Die Ware Mensch

Das Mittelmeer ist zu einem Massengrab geworden, die Zahl der Ertrunkenen geht in die Zehntausende. Erst jetzt wieder, Anfang Februar, starben über 300 Menschen beim Versuch, von der nordafrikanischen Küste auf die Insel Lampedusa überzusetzen. Das Geschäft der Schleuser blüht. Es erwirtschaftet Milliarden. Die Schlepperbanden sind weltweit vernetzt, sie arbeiten unauffällig, flexibel und höchst professionell – als wären sie Reiseagenturen. Aber sie haben keine Kunden, sondern Opfer. Denn in dem Moment, in dem sich die Migranten in die Hände der Schleuser begeben, sind sie ihnen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Sie sind dann Ware, erpressbare Geiseln und manchmal Sklaven.

Das geht mit erschütternder Klarheit aus den Ermittlungsakten der Operation "Glauco" hervor. Sie sind das dokumentierte Grauen.

Italienische Staatsanwälte lancierten diese groß angelegte Ermittlung, nachdem am 3. Oktober 2013 vor Lampedusa 366 Menschen ertrunken waren. Das war die bis dahin schlimmste Katastrophe im Mittelmeer. Die Flüchtlinge starben ein paar Hundert Meter vor dem Strand von Lampedusa, nachdem ihr Schiff in den frühen Morgenstunden gekentert war. Viele Passagiere konnten nicht schwimmen. Sie sanken wie Steine auf den Meeresgrund. Papst Franziskus sprach angesichts dieses massenhaften Todes von einer "Schande" für Europa. Europäische Politiker aller Parteien gaben sich schockiert und zerknirscht. Tagelang beherrschte Lampedusa die Schlagzeilen.

Die Staatsanwälte von Agrigent, Catania, Mailand, Rom und Turin arbeiteten nun auf Hochtouren. Sie legten ein illegales Netzwerk frei, das von Somalia über Libyen bis nach Italien und Deutschland reichte.

Die Polizei hörte Telefongespräche zwischen den Schleusern ab. Darin ist die ganze Kälte und menschenverachtende Grausamkeit dieses Geschäfts zu spüren.

Da gibt es zum Beispiel ein Gespräch zwischen dem Schleuser John Mahray und einem Mann namens Alex, der sich auf der Insel Lampedusa im Aufnahmelager für Flüchtlinge befindet und sehr wahrscheinlich Mitglied einer Schlepperbande ist. Mahray ist Sudanese und lebt nach Erkenntnissen der Ermittler in der Hauptstadt Sudans, Khartoum. Er hat die Überfahrt, die im Unglück endete, mitorganisiert. Das Gespräch zwischen John und Alex findet knapp drei Wochen nach dem 3. Oktober 2013 statt. Alex beklagt sich darüber, dass er noch auf Lampedusa bleiben muss, "bis der Richter mit dem Tunesier fertig ist, der im Gefängnis sitzt" – der Tunesier, das ist der Kapitän des gekenterten Bootes. Alex spricht über ihn mit großem Respekt. "Dieser Typ versteht seine Arbeit." Trotzdem kenterte das Boot. Warum?

Alex beschuldigt die Passagiere. Sie hätten sich falsch verhalten, sagt er: "Sie waren ja schon angekommen, sie mussten nur auf Hilfe warten!"

In der Tat konnten die Migranten von ihrem überfüllten Boot aus in der Morgendämmerung die Lichter Lampedusas bereits erkennen. Sie wähnten sich am Ziel. Jemand auf dem Boot kam auf die Idee, ein Feuer zu entzünden, um auf sich aufmerksam zu machen. Das Feuer griff um sich. Panik brach aus. Die Passagiere wollten sich vor den Flammen schützen und drängten so sehr auf eine Seite des Fischkutters, dass er kenterte.

John Mahray zu Alex: "Was mich stört, ist die Tatsache, dass es auf den Booten auch Menschen gab, die gegen ihren Willen dort waren". Er hasst offenbar schlechte Nachrichten, sie sind nicht gut für das Geschäft; und über diesen Transport gab es besonders schlechte Nachrichten. Alex weiß, wovon John redet: "Du meinst die Leute, die an den Somalier verkauft wurden, der sie gefoltert und vergewaltigt hat ..."

Der "Somalier", das ist der 34-jährige Mohammed Elmi Muhidin. Nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft haben Muhidin und seine Kumpane 130 Flüchtlinge aus Eritrea, die im Oktober 2013 auf das Unglücksschiff gebracht worden waren, wochenlang in der libyschen Wüste in einem Lager festgehalten. Der mit den Ermittlungen betraute Staatsanwalt Maurizio Scalia: "Alle Frauen in diesem Lager wurden von Somaliern und Libyern vergewaltigt. Es war wie in einem Konzentrationslager". Ein siebzehnjähriges Mädchen, das die Schiffskatastrophe überlebte, berichtete der Tageszeitung La Repubblica: "Sie zwangen uns, zuzusehen, wie unsere Männer gefoltert wurden, mit Elektroschocks an den Füßen und mit Stöcken." Die Peiniger verlangten von den Angehörigen ihrer Opfer Lösegeld. Erst nach der Zahlung von 3.500 Dollar kamen die Gefangenen frei und konnten auf die Überfahrt gehen, auf der die meisten von ihnen ertranken. Diejenigen Frauen, die nicht zahlen konnten, seien immer wieder vergewaltigt worden, berichtete die 17-jährige Zeugin.

Mohammed Elmi Muhidin kam nach Angaben der Ermittler am 25. Oktober 2013 in Lampedusa an. Er gab sich als Flüchtling aus, aber bei Vernehmungen der Staatsanwaltschaft identifizierten Migranten den Mann. Das 17-jährige Mädchen erkannte in ihm einen ihrer drei Vergewaltiger. Muhidin konnte gefasst werden.

Gangsterlogik: Die Opfer seien schuld

Dieses Grauen spiegelt sich im Ton der Telefongespräche zwischen den Schleusern nicht wider. Sie bleiben kühl und professionell. Reden über die 366 Ertrunkenen wie über eine verloren gegangene Ware.

Nachdem John Mahray mit Alex telefoniert hat, greift er zum Telefon und ruft einen gewissen Ermies an. Es handelt sich nach den Erkenntnissen der Ermittler um Ermies Ghermay, einen äthiopischen Staatsbürger, der in Tripolis ansässig ist und Überfahrten organisiert. Ein Teil der ertrunkenen Migranten war offenbar Johns Ware.

Ermies: "Wie viele haben überlebt? Wie viele sind tot?"

John: "48 haben überlebt, weitere vier sind in Libyen."

Ermies: "Wie viele hattest du insgesamt?"

John: "Es waren 109. Davon sind 68 tot."

Ermies wundert sich über die mediale Aufmerksamkeit, die das Unglück hervorgerufen hat. "Sehr viele andere Menschen sind mit anderen Organisationen losgefahren und nie an ihr Ziel gekommen, sie sind zu Futter für die Fische geworden. Und darüber verliert keiner ein Wort." Und dann beklagt er sich über die Migranten, welche den Befehlen des Kapitäns nicht Folge geleistet hätten. "Das ist alles nur passiert, weil die Leute auf dem Boot sich nicht an die Anweisungen gehalten haben."

Mit anderen Worten: Die Opfer sind schuld. Gangsterlogik.

Das Einzige, was den Schlepper Ermies zu beunruhigen scheint, ist die Sorge um seinen eigenen Ruf in der Branche: "Dieses Unglück war so eklatant, und alle geben mir die Schuld." Ermies fragt John Mahray um Rat. Was soll man tun, um derartige Störungen des Geschäftslebens zu vermeiden?

John hat da mehr Branchenerfahrung: "Du musst diese Leute schlagen. Ich versichere dir, dass du ihnen keinen Schaden zufügst, im Gegenteil, es ist zu ihrem Nutzen, wenn du sie schlägst." Das sei am Ende der einzige Weg, um sie zur Räson zu bringen. Der Schlepper, das ist der Sinn von Johns Rat, muss immer bereit sein, Gewalt anzuwenden, er muss zeigen können, wer der Herr des ganzen Unternehmens ist. Der Migrant mag zwar bezahlt haben, aber damit erwirbt er kein Recht, im Gegenteil, er begibt sich in eine Zone der absoluten Rechtlosigkeit. Er wird zum Ding, das nach Belieben verschoben werden kann. Zu einer Ware, die möglichst gewinnbringend verwertet werden muss. Darum muss sie in großen Mengen und in hohem Tempo zirkulieren. Manchmal werden die Migranten auf die Boote gezwungen, um die Lager leer zu räumen – egal, wie das Seewetter ist.

Trotz aller Katastrophen bleibt die Nachfrage immens, die Menschen kommen jährlich zu Zehntausenden an die nordafrikanischen Küsten, um nach Europa überzusetzen. In diesen Tagen haben die italienischen Autoren Andrea Di Nicola und Giampaolo Musumeci das Buch Bekenntnisse eines Menschenhändlers veröffentlicht. Sie stellen darin eine komplexe, kriminelle Firma vor, die über beste Wachstumschancen verfügt. "Die Dienstleistung dieser Firma", schreiben die beiden, "ist in unserem Jahrtausend, in dem reiche und arme Länder immer weiter auseinanderdriften, zunehmend gefragt."

Wo hohe Profite gemacht werden, herrscht harter Verdrängungswettkampf. Wer Fehler macht, ist draußen. John Mahray weiß, dass andere einspringen würden, wenn Ermies, sein Mann in Tripolis, nicht mehr zuverlässig arbeiten sollte. Er sorgt sich um seine Marktanteile. Darum redet er beruhigend auf Ermies ein: "Was geschehen ist, ist geschehen. Es hat keinen Sinn, über vergossene Milch zu weinen ... Man kann nichts mehr machen. Du musst dich auf deine Arbeit konzentrieren und nicht auf das hören, was die Leute erzählen ... Ich gebe niemandem die Schuld. Du hast getan, was getan werden musste. Das war ihr Schicksal. Es ist ihre Schuld, weil sie alle fahren wollten. Es ist nicht deine Schuld. Am Ende entscheidet das Schicksal."

Sosehr die Schleuser auch negative Schlagzeilen fürchten, auf die Gesetze medialer Aufmerksamkeit können sie leider rechnen. Als vergangene Woche wieder über dreihundert Menschen vor Lampedusa ertranken, da blinkte diese Nachricht nur für ein paar Stunden in der Schlagzeilenflut auf, irgendwo zwischen dem Krieg in der Ukraine und der Euro-Krise – dann war sie wieder verschwunden. Und wenn wir jetzt die Telefongespräche der Schlepper hören könnten, dann würden wir möglicherweise Sätze hören wie: "Siehst du, alles nicht so schlimm. Die Leute vergessen schnell."

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