Die Doppelverdiener

Mami, wo warst du in der Krippe, als du ein Kind warst? Die Frage unserer Tochter hat uns erst stutzig gemacht. Und dann beeindruckt. Weil sie uns gezeigt hat, wie selbstverständlich es für Salome ist, fremdbetreut zu werden. Sie geht vier Tage die Woche in den Hort, ihr Bruder Florian in die Krippe. Den Freitag und das Wochenende verbringen wir zu viert, unternehmen viel zusammen und erledigen, was unter der Woche liegen geblieben ist. Zum Beispiel riesige Wäscheberge.

Es war nie eine Frage, ob wir weiterarbeiten, wenn wir Kinder bekommen. Warum auch? Wir haben interessante Jobs, die uns Freude machen. Und finanziell waren wir immer unabhängig voneinander. Weil wir bereits 80 Prozent gearbeitet haben, bevor die Kinder zur Welt kamen, hat sich auch für unsere Arbeitgeber nicht allzu viel geändert.

Wir frühstücken zu viert und essen zusammen Znacht. Das ist uns heilig. Die Zeit dazwischen ist sehr dicht: Salome geht in den Kindergarten und danach in den Hort, Florian in die Krippe. Wir beide arbeiten und machen, wenn möglich, über Mittag noch etwas Sport. Der Flexiblere ist Jürg, dank einem sehr großzügigen Arbeitgeber. In der Regel geht er nur zweimal pro Woche in die Firma nach Zug, die beiden anderen Tage arbeitet er von daheim aus.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der aktuellen ZEIT. Sie finden die Schweiz-Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Wenn alles normal läuft, kommen wir gut über die Runden. Eng wird es, wenn wir aus dem Trott geworfen werden: Wenn jemand krank ist, wenn wir einen Kuchen backen sollen für die Krippe, wenn Salome statt dem Kindergartentäschli einen Rucksack und die Wanderschuhe mitnehmen muss, weil sie Waldtag hat. Lauter kleine Dinge, die zwar toll sind, die das System aber rasch überlasten. Da geht auch mal was vergessen.

Mühsam ist, dass wir die Kinder nicht am selben Ort betreuen lassen können. Um Punkt sechs Uhr müssen wir sie wieder abholen. Egal, ob im Büro noch etwas Dringendes ansteht. Und so kommt es halt vor, dass wir, wenn die Kinder schlafen, uns noch einmal aufraffen und weiterarbeiten müssen. Der Schlaf kommt dann zu kurz. Manchmal müssen fünf Stunden reichen.

Unverständlich ist für uns, dass es in der Stadt Zürich nicht möglich ist, einen Hortplatz über mehrere Jahre am selben Ort auf sicher zu haben. Ab den Frühlingsferien sitzt man auf Nadeln. Wochenlang. Man schreibt Gesuche und telefoniert, weil man darauf angewiesen wäre, zu wissen, ob das Kind im neuen Schuljahr überhaupt weiter betreut werden kann – und wo. Die Antwort ist stets dieselbe: Wir können Ihnen nichts garantieren! Trotzdem sind wir glücklich, das Betreuungsangebot ist in Zürich viel besser als an den meisten anderen Orten. Nur so können wir unser Modell überhaupt leben. Und dass die Kinder gern außer Haus sind, erleichtert es uns sehr, sie abzugeben.

Ohne staatliche Subventionen müssten wir pro Monat fast 4.500 Franken für Hort und Krippe ausgeben. Das ist beinahe ein ganzer Lohn! Da stimmt doch etwas am System nicht, wenn es sich nicht einmal für zwei Akademiker lohnt, zusammen 160 Stellenprozente zu arbeiten. Mehr als zwei Kinder kann man sich so kaum leisten.

Dass wir kaum Zeit für uns zwei haben, nehmen wir gerne in Kauf. Ebenso, dass unser Haushalt nicht so perfekt ist wie der unserer Mütter. Für unsere Kinder ist halt das Chaos normal!

Jürg Hofer und Susanne Rechsteiner

Die Alleinerziehende

Vater, Mutter und Kinder. Als "richtige" Familie gilt in der Schweiz noch immer das klassische Gespann. Das ist in den Köpfen drin. Auch bei meiner Tochter. Manchmal kommt die Frage, warum es bei uns anders läuft. Dann sage ich ihr: "Wir zwei sind auch eine Familie, wir sind ein Team." Auch Alleinerziehende können gesunde Kinder erziehen.

Ich lebe mit Assyta in Bern, ihr Vater lebt in Genf. Ich bin für die Erziehung zuständig. Zum Glück habe ich damals, nach der Trennung und frisch aus der Westschweiz kommend, einen Kita-Platz gefunden. Eine Woche bevor ich meine neue Stelle als Lehrerin antrat. Ich bin extrem abhängig von meinem Umfeld, gerade wenn etwas Außerplanmäßiges passiert. Oder wenn ich Zeit für mich brauche, mit Freunden etwas trinken gehen möchte. Dann benötige ich Hilfe von meiner Familie und meinen Freunden, auch wenn Assyta eine Tagesschule besucht.

Sie ist jetzt in der zweiten Klasse. Zwei Tage in der Woche isst sie über Zmittag in der Schule, zweimal an einem Mittagstisch, für den eine Nachbarin und ich abwechselnd kochen. Mir ist wichtig, dass sie regelmäßig mit anderen Kindern und deren Familien zusammen sein kann.

Mein Vorteil ist, dass ich als Lehrerin einer fünften Klasse während der Schulferien meinen Tag flexibel gestalten kann. In der Schulzeit bin ich dafür voll eingespannt. Da heißt es halt manchmal: improvisieren. Und ich muss auch schon mal kurzfristig ein Kindermädchen aufbieten.