von dieser Idee fast so wenig wie vom Busprogramm der Regierung und der neuen Fahrradstraße an der Alster.