Eine der einflussreichsten deutschen Frauen lebt fast unerkannt in Essen – und das ist ihr aus vielen Gründen recht. So konnte sie in aller Stille Verbindlichkeiten loswerden. Gemeinsam mit ihren Verwandten bürdete sie diese Lasten ihrer eigenen Firma auf. Ein dreistelliger Millionenbetrag wurde aus der Unternehmenskasse umgeleitet, das bestätigen mehrere Quellen. Eine spricht von 250 Millionen Euro.

Die Frau heißt Petra Grotkamp. Gemeinsam mit einigen Verwandten kontrolliert sie Deutschlands größten Regionalzeitungsverlag, die Funke Mediengruppe, aber sie hat das Sagen.

Ihre Zeitungen haben ein Monopol im Ruhrgebiet, in Thüringen, in Braunschweig, es gehören das Hamburger Abendblatt dazu – und die Berliner Morgenpost. Insgesamt macht die Funke Mediengruppe (siehe Grafik) mit Zeitungen, Zeitschriften und diversen Radiostationen im In- und Ausland einen Umsatz von gut 1,5 Milliarden Euro.

Von Petra Grotkamp gibt es kaum Fotos, sie tritt öffentlich selten auf, lebt zurückgezogen in ihrem Haus in Essen. Es ist noch das Haus, das ihr der Vater zur Hochzeit geschenkt hat.

Doch mit der Stille ist es nun vorbei. Vergangene Woche schickten die Mitarbeiter des Hamburger Abendblatts einen Brandbrief nach Essen und baten inständig, man möge ihre Arbeitsbedingungen nicht noch mehr verschlechtern.

Sie schrieben an die Geschäftsführung der Funke Mediengruppe, aber sie meinten Petra Grotkamp. Denn sucht man nach einem Vergleich, einem anderen Menschen, dessen Zeitungen so viel Einfluss auf die deutsche Öffentlichkeit haben wie die von Petra Grotkamp, dann ist da nur Friede Springer. Deren Axel-Springer-Konzern beeinflusst die politische Debatte in der Hauptstadt mit (Bild, Welt am Sonntag, Welt). Man kann durchaus sagen, Petra Grotkamp ist die Friede Springer der deutschen Provinz. Und weil Deutschland zu großen Teilen aus Provinz besteht und weil Medien in einer Demokratie die Quelle sind, aus der sich Bürger informieren, ist die Frage erlaubt: Was macht Frau Grotkamp da mit ihrem Eigentum?

Die Geschichte mit der Umschuldung eines dreistelligen Millionenbetrags war bisher nicht bekannt. Sie war Teil eines komplizierten Vorgangs vor bald zwei Jahren, daran beteiligt waren Gesellschaften, die Petra Grotkamp kontrollierte, und Tochtergesellschaften der Funke Mediengruppe, die allen Eigentümern gemeinsam gehörten.

Von Interesse ist dieser Geldfluss, weil das Medienunternehmen zur selben Zeit eine Reihe von Zeitschriften und zwei Zeitungen – eine von ihnen ist das Hamburger Abendblatt – für zusammen 920 Millionen Euro kaufte. Die Funke Mediengruppe musste dafür einen hohen Kredit aufnehmen. Es floss also Geld in zwei Richtungen aus der Firma.

Seither verlangt die Funke Mediengruppe ihren Mitarbeitern einen harten Sparkurs ab. In vielen Zeitungen werden Stellen abgebaut, Redaktionen und Leser zugunsten der Eigentümer kurzgehalten – auch in Hamburg. Wenn das ohne Ende weitergeht, haben die Bürger im Funke-Imperium den Schaden, weil sie irgendwann nicht mehr bekommen, was sie brauchen, um mündige Bürger zu sein: gut recherchierte Informationen über ihre Stadt.

Aus 200 Redakteuren beim "Abendblatt" wurden 150

Beispiel Hamburg: Um das Folgende einordnen zu können, muss man noch wissen, dass Zeitungen bessere Zeiten gesehen haben, sie gehörten zu den profitabelsten Branchen überhaupt. Über das Hamburger Abendblatt heißt es, Mitte des vergangenen Jahrzehnts habe die Rendite bei über 30 Prozent gelegen. Zeitungen zu machen war eine Lizenz zum Gelddrucken, und auf dem Höhepunkt, sagen Mitarbeiter, habe das Abendblatt nahezu 70 Millionen Euro Gewinn gemacht. Seither geht es abwärts, mit dem digitalen Wandel sinken die Auflage und die Anzeigenerlöse, und trotzdem macht die Zeitung noch satte Gewinne. Zuletzt sollen es zwischen 20 und 30 Millionen Euro gewesen sein. Genaue Zahlen zu bekommen ist bei der Funke Mediengruppe schwer. Sie legt ihre Geschäftsberichte stets mit Verzögerung vor, und die Gewinne einzelner Untergesellschaften werden gerne in diesem oder jenem Posten der Bilanz verschleiert.

