DIE ZEIT: Herr Professor Treede, vor fünf Jahren litt fast jeder zweite Patient unter einer unzureichenden Schmerztherapie. Hat sich die Situation inzwischen verbessert?

Rolf-Detlef Treede: Ich sehe noch immer Spielraum nach oben. Es gibt ja schon lange spezialisierte Schmerztherapeuten, die etwa eine Zusatz-Weiterbildung vorweisen müssen. Das Problem ist, dass diese Ärzte von der Schmerztherapie allein nicht leben können. Sie kämpfen seit Jahren um eine angemessene Vergütung.

ZEIT: Viel wichtiger aber ist doch der Blick auf die Lage der Patienten.

Treede: Auch hier haben wir jede Menge Arbeit vor uns. Es ist noch immer nicht gesichert, dass jeder Patient die richtige Behandlung bekommt. Und die lange Wartezeit auf einen Termin beim Schmerztherapeuten stellt ein gewaltiges Problem dar.

ZEIT: Dabei sollte man meinen, dass Schmerz eines der vordringlichsten Probleme in der Medizin überhaupt sei ...

Treede: Jeder sagt, dass Schmerz ein wichtiges Problem ist, und deswegen denken viele, das Problem sei bereits gelöst. Es stimmt: Inzwischen sind Grundkenntnisse der Schmerzbehandlung unter Allgemeinmedizinern weit verbreitet. Aber: Es fehlt noch viel an Detailwissen.

ZEIT: Man gewinnt den Eindruck, dass Ärzte und Patienten immer noch vor allem auf Medikamente setzen. Inzwischen gibt es ein großes Problem mit verschriebenen Opioiden.

Treede: Weltweit gesehen, bekommen Menschen etwa in Osteuropa oder Indien noch immer viel zu wenig Opioide. Wir lagen in Deutschland vor noch nicht allzu langer Zeit auch noch ziemlich weit hinten. Nun steigen die Verschreibungszahlen bei uns seit 20 Jahren und sind inzwischen im oberen Mittelfeld angelangt. Man kann nicht mehr von einer allgemeinen Unterversorgung sprechen – an manchen Stellen haben wir sicher schon eine Überversorgung.

ZEIT: Greifen nicht zu viele Menschen zu schnell oder zu oft zum Medikament?

Treede: Das stimmt. Das Absetzen von Medikamenten bei Menschen mit chronischen Kopf- oder Rückenschmerzen ist ein ganz wichtiges Behandlungsziel. Die Frage ist: Ab wann ist Schmerz kein Warnsignal mehr?

ZEIT: Gibt es dafür eine klare Definition?

Treede: Wir arbeiten im Moment zusammen mit der Weltgesundheitsorganisation am neuen Katalog "International Classification of Diseases", und darin geht es genau um diese Frage: Erzählt der Schmerz noch eine Geschichte, die man für die Behandlung nutzen kann, oder erzählt der chronische Schmerz nur seine eigene Geschichte? Irgendwann fängt der chronische Schmerz an und verselbstständigt sich durch Lernprozesse. Diese unbewusste Konditionierung ist ein mächtiger Prozess, den man in gewissem Sinne wieder verlernen muss.

ZEIT: Die erste Lektion ist doch eigentlich, dass Schmerz hilfreich sein kann, dass wir ganz ohne ihn nicht überleben können.

Treede: Richtig. Schon für das Bewusstsein, dass man einen Körper hat, spielt der Schmerz eine positive Rolle. Es gibt Sportler, die spüren ihren Körper erst, wenn es wehtut. Zu viel Schmerz spielt allerdings auch eine negative Rolle.

ZEIT: Und Millionen Menschen in Deutschland leiden häufig unter Schmerzen.

Treede: Einspruch: Nicht jeder, der Schmerzen hat, leidet darunter. Die magische Zahl ist: vier. Wer auf einer Skala der Schmerzintensität von 0 bis 10 diesen Wert erreicht, wird allmählich unruhig. Das ist auch der Wert, den man mit einer Therapie unterschreiten möchte. Um das zu erreichen, braucht es schmerztherapeutisch gut ausgebildete Allgemeinärzte. Einige gibt es ja schon, aber es könnten mehr sein.

ZEIT: Könnte man den Menschen nicht auch etwas mehr Hilfe zur Selbsthilfe an die Hand geben?

Treede: Viele Menschen, die unter Rückenschmerzen leiden, wollen eine Massage verschrieben haben, denn die fühlt sich erst einmal gut an. Aber Passivität bei Rückenschmerzen schadet. Es wird noch Zeit brauchen, bis diese Erkenntnis zu allen durchgedrungen ist.

ZEIT: Wie gehen Sie selbst denn mit dem Schmerz um?

Treede: Ich habe höchstens einmal Nackenschmerzen. Normalerweise reichen dann vorübergehende Ruhigstellung und etwas Dehnungstherapie. Höchstens zweimal habe ich eine Schmerztablette genommen. Die hat gut gewirkt – und ich war zufrieden.

Neurophysiologe Rolf-Detlef Treede ist Präsident der Internationalen Gesellschaft für die Erforschung des Schmerzes.