Er war einer der faszinierendsten jüdischen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts: Der 1910 in Kafkas Prag geborene H. G. Adler überlebte in Theresienstadt und diversen KZs als Einziger seiner Familie den Holocaust und floh vor den Kommunisten 1947 nach London. Zwei gut komponierte Essaysammlungen, herausgegeben von Peter Filkins, der an einer Biografie Adlers arbeitet, bauen gleichsam eine Brücke zwischen dem schriftstellerischen und dem wissenschaftlichen Werk Adlers. So lassen sich die beiden Seiten dieses Denkers verstehen: der Historiker und Soziologe sowie der Romancier und Lyriker. Denn ohne diese Brücke blickte man eher ratlos von den beiden monumentalen, klandestin die moderne Holocaust-Forschung vorbereitenden Studien Adlers über das Konzentrationslager Theresienstadt und den "verwalteten Menschen" (1955 und 1974) auf die leicht als autobiografische Auskünfte oder Reflexionen zu erkennenden Romane und Gedichte.

Der Essay war für den 1988 verstorbenen Adler jene Form, in der er die nüchterne Präzision seiner wissenschaftlichen Arbeiten mit der Schilderung der eigenen Erfahrungen vereinigen konnte. Man muss nur die klassischen Texte über Hitler und Eichmann lesen, um die hohe Kunst der Verdichtung dieser vermeintlich einander ausschließenden Darstellungsformen zu erfahren. Dort, wo "man" steht, lässt sich je nach Situation immer auch ein "die anderen", ein "ich" oder "wir" denken.

Adler war dennoch ein sehr traditioneller Ethiker: Tugend ist Wissen. Wer die Ersetzung von "Tugend" durch "Vernichtung" und von "Wissen" durch "Bestimmung" erlebt hatte, dem war die Rückkehr zu Leben und Wissen tragenden Strukturen und Strategien nur durch unterschiedliche Weisen des Erzählens möglich. Die Romane und Gedichte ermöglichten Adler jene Distanz, die zugleich die eigene Rolle im Vernichtungsgeschehen als Annäherung an das Überlebthaben abbilden konnte. Die wissenschaftlichen Schriften waren aus dieser Perspektive jener Verpflichtung erwachsen, die der "gerettete Rest" gegenüber den Ermordeten hatte: zu berichten, wie es gewesen war.