DIE ZEIT: Herr Lacina, ist die Party für Österreichs Wirtschaft und Banken in Mittel- und Osteuropa vorbei?

Ferdinand Lacina: Das war doch keine Party. Natürlich gibt es nun Schwierigkeiten in einigen Ländern, durch die Spannungen mit Russland, die Situation in der Ukraine und die Politik in Ungarn. Die Wachstumsaussichten dort sind deutlich geringer geworden, das stimmt schon.

ZEIT: Sie sagen, es war keine Party. Eine Goldrauschstimmung hat aber schon geherrscht.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der aktuellen ZEIT. Sie finden die Österreich-Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Lacina: Das stimmt. Österreichische Unternehmen, insbesondere Dienstleistungsunternehmen und Banken, haben für Übernahmen sehr hohe Preise bezahlt, verführt durch gute Ergebnisse nach ersten Investitionen. Da ist der kritische Blick des Investors verdunkelt worden durch das, was Sie als Goldrausch bezeichnen. Es gab überbordende Erwartungen.

ZEIT: Ging man unvorbereitet in diese neuen Märkte?

Lacina: Nein, das sind normale Entwicklungen. Wenn die Gier zu groß wird, entsteht ein Hype. Da reagieren Unternehmen nicht anders als Privatpersonen, und es kommt zu einer Blase. Ein Problem war, dass österreichische Banken eine schmale Eigenkapitalbasis haben und es deshalb nicht einfach ist, Rückschläge zu verdauen, wie man jetzt bei Raiffeisen sieht.

ZEIT: Geschichte wiederholt sich zwar nicht, aber bereits in der Ersten Republik expandierten Österreichs Banken mit geringer Eigenkapitaldecke und waren härter von der Wirtschaftskrise der 1930er Jahre betroffen. Man hätte es also zumindest ahnen können. Wurde es versäumt, die Banken an die Kandare zu nehmen?

Lacina: Das ist gar nicht so einfach. Ich habe als Finanzminister aus diesem Grund bei der Privatisierung der Creditanstalt versucht, eine Schweizer Großbank an Bord zu holen, das wurde politisch vom Regierungspartner verhindert. Woran aber die Banken auch leiden, ist, dass es die Notenbank erlaubt hat, Fremdwährungskredite an Private zu vergeben.

ZEIT: Weil Bankkunden zu Spekulanten wurden?

Lacina: Natürlich. Einfache Kreditnehmer wurden zu Spekulationen eingeladen. Den Leuten wurde ein Franken- oder, noch krimineller, weil die Währung volatiler ist, ein Yen-Kredit eingeredet.

ZEIT: Kriminell?

Lacina: Ja. Kleine Leute, Häuslbauer, wurden nicht nur in Kredite gedrängt, sondern auch in ein Währungsrisiko. Es wurde mit allen Mitteln versucht, das Kreditvolumen auszuweiten. Ich bin überzeugt, dass zu wenig über das Risiko aufgeklärt wurde. Mit einem Währungsrisiko können selbst Unternehmen schwer umgehen. Und in Osteuropa wurden diese Produkte an Leute verkauft, denen das westliche Bankensystem bis dahin unbekannt war. Das war ein großer Fehler.

ZEIT: Vergaß man in der Boomphase, sich auf die Zeit danach vorzubereiten?

Lacina: Nein, viel eher war es unerwartet, wie stark und anhaltend der Boom war.

ZEIT: War Österreich dadurch besser für die Wirtschaftskrise gewappnet?

Lacina: Nein. Wir sind deshalb besser durch die Finanzkrise gekommen, weil die österreichischen Banken giftige Produkte nicht in einem Ausmaße in ihrem Bauch hatten wie zum Beispiel die deutschen. Und die Auswirkungen auf dem Arbeitsmarkt wurden mit Kurzarbeit eingedämmt. Trotzdem war der Verlust an Wachstum beachtlich. Und es wurden auch Fehler gemacht, insbesondere bei der Hypo Alpe Adria. Das hat aber andere Gründe als die schwache Wirtschaftslage in einigen osteuropäischen Ländern.

ZEIT: Die Gründe für die Verluste der Raiffeisen Bank International liegen aber im Osten.

Lacina: Natürlich. Wobei die Entwicklungen in der Ukraine und in Russland nicht vorhersehbar waren. Da kann man kein Management tadeln.

ZEIT: Ist Österreich so abhängig von den Ostgeschäften, dass der politische Anstand hintangestellt wird? Dass Wladimir Putin in der Wirtschaftskammer Witze reißen darf, so wie vergangenes Jahr, ist ja nur die Spitze eines Eisbergs.

Lacina: Autokraten, die in Wien Witze reißen, sind nicht mein Problem. Es gab schlimmere Despoten, mit denen wir gute Beziehungen hatten. Politische Sauberkeit und Gewinne hängen leider nicht eng zusammen. Die Frage ist, wie ein europäisches politisches Konzept aussehen könnte für die Beziehungen zu Russland. Das würde mich interessieren, aber dazu finde ich im Augenblick keine Antwort. Natürlich kann man jeden vierten Montag neue Sanktionen beschließen. An der Situation wird das nicht viel ändern, und die humanitäre Lage wird sicher auch nicht besser.

ZEIT: Boom und zweistellige Rendite sind passé. Wird Osteuropa ein Markt wie jeder andere?

Lacina: Ja, es war abzusehen, dass die hohen Wachstumsraten nicht auf Dauer bleiben werden.