Nein, von Europa wollen die Genossen an diesem Samstag nichts wissen. Das Thema ist ihnen zu heiß. Viel lieber kümmert sich die SP an ihrem Parteitag in Martigny um die Familien. Ein Drittel ihres Wahlkampfprogramms widmet sie Kind und Kegel: Tagesstätten und kostenlose Tagesschulen für alle! Höhere Kindergutschriften! Krankenkassenprämien sollen höchstens zehn Prozent des Haushaltseinkommens ausmachen! Mit ihrem Dreiklang der Familienfreundlichkeit will die Partei im Herbst bei den Schweizerinnen und Schweizern punkten.

Damit sind die Sozialdemokraten nicht allein. In den vergangenen Jahren jagt eine Familienvorlage die andere. Als Nächstes befinden wir am 8. März über die Familieninitiative der CVP. Sie will die Kinder- und Ausbildungszulagen von den Steuern befreien.

Wie kam es dazu, dass die Parteien derart intensiv um die Gunst der Familien buhlen? Wie wurde in der Schweiz das Private politisch, ja, zum Gegenstand eines ideologischen Streits? Und warum geschieht all das gerade jetzt?

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der aktuellen ZEIT. Sie finden die Schweiz-Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Der junge Bundesstaat ließ die Finger von den Familien. "Die Schweiz war der Prototyp für eine liberalistische familienpolitische Entwicklung", schreibt der Familiensoziologe François Höpflinger. 1874 mischte sich Bern erstmals in die privatesten Angelegenheiten seiner Bürger, als die total revidierte Bundesverfassung einige Ehehindernisse aus dem Weg räumte. Und drei Jahre später verbot das neue Fabrikgesetz, dass Kinder unter 14 Jahren an den Webstühlen und Spinnmaschinen arbeiteten. Aber es dauerte nochmals beinahe 70 Jahre, bis der Bund hochoffiziell Familienpolitik machte. 1945 wurde der Familienschutzartikel in einer Volksabstimmung angenommen. Somit war es der Eidgenossenschaft möglich, Familienzulagen an die Bauern zu bezahlen: 7 Franken je Kind und Monat. Im selben Urnengang wurde auch die Mutterschaftsversicherung in der Verfassung festgeschrieben. Bis die Mütter allerdings für ihren Lohnausfall entschädigt wurden, den sie nach der Geburt eines Kindes hatten, vergingen weitere sechs Jahrzehnte und vier Volksabstimmungen.

Familienpolitik: Bis vor dem Zweiten Weltkrieg kaum ein Thema

Das bürgerliche Ideal der Frau, die keiner Erwerbsarbeit nachgeht – es hielt sich hartnäckig.

Erst in den 1980er Jahren verlangten Frauen und einige wenige Männer, Beruf und Familie müssten besser vereinbar sein. Zwanzig Jahre später können die Vorkämpferinnen ihre Ernte einfahren: Mit 271 Millionen Subventionsfranken stampfte man in den letzten 11 Jahren 43.255 Betreuungsplätze aus dem Boden, die Minimalstandards für Kinderzulagen wurden schweizweit vereinheitlicht, und Familien profitieren nun von niedrigeren Krankenkassenprämien für ihre Sprösslinge.

Woher dieser Boom?

Zuerst einmal lässt sich Familienpolitik prima verkaufen. Die Familie ist, rein marketingtechnisch, ein sexy Thema. Es menschelt! Herzige Babys lachen von Plakaten, lustige Rothaarige bekleckern sich mit Tomatensauce und werben für gerechte Kinderzulage: "Kinder leben von Liebe. Aber nicht nur". Oder die verweinten Kinder mit Viehmarken im Ohr, die von Mutter Helvetia nicht zu "Staatskindern" umerzogen werden. Welcher Bürgerin, welchem Bürger gehen sie nicht ans Herz?

Der Erste, der in jüngster Zeit das Potenzial der Familienpolitik entdeckte, war CVP-Präsident Philipp Stähelin. Das war 2003. Er belebte damit eine Tradition der Katholisch-Konservativen. Bereits 1940 ermutigte ihr Bundesrat Philipp Etter mehrere Familienorganisationen, sie sollten sich zu einem Dachverband zusammenschließen. So entstand Pro Familia. Für eine damals lancierte Volksinitiative zum "Schutz der Familie" sammelte man 170.000 Unterschriften.

Doch die Liebe der CVP zu Vater, Mutter und Kind verblasste über die Jahrzehnte. Bis der Thurgauer Stähelin Alarm schlug: Die Politik müsse sich mehr um die Familie kümmern, ansonsten gehe der Generationenvertrag in die Brüche. "Familien und Nachwuchs fördern heißt Renten sichern", rief Stähelin seinen Delegierten zu. Und so nahm sich die CVP die Mutterschaftsversicherung zur Brust. Damit sich Frauen wieder "mit Freude für Kinder" entscheiden könnten. Heute nennt sich die CVP schlicht und stolz: "Die Familienpartei". Auf dem Parteiprogramm thront, noch bevor ein einziges Wort geschrieben steht, ein Bild. Darauf: eine vor Glück strotzende Familie, sechs Blondschöpfe, die über eine saftige Wiese ziehen. Und kriegt ein CVP-Parlamentarier, wie kürzlich Martin Candinas, wieder einmal Nachwuchs, lässt er sich dafür in den Medien feiern: "Mutter und Tochter sind wohlauf, perfekt ist das Familienglück."