Ihr neuer Schützling darf schon bald eine der drei großen Spielhöllen in der französischen Konzession betreiben. Du lernt schnell, in einem perfekten Gentlemen’s Agreement die Interessen von Polizei, Kasinobesuchern und Gangs zu befriedigen. Denn trotz aller äußeren urbanen Modernität ist Shanghai noch immer eine zutiefst feudale Gesellschaft. Einigen sich Polizei und Gangster auf einen Deal, haben alle ihre Untergebenen Folge zu leisten. Du Yuesheng ist binnen kürzester Zeit ein gemachter Mann. Er hat Geld und ist angesehen, eine glamouröse Gestalt. Er heiratet drei Frauen und macht Geschäfte mit den mächtigsten Kriegsherren des Landes.

Im Jahr 1911 stürzt die Qing-Dynastie endgültig, China wird Republik, wenngleich eine kränkelnde. Die Geheimgesellschaften spielen in dieser Zeit eine ganz besondere Rolle. Selbst Sun Yatsen, der erste Präsident der Republik und Gründervater des modernen China, ist ein Triadenmann. Seine Revolutionäre Allianz, der Vorgänger der Kuomintang-Partei, ist aus einer Geheimgesellschaft hervorgegangen. Doch bereits 1913 begibt er sich ins Exil nach Japan; China versinkt in politischen Wirren. Warlords streiten um die Macht, das Land kommt nicht zur Ruhe. 1917 schließlich kehrt Sun zurück, um die Kuomintang wiederzubeleben.

Zum neuen starken Mann der Partei allerdings wird Chiang Kai-shek aufsteigen. Schon bald hat er einen nicht minder entschlossenen Gegenspieler: einen gewissen Mao Zedong. An einem Julimorgen des Jahres 1921 treibt der junge Mao auf einem gemieteten Vergnügungsboot über die Gewässer von Jiaxing südwestlich von Shanghai. Gemeinsam mit einer Handvoll Kommunisten ist er hierher geflohen: Eigentlich hatten sie in Shanghai getagt, um die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) zu gründen. Doch aus Furcht vor Polizeispitzeln haben sie ihren Gründungskongress unterbrochen und setzen ihn nun auf dem Wasser fort. Mit von der Partie sind zwei Gesandte der Komintern, die den Revolutionären raten, mit der Kuomintang zusammenzuarbeiten.

Tatsächlich kommt es zunächst zu einem Bündnis. Die Sowjetunion richtet beide Parteien nach leninistischen Organisationsprinzipien aus und unterstützt sie mit Waffen. Die späteren Erzfeinde Kuomintang und KPCh sind sich daher in ihrem Aufbau sehr ähnlich. 1923 geht auch Chiang Kai-shek nach Moskau. Sun Yatsen schickt ihn, um ihn militärisch schulen zu lassen. Anders als man es sich in Moskau erhofft, nimmt die Reise Chiang aber keineswegs für den Kommunismus ein. Im Gegenteil: Sie erfüllt ihn mit einer lebenslangen Antipathie gegen die Sowjets.

Nach Sun Yatsens Tod 1925 übernimmt er die Führung der Kuomintang. Formell befindet sie sich zu diesem Zeitpunkt noch immer in einer Allianz mit den Kommunisten. Heimlich aber beschließt Chiang, sich der Linken, auch in der eigenen Partei, zu entledigen, um seine Macht zu sichern.

Für seinen Verrat braucht er Verbündete, und er entsinnt sich der Kontakte, die er in seiner Zeit als Broker an der Shanghaier Börse geknüpft hat – zur Grünen Bande und zu Inspektor Huang Jinrong. Es ist der Beginn des Bündnisses zwischen Chiang Kai-shek und Du Yuesheng, das mehrere Jahrzehnte lang halten wird.

Du Yuesheng erledigt die Drecksarbeit für Chiang Kai-shek und seine Partei

Chiang bietet Du Ruhm, Geschäftsmöglichkeiten und die Chance, seine Weste reinzuwaschen. Du nimmt ihm dafür die Drecksarbeit ab. Das Geld für seine Mordpläne treibt Chiang bei reichen Shanghaier Geschäftsleuten ein. Dass eine linke Regierung nicht in ihrem Interesse sei, davon kann er sie rasch überzeugen, zumal es in Shanghai seit Monaten zu heftigen Streiks kommt. Eine neue Allianz aus Kuomintang, Kapitalisten und Geheimbündlern ist geboren. Und die in Shanghai residierenden Briten und Amerikaner sichern Chiang zu, seine Pläne nicht zu durchkreuzen.

Am Abend des 9. April 1927 lädt Du den Vorsitzenden der Gewerkschaft zum Abendessen ein, einen erfahrenen marxistischen Kader. Noch bevor der Mann das Haus betritt, wird er von zwei Gehilfen Dus entführt und auf einem Feld lebendig begraben. Drei Tage später mischen sich Dus Männer unter die streikenden Arbeiter. Sie dringen in die Gewerkschaftsbüros ein und eröffnen das Feuer. Als tags darauf Zehntausende protestierende Arbeiter, darunter Frauen und Kinder, zum Hauptquartier der Kuomintang ziehen, werden sie bereits von Scharfschützen erwartet, die ziellos in die Menge feuern. Shanghai wird vom Weißen Terror ergriffen, Chiang lässt Tausende ermorden.

Die Kommunisten sind entsetzt, die Allianz aus KPCh und Kuomintang zerbricht. Sie wird erst im Sommer 1937 unter dem Druck des Einmarschs der Japaner wieder aufleben. Brüchig bleibt sie immer.

Chiang entlohnt Du fürstlich für seine Dienste. Er verleiht ihm einen Ehrentitel im Rang eines Generalleutnants. Das gibt seinen Geschäften Aufschwung. Zudem macht Chiang ihn zum Leiter des Büros für die Unterdrückung des Opiumhandels. Nach außen tut die Regierung, als wolle sie das Geschäft mit der Droge bekämpfen – tatsächlich plant sie ein eigenes Monopol. Als Leiter des Büros kann Du ungestört seinen Geschäften nachgehen, solange er seine Gewinne mit der Regierung teilt. Und die Summen werden immer größer.

Du nimmt sich als vierte Frau eine berühmte Sängerin der Pekingoper, nachts zieht er durch die feinen Shanghaier Clubs, im Schlepptau drei bis vier sing-song girls. Du tritt jetzt als Bankier und Finanzier auf, ist Chef zahlreicher Unternehmen und Direktor der Shanghaier Börse. Er sitzt im Aufsichtsrat der Zentralbank, der Shanghaier Banken und der Handelskammer. Er bekleidet den Posten eines Stadtrats der französischen Konzession und sitzt im Präsidium des Roten Kreuzes. Du bestimmt sogar, was in den Zeitungen steht, denn die Presse ist von Mitgliedern der Grünen Bande infiltriert. Als Du einen Ahnentempel in seinem Geburtsort Pudong eröffnet, wird dies zur rauschenden Feier seines Erfolgs. 80.000 Menschen strömen herbei, 200 Banketttische biegen sich unter den Speisen, es gibt Opernaufführungen, Paraden, Prozessionen, Akrobatikshows und natürlich ein gewaltiges Feuerwerk.

Doch die guten Zeiten währen nicht lange. Am 28. Januar 1932 greifen die Japaner, nachdem sie im Jahr zuvor in die Mandschurei eingefallen sind, Shanghai an. Wieder benötigt Chiang Kai-shek Dus Unterstützung bei einer Spezialoperation: Dai Li, der Chef des Geheimdienstes, hat die Geheimorganisation der Blauhemden aufgebaut, eine Truppe, welche die Organisationsprinzipien der chinesischen Geheimgesellschaften mit solchen der Nazis in Deutschland vereint. Die Blauhemden werden zum größten Spionagering in Asien, ihr Einfluss reicht bis nach London, Paris und in die USA. Du Yuesheng soll zusätzlich eine Geheimarmee aus Mitgliedern der Grünen Bande aufstellen, um direkt gegen die Japaner vorzugehen. Du muss den Großteil der Kosten übernehmen, aber er fügt sich – wie immer, wenn ihn Chiang Kai-shek um Hilfe bittet. Wochen später präsentiert er seine 18.000 Mann starke Schattenarmee. Doch nicht nur die Chinesen haben ihre Schlägertrupps, auch die Japaner bilden Auftragsmörder aus. In Shanghai entbrennt nun ein regelrechter Bandenkrieg. Mord, Sabotage, Entführung: Bald herrscht ein Gleichgewicht des Schreckens.

Die Kämpfe bilden den Auftakt zum zweiten – offiziell 1937 erklärten – chinesisch-japanischen Krieg. In dessen Verlauf versuchen die Japaner, Du Yuesheng auf ihre Seite zu ziehen. Doch er schlägt das Angebot aus. Wenig später kreist ein japanisches Flugzeug über seiner Villa. Du fürchtet um sein Leben. Im November 1937 flieht er nach Hongkong, wo er im Peninsular residiert, dem besten Hotel der Stadt. Er hält Hof, wie es sich für einen Paten gehört. Unterdessen nehmen die Japaner die chinesische Hauptstadt Nanjing ein. Sie vergewaltigen, rauben, töten – das Massaker fordert 300.000 Menschenleben. Die Kuomintang-Regierung flüchtet nach Chongqing im Landesinneren.