Neulich auf Facebook, neongrünes Plakat, Stellenausschreibung: "Wir suchen Dich! Du denkst digital und bist gerne ein Nerd? Lust, ein junges Unternehmen mit aufzubauen? Schnuppere Start-up-Luft, und mach das Fahrrad mit uns digital!" Acht Leuten gefällt das.

Gesucht wird ein Informatiker, ein Werkstudent, viel zahlen kann Sebastian Kellner nicht. Kellner und sein Mitgründer leben schließlich selbst seit bald zwei Jahren mit einem constant constraint, wie die beiden es nennen. Einem ständigen Zuwenig von allem: Geld, Zeit, Platz, Mitarbeiter, Schlaf.

Trotzdem soll ihre Firma Veloyo eine Revolution werden, eine grüne noch dazu. Die beiden programmieren eine App, die Rad-Fahrer mit Rad-Reparateuren zusammenbringt. Wer einