Shanghai im Jahr 1905. Du Yuesheng tritt in die Nacht hinaus und nimmt Witterung auf. Da draußen könnte heute so vieles auf ihn warten – Glück im Spiel, ein Mädchen, eine Opiumpfeife, ein wenig Geld, das mehr oder weniger legal den Weg in seine Taschen findet. Er läuft durch die Straßen, ein schmaler 18-Jähriger in chinesischer Robe. Die rechte Hand spielt in der Luft, als schäle er noch immer einhändig eine Birne – ein Trick, den er im Obstgeschäft, in dem er arbeitet, gerne vorführt. Er geht vorüber an Hafenkulis und betrunkenen Seemännern. Eine europäische Dame gleitet in einer Limousine an ihm vorbei. Lebemänner drängen in die Sing-song-Häuser, auf der Suche nach flowers and fume, Frauen und Opium. Keiner, der den jungen Du Yuesheng an diesem Abend zu Gesicht bekommt, würde vermuten, dass dieser Taugenichts, 1887 in Armut geboren und früh verwaist, weder des Lesens noch des Schreibens mächtig, einst der berühmteste Gangster sein wird, den China je gesehen hat – ein Gangster, der in die höchsten gesellschaftlichen Schichten aufsteigen und großen politischen Einfluss erlangen wird.

Auch heute noch stehen sich in China Politik und Unterwelt bisweilen nahe. An vielen Orten des Landes arbeitet die Polizei mit lokalen Mafiatrupps zusammen – in guter alter Tradition. Derzeit wartet Zhou Yongkang auf sein Urteil, ein einst schier allmächtiger Parteifunktionär, der über Polizei, Justiz und den Sicherheitsapparat herrschte. Er ist das prominenteste Opfer der Antikorruptionskampagne des chinesischen Präsidenten Xi Jinping. Zhou war ein Förderer des Provinzfürsten Bo Xilai, der 2013 über einen gewaltigen Politskandal stürzte. Bo bekämpfte die Mafia und machte gleichzeitig einträgliche Geschäfte mit ihr, er bereicherte sich hemmungslos; seine Frau vergiftete einen britischen Geschäftspartner.

China ist um 1900 ein gedemütigtes, von Kriegen zerrüttetes Land

Shanghai, die Stadt Du Yueshengs, ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein sagenumwobener Ort. Schon bald wird man es ein "Paradies der Abenteurer", das "Paris des Ostens" nennen. Hier treffen Ost und West aufeinander. Und hier konzentrieren sich, wie in keinem anderen Ort des Reiches, Glanz und Elend des chinesischen Aufbruchs in die Moderne. Die Stadt vibriert vor Hyperaktivität – während China in einer tiefen Krise steckt.

Mitte des 19. Jahrhunderts hatten die Briten die Herrscher der Qing-Dynastie in den Opiumkriegen besiegt. In der Folge überschwemmte die Droge das Land. Und mehr und mehr fremde Mächte erzwangen sich Konzessionen in China. In Shanghai siedelten sich Briten, Amerikaner und Franzosen an. "China ist nichts als eine fette Qualle, die nur darauf wartet, zerteilt zu werden", schreibt im späten 19. Jahrhundert eine englische Zeitung. Die Qing-Dynastie, im Inneren hart bedrängt durch Rebellen wie die christlichen Terrormilizen der Taiping-Bewegung, die zwischen 1853 und 1864 einen Gottesstaat in China errichten wollte, und von außen gedemütigt durch die ausländischen Mächte, ist am Ende.

Shanghai entwickelt sich um 1900 zu einem Refugium für Gangster und Revolutionäre, was in jenen Jahren oft ein und dasselbe bedeutet. Auch dem jungen Du Yuesheng wird die Unterwelt zur Heimat und zur Schule. 1907, er ist gerade 20 Jahre alt, führt ihn ein Gönner in die Grüne Bande, die qingbang, ein. Sie wird das Sprungbrett für seinen sagenhaften Aufstieg. Zwar gibt es noch zahlreiche weitere kriminelle Geheimgesellschaften in Shanghai, doch keine Triade ist so mächtig wie die Grüne Bande. Einst sollen sich in ihr Bootsmänner zusammengeschlossen haben, deren Aufgabe es gewesen war, Getreidetribute vom Unteren Yangtse-Bassin nach Peking zu verschiffen. Nachdem das Naturalsteuersystem 1901 abgeschafft wurde, verdingten sie sich als Salzschmuggler und Piraten.

Die Grünen pflegen einen strengen Ehrenkodex, der auf den Werten der jianghu gründet. Jianghu, so nannte man einst das fahrende Volk der Vagabunden, Schausteller, Wunderheiler und Diebe sowie der umherziehenden Kämpfer, deren Abenteuer später in unzähligen Kung-Fu-Filmen verklärt wurden. Die jianghu gaben nicht viel auf den Staat und noch weniger auf dessen Gesetze. Stattdessen pflegten sie yiqi, den Kodex der Ritterlichkeit: Hilf den Schwachen, brich niemals dein Wort, steh für deine Gefährten ein, und zahl jeden Gefallen zurück. Du Yuesheng wird die besten und schlechtesten Eigenschaften der jianghu in sich vereinen. Grausam und skrupellos wird er sein, aber stets für sein Wort einstehen – ein Gangster-Gentleman, der geheime Geschäfte schließt, von denen alle Seiten stillschweigend profitieren.

Entscheidend für seine Karriere wird ausgerechnet ein Polizist: Huang Jinrong, einer der wichtigsten Männer Shanghais. Sein Lebensstil mag für einen Inspektor der französischen Polizei recht ungewöhnlich anmuten. Er steht spät auf und setzt sich dann, nach dem Frühstück, in ein Teehaus. Dort empfängt er sein Heer aus Spitzeln und Halbweltgestalten. Huang ist für die Franzosen unersetzlich, denn sie haben schnell erkannt, dass nur ein Chinese in der Lage ist, das Labyrinth der Intrigen und Verbindlichkeiten in der Shanghaier Unterwelt zu durchschauen. Huang schafft ein perfektes Gleichgewicht zwischen Polizei und Mafia: Der Form halber verhaftet man jeden Monat ein paar Gangster, nie aber trifft es die wirklich Großen.

Du Yuesheng arbeitet zunächst im Haushalt der Huangs. So gelingt es ihm, das Vertrauen von Madame Huang zu gewinnen, die sich um das Opiumgeschäft kümmert. Kommt das Rauschgift im Hafen von Shanghai an, versuchen unzählige Banditentrupps, die Ware zu kapern – Madame Huang beschäftigt eine ganze Armee davon.