Am Hamburger Schauspielhaus haben sie jetzt zwei alte Stücke in allem Prunk neu inszeniert, Samuel Becketts Glückliche Tage von 1961 und John Osbornes Entertainer von 1957, in denen es um den Untergang des Menschen geht. Das anzusehen hat etwas Schönes, da vom Bühnengeschehen ein gewisser Gattungsstolz ausstrahlt. Man denkt als Zuschauer an die Geschichten von den großen Kapitänen, die mit ihren Schiffen untergehen, und man entwickelt selbst ein Kapitänsgefühl.

In Glückliche Tage geht eine Frau namens Winnie in einer Flut von schmutzigem Wasser unter, in Der Entertainer geht eine Entertainer-Familie namens Rice geschlossen, aber stellvertretend für ihr Publikum, in einer Flut von Gin und billigsten Witzen unter. Beide Aufführungen haben etwas Fraktales an sich, sie könnten auch eine Stunde früher enden oder noch zwei Stunden länger dauern, und sie würden doch denselben Eindruck hinterlassen, denn es sind Stücke, die nach dem über ihre Protagonisten verhängten Todesurteil erst beginnen: Diese Galgenfrist lässt sich nirgendwo besser ertragen als auf einer gut gebauten deutschen Bühne.

Winnie, das glücklich plappernde alte Mädchen, steckt bei Beckett bis zur Taille in einem Erdhaufen fest, und am Ende ragt nur noch ihr Kopf aus dem Haufen. So steht es im Text. Aber die Engländerin Katie Mitchell hat in ihrer Hamburger Inszenierung den Tod im Erdhaufen durch ein Ende im Wasser ersetzt: Ihre Winnie (Julia Wieninger) steht am Anfang bis zur Taille und am Ende bis zum Kinn in einer trüben Brühe, und die Spanne zwischen diesen beiden Wasserständen ist ihr Leben.

Am Ende ist die Lage dramatisch: Jedes Wort Winnies bewegt das Wasser, mit jedem Vokal wirft sie einen Wasserring. Man ahnt, dass bald das Wasser in ihren sprechenden Mund strömen wird. Aber noch ist es nicht so weit, und Winnie feiert den Umstand, dass ihre Nase noch so weit von der Oberfläche der Flut entfernt ist, in der sie ertrinken wird. Das, sagt Beckett, ist die Situation des Menschen.

Katie Mitchell gibt dem Stück einen umweltpolitischen Dreh, denn die Flut, in der Winnie steht, entsprang aus Winnies Haus und überrollt erst am Ende auch die Außenwelt (bühnenbildnerisch wunderbar gelöst von Alex Eales). Winnie, das Menschenkind, hat die Flut offenbar erzeugt. Sie versinkt in der selbst verschuldeten Katastrophe.

Wenn man Glückliche Tage wiedersieht, dieses zentrale Stück aus dem Abgesangsbuch der modernen Dramatik, merkt man, dass es besser gealtert ist als man selbst: Es rückt einem buchstäblich zu Leibe. Es spielt vor einem Publikum, das kollektiv wieder ein wenig tiefer in seinen Sandhaufen beziehungsweise seine eigene Flutwelle gerutscht ist.