Es war im November vergangenen Jahres, als der Ruf der Ziege in aller Öffentlichkeit in Misskredit gebracht wurde. Horst Seehofer weilte zu Besuch in China, wo es ihn und seine Delegation zur Chinesischen Mauer verschlagen hatte. Am Fuß dieser Mauer jedoch – nur 16 Stufen vor dem Ende der Wanderung – beschloss der bayerische Ministerpräsident in einem unerwarteten Anflug maoistischer Seehoferei, dass es nun reiche mit dem Kraxeln. Und setzte sich zur Rast.

Statt als Großer Vorsitzender der bayerischen Volkspartei CSU weltmännisch von der Mauer zu grinsen, schrumpfte Seehofer auf den Bildern der Pressefotografen zum Großen Davor-Sitzenden, und den mitgereisten Kameraleuten blieb nur der Griff zur Ziegenmetapher: Er bockt!

"What means 'bockt'?", dürften sich chinesische und andere außerbayerische Beobachter verwundert gefragt haben. Die Erklärung aber hätte ihnen wohl endgültig die Fragezeichen ins Gesicht getrieben. Denn in China gehört die Ziege nicht nur zu den zwölf Tierkreiszeichen, sie hat auch einen formidablen Ruf. Mit dem Donnerstag dieser Woche beginnt im chinesischen Kalender das Jahr der Ziege – ein Grund zum Feiern. Menschen, die in Ziegenjahren geboren wurden, dürfen sich auf besonders glückliche zwölf Monate freuen. Sie gelten zwar als schüchtern und introvertiert, aber auch als kreativ und perfektionistisch. Eigenschaften, mit denen man Seehofer eher selten in Verbindung bringt. Er hatte mit seinem Verhalten einen doppelten diplomatischen Bock geschossen: Chinesen enttäuscht, Ziegen beleidigt.

Missachtung für den Paarhufer ist bei uns freilich keine Ausnahme. Während die Chinesen ihm zum Auftakt des 4.713. Kalenderjahres mit reichlich Ehrerbietung begegnen, genießt die "Kuh des armen Mannes" im Westen einen schlechten Ruf bei noch schlechterer Behandlung. Doch völlig zu Unrecht: Ziegen sind Sozialarbeiter und Seefahrer, Brandbekämpfer und Spinnenersatz. Sogar als Vitaminbomben können sie dienen! Es ist an der Zeit für eine Ehrenrettung.

Denn noch steht die Ziege mit ihrem Namen für allerlei Gemeinheiten, muss als Synonym für Arbeitskolleginnen oder Schwiegermütter herhalten – selten ohne abschätzige Zusätze. Beim 1. FC Köln zwingen sie schon den achten Geißbock dazu, den Namen "Hennes" anzunehmen, sich in knappe Vereinskleidung zu hüllen und bei holprigen Fußballpartien als Maskottchen zu posieren. Hennes VII. erkrankte derart an Arthrose, dass er sein Amt frühzeitig aufgeben musste, und Hennes II. ereilte schon das große Zittern, wenn er die Umrisse des Kölner Stadions bloß am Horizont erspähte.

Noch schlimmer erging es jahrelang den Ziegen im nordspanischen Manganeses de la Polvorosa. Dort werfen die Dorfbewohner zum Fest ihres Schutzheiligen St. Vinzenz eine Ziege vom Kirchturm, um sie unten mit einem Laken wieder aufzufangen. Wer glaubt, dies gelänge immer beim ersten Versuch, überschätzt die Fähigkeiten der Dörfler. Erst im vergangenen Jahr konnten sie unter internationalem Druck dazu gebracht werden, eine Plüschziege einzusetzen.

Endlich! Denn die Ziege (Capra aegagrus hircus) ist zu Erstaunlichem fähig, nicht umsonst zählt sie zu unseren ältesten Begleitern: Schon vor 10.000 Jahren gingen Mensch und Geiß vielversprechende Lebenspartnerschaften ein. Die kleinen Hornträger erwiesen sich als geländegängige Pfadfinder, mühelos klettern sie auf Felsen, Bäume oder Kühe und sind zuverlässige Bergführer, die schwere Lasten schleppen. Außerdem fuhr die Ziege lange Zeit zur See: Seemänner schätzten sie als kompakte und genügsame Begleitung. Heute noch arbeiten die Tiere als Feuerwehrziegen: In Kalifornien fressen sie in steilem Gelände Brandschneisen durchs trockene, dornige Gestrüpp. Leise und umweltschonend drängen sie dabei invasive Arten wie den Gift-Efeu zurück und düngen gleichzeitig den Boden.

Die Ziege verfügt über einen ganz und gar feinen Charakter. Biologen der Queen Mary University in London haben herausgefunden, dass Ziegenmütter ihren Nachwuchs noch 17 Monate nach der Geburt an der Stimme erkennen, selbst wenn sie zwischendurch für mehr als ein Jahr getrennt waren. Müssen Pferdebesitzer ihr Ross wegen einer Verletzung im Stall einsperren, halten sie es mit einer Beistellziege bei Laune, dem Krankenhausclown des Tierreichs. Vielleicht erzählt die Geiß dem Ross ja Witze im Dialekt, den Ziegen wie sonst kaum andere Tiere ausbilden können. Auf jeden Fall gilt: Hat ein Pferd keinen Bock, so verlässt es den Stall aggressiv und unausgeglichen und lässt seinen Frust an den Artgenossen aus.

Einzig auf ihre inneren Werte muss man die Ziege aber gar nicht reduzieren. Die türkische Angoraziege etwa punktet auch mit ihrer Frisur, die für mehrere Kilo Mohairwolle im Jahr ausreicht. Ohne die feine Wolle der tibetischen Kaschmirziege müssten wohl sämtliche Oldtimer-Rallyes dieser Welt abgesagt werden. Und der würzige Käse, der bei solchen Veranstaltungen oft in Tateinheit mit Zahnstocher und Weintraube gereicht wird, ist längst nicht das Einzige, wozu das Ziegeneuter fähig ist. Die Liste der Vitamine, die in der Ziegenmilch schwimmen, liest sich fast wie eine Tonleiter: A, B1, B2, C, D, E, dazu kommen lauter Spurenelemente. Die Milch der Nigerianischen Zwergziege hat einen Fettanteil von 6,5 Prozent und ist dennoch besser bekömmlich als Kuhmilch: Die Fettkügelchen sind kleiner, und auch ihr Eiweiß flockt in kleinere, leichtere Partikel aus. Wer sie trotzdem nicht verträgt, kann immer noch darin baden – schon Kleopatra hydrierte ihre Haut nebst Eselsmilch auch mit Bädern im Endprodukt der Ziege.

Heutige Wissenschaftler schätzen die Ziegenmilch aus anderen Gründen: Aus der Milch gentechnisch veränderter Ziegen lässt sich das Eiweiß Antithrombin gewinnen, ein Blutverdünner. Früher mussten die Eiweißmoleküle aus menschlichen Blutspenden extrahiert werden. Nach dem Willen von Forschern der Utah State University werden Ziegen sogar die besseren Spinnen. Sie haben ihnen Gene der Krabbeltiere eingepflanzt, was der Ziegenmilch ein Extra-Eiweiß beschert, den Rohstoff von Spinnenseide, einen der reißfestesten bekannten Stoffe, dessen Massenproduktion bislang am Kannibalismus der Spinnen scheiterte.

Faszinosum Ziege! Wenn das alles noch nicht ausreicht, um den Ruf der Ziege zu retten, dann muss sie doch geschlachtet werden. Ihr Fleisch hat weniger Fett als das von Hühnern und trägt mehr Eiweiß als das von Rindern. Und stete Flamme kocht selbst das bockigste Ziegenfleisch herrlich zart.

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