Schon der Vorbesitzer des Abendblattes, der Axel Springer Verlag, hatte vor Jahren angefangen, die Kosten zu drücken. Er presste und presste, die Zahl der Mitarbeiter sank, und seit dem Erwerb der Zeitung durch Funke hat sich dieser Druck nicht vermindert – auch durch die besonderen finanziellen Bedürfnisse der Eigentümer.

Die Folgen lassen sich an ein paar Zahlen ablesen: So hat das Abendblatt heute etwa 150 fest angestellte Redakteure, es waren mal 200, und es ist noch nicht das Ende der Entwicklung. Aktuell flüchten mehr als 30 Redakteure in eine Altersteilzeit, weil ein satter Zuschuss des Arbeitgebers für diese Art der schleichenden Frühverrentung befristet ist. Viele Stellen würden nicht neu besetzt, heißt es in einem Schreiben des Betriebsrats an die Gewerkschaften. Zugleich gibt das Abendblatt mehrere Stellen ab. Wo bisher Redakteure in Hamburg die Berichterstattung über nationale Politik, Wissenschaft und Vermischtes zusammenstellten, werden in einigen Monaten weitgehend fertige Seiten aus Berlin angeliefert. Die Zuarbeit des Abendblatts für den Lokalteil der Welt endet. Auch das kostet Stellen. Und Anfang Februar mussten 14 Journalisten gehen, die freiberuflich, aber praktisch ausschließlich für das Abendblatt gearbeitet hatten.

So schrumpft die Belegschaft.

Wie viele Redakteure wird das Blatt am Ende haben? Unter 100? Chefredakteur Lars Haider hält dagegen. Es gebe keine genaue Zahl: "Im Lokalen werden wir keine einzige Stelle streichen, da stellen wir gerade sogar Leute von außen ein."

Künftig werden zehn Zeitungen aus einer Zentralredaktion beliefert

Aus Sorge taten sich nun Redakteure und freie Mitarbeiter zusammen und schrieben nach Essen: Sie fordern "die Entwicklung neuer Strategien, statt fantasielos beim Personal zu kürzen. Wir werden nicht tatenlos zusehen, wie das Hamburger Abendblatt aus kurzfristigem und -sichtigem Profitinteresse gegen die Wand gefahren wird!"

Eine Antwort steht aus, soll aber pünktlich in der kommenden Woche auf einer Betriebsversammlung eintreffen.

Der Konflikt, der in Hamburg tobt, begleitet die Zeitungsbranche seit einem Jahrzehnt: Mit wie wenig Menschen kann man ein Blatt machen, bevor nichts mehr drinsteht, was sich zu lesen lohnt? Wann zerstört sich ein Unternehmen selbst? Wann sind die Informationsquellen ausgetrocknet, ohne die ein Gemeinwesen verkümmert?

Man könnte nun einwenden, in Hamburg sei das kein Problem, denn erstens habe das Abendblatt noch immer mehr Redakteure als vergleichbare Blätter. Und zweitens gebe es genug andere Medien in der Stadt. Die ZEIT bietet einmal die Woche einen Lokalteil an, nun zog die Bild am Sonntag nach, die Welt baut eine kleine Redaktion auf, der NDR sendet aus Hamburg, es gibt ein Dutzend Radiostationen, einen privaten Lokal-TV-Sender, diverse Anzeigenblätter – und zwei Boulevardzeitungen. Aber das Abendblatt war eben immer das Alphatier, das Leitmedium der Stadt, und wenn es magersüchtig werden sollte, ist das schlecht für die ganze Herde. Chefredakteur Lars Haider bekräftigt, solange er das Abendblatt führe, werde es nicht dazu kommen. Zumal Funke auch ins Abendblatt investiere. Es wurde ein Lokalmagazin namens Klönschnack dazugekauft.

Die Manager in der Funke Mediengruppe haben in der Regel einen etwas nüchterneren Blick auf ihre Zeitungen. Sie bevorzugen überaus schlanke Lokalredaktionen und planen, alles andere, alles Überregionale, in einer Zentralredaktion zu fertigen. So sollen die eigenständigen Blätter zu einer großen und effizienten Matrix-Organisation verschmelzen – und dabei irgendwie unverwechselbar bleiben. Viele Details sind noch offen.

An anderer Stelle liefert eine Matrix bereits herausragende Ergebnisse: bei Funkes TV-Zeitschriften. Manfred Braun, einer der Geschäftsführer, ist ein Experte auf diesem Gebiet. Er kann viele Programmzeitschriften mit wenig Aufwand produzieren. Zuletzt baute er die zugekaufte Hörzu in seine Redaktionsgemeinschaft ein. Und ist es nicht wahr? Alle TV-Zeitschriften handeln vom selben Stoff. Warum sollten also verschiedene Redakteure die Kleintexte zu denselben Sendungen verfassen?

So ungefähr könnte es künftig auch in den Funke-Zeitungen zugehen, sobald es um Bundespolitik geht. Überregionale Wirtschaft. Weltgeschehen. Wissenschaft. Vermischtes. Aber wie genau die Zentralredaktion in Berlin arbeiten soll, wird noch diskutiert. Ob sie Aufträge aus der Provinz annimmt, auf deren Wünsche eingeht. Oder eben Einheitsware verschickt.

Im Kern stehen einander hier zwei Konzepte für Großstadtzeitungen gegenüber. Das Abendblatt war über Jahrzehnte erfolgreich, weil seine Redaktion die ganze Welt durch die lokale Brille betrachtete. Ihr Motto lautete: "Mit der Heimat im Herzen die Welt umfassen". Die Redakteure schrieben darüber, welchen Einfluss das Weltgeschehen auf ihre Stadt hatte, wie sich die Hamburger Interessen in der Berliner Politik widerspiegelten. Wie sich das Tor der Deutschen zur Welt, Hamburg und sein Hafen, mit der wirtschaftlichen Entwicklung in China auseinandersetzen muss. Als der frühere schleswig-holsteinische Ministerpräsident Uwe Barschel in der Schweiz unter mysteriösen Umständen zu Tode kam, strengte das Abendblatt große eigene Recherchen an. Eben weil einer der größten politischen Skandale, die Barschel-Affäre, vor der eigenen Haustür begonnen hatte: in Kiel. Als Bundeskanzler Gerhard Schröder die Hartz-Gesetze erließ, berichtete das Abendblatt auf mehreren Seiten und erklärte den Hamburgern die Wirkung und Details des Gesetzes. Mit ihrem Journalismus gewannen die Redakteure viele Preise.

Dies tat die Redaktion in üppiger Besetzung, und niemand störte sich daran, solange die Gewinne unverschämt hoch lagen. Als sie nur noch sehr hoch waren, wurde gespart. Ist das nun unanständig?

Lars Haider würde sagen, das sei die falsche Frage. Die Situation habe sich verändert. Je lokaler eine Zeitung wie das Abendblatt sei, umso besser könne sie den digitalen Wandel meistern. Denn tatsächlich gibt es kaum Konkurrenz für Lokalmedien aus dem Netz. Dementsprechend kann man sich, was deutlich hinter der Stadtgrenze geschieht, ruhig zuliefern lassen, solange man im Lokalen eine Macht bleibt.

Dieses Konzept kommt den Ideen aus Essen durchaus nahe – zumal die Funke-Leute so etwas an ihren vier Ruhrgebietszeitungen schon in einer ersten Version erprobt haben. Nur hat diese Strategie eine wesentliche Schwäche. Die Auflage sinkt trotzdem weiter. In Essen wie in Hamburg (hier in Richtung 185.000).

Wie diese lokalen Medien wieder wachsen könnten, darauf verwenden die Verantwortlichen derzeit nicht ihre meiste Energie. Stattdessen wird, um die Rendite im Zeitungsgeschäft im satten zweistelligen Bereich zu halten, eine zweite Version der Zentralredaktion entwickelt. Die in Berlin. Sie wird zehn Zeitungen bedienen, nicht mehr nur vier. Der Leiter hat am vergangenen Montag seine Arbeit aufgenommen.

Je mehr die Essener dabei ihre Kosten drücken, umso drängender wird ein Konflikt, dem Zeitungen schon immer ausgesetzt waren. Sie sollen der Gesellschaft dienen – und müssen es dem Eigentümer.

Derweil ist die Funke Mediengruppe finanziell gesundet. Die Umschuldung zugunsten der Eigentümer um Petra Grotkamp: ist verdaut. Der Kredit für den Kauf von Abendblatt und Co.: zu einem guten Teil schon abgetragen. Würde sich die Funke Mediengruppe morgen Geld leihen wollen, sie würde es problemlos bekommen. Wird weiter hart gespart, geschieht dies ohne Not – aus freiem Willen.