Am 5. Dezember 2014 klingelt um 10.52 Uhr mein Handy, und ein Bekannter sagt euphorisch: "Vor zwei Minuten ist Bodo Ramelow Ministerpräsident geworden!" Im Radio höre ich, dass die Reporterin einen "außergewöhnlichen Moment in der deutschen Geschichte" verkündet. Ob es sich um einen guten oder schlechten Moment handelt, sagt sie nicht, und ich gehe ins Dorf, um Geld abzuheben.

Der Direktorin der Bank, die mich immer mit traurigen Augen über die gesunkenen Zinsen informiert, sage ich lachend: "Vielleicht verstaatlichen die Roten, um die kleinen Sparer zu beruhigen, im nächsten Jahr die Thüringer Banken!"

Sie versteht mich nicht, und ich erkläre ihr, dass vor genau 18 Minuten der linke Ramelow ...

Sie grient: "Kein Problem, unsere Bank ist schon verstaatlicht. Wir sind genossenschaftlich ..." Dann fragt sie: "Ramelow kommt doch aus dem Westen?" Ich nicke. Sie: "Na, da wird’s nicht schlimm. Da weiß er, wo der Hase langlaufen muss."

Die ersten fünf Euro vom abgehobenen Geld gebe ich bei Ercan im gegenüberliegenden Döner-Imbiss aus. Ein vielleicht 50-jähriger Mann mit auffälliger Audi-Reklame-Mütze drängelt sich vor mir durch die Tür. Ercan entschuldigt ihn. "›Audi‹ kommt oft hierher und immer eilig. Immer eilig."

Als ich Ercan sage, dass er, ein aus der Türkei vertriebener bestimmt linker revolutionärer Kurde, sich freuen könne, denn soeben sei in Thüringen ein Linker als Ministerpräsident gewählt worden, hat es "Audi" plötzlich nicht mehr eilig. Er fragt mich immer wieder ungläubig, ob das stimme. Ich nicke. Und Ercan berichtigt mich. Ihn interessiere auch als Kurde keine linke revolutionäre Ideologie. Wichtig wäre nur: "Ob Regierung gut für kleine Leute."

"Audi" hingegen strahlt. "Endlich! Endlich die Schwarzen weg! Nun können die Roten nach 25 Jahren zeigen, dass in Thüringen eine soziale und gerechte Politik möglich ist. Eine demokratische, sozialistische!"

Während Ercan meine Döner-Rolle "mit viel Fleisch und nur Zwiebeln" füllt, sagt "Audi" plötzlich zusammenhanglos: "Es gab vor über 100 Jahren zwei große deutsche Philosophen. Die wussten damals schon, was heute in der Welt geschieht." Marx und Engels. Vor zwei Wochen, als die Linken sich mit den Sozialdemokraten und Grünen um eine Regierung bemühten, habe er sich noch einmal das Kommunistische Manifest vorgenommen und schon dort über die heutige Globalisierung gelesen, dass die Monopole der Welt die Bodenschätze aller Länder unter sich aufteilen würden.

Ich will wissen, ob er Philosophie studiert hat. "Nein. Ich handele im Nachbardorf Schwarza mit Autoteilen." – "Und vor der Wende?" – "War ich Koch beim Armeesportklub in Oberhof." – "Und weshalb kein Koch geblieben?" – "Es war doch eine völlig neue Zeit, da musste man sich, wenn man ehrlich sein wollte, auch selbst ändern!" Was zwar für ihn selbstverständlich gewesen sei, aber heutzutage trotz eines linken Ministerpräsidenten für die Berufspolitiker im Landtag und die alten CDU-Beamten in den Ministerien bestimmt nicht gelten würde. "Die sitzen dort alle fest." Außerdem würden die neuen Politiker lediglich das ändern können, was die Finanzen erlauben. "Nur das Geld bestimmt die Welt." Das stehe auch im Kommunistischen Manifest , sagt "Audi".

"Müssen nur wirtschaften lernen!", sagt einer über die neue Regierung

Ich kenne nur noch zwei authentische Sätze: "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" Und: "Ein Gespenst geht um in Europa .." Das Gespenst des Kommunismus ging auch vor der Wahl von Ramelow in Thüringen umher. Tausende demonstrierten in Erfurt auf dem Domplatz und vor dem Landtag gegen den "kommunistischen Stasi-Beleber Ramelow". In halbseitigen Zeitungsanzeigen warnten Träger des Thüringer Verdienstordens davor, "den Gefängniswärtern von gestern die Schlüssel wiederzugeben". Und Mike Mohring, der CDU-Fraktionsvorsitzende, behauptete: "Hinter der vermeintlich bürgerlichen Fassade des linken Ministerpräsidenten-Kandidaten Ramelow verbirgt sich eine Gruppe aus Stalinisten, aus Extremisten und ehemaligen Stasi-Spitzeln (...). Ich mag keine Kommunisten (...). Ich mag keine Sozialisten (...). Wir brauchen das alles nicht in Thüringen." Der CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer kurz nach der Wahl: Die neue Thüringer Regierung sei eine giftige Mischung und Ramelow ein "Top-Agent einer Ex-Stasi-Connection der Linkspartei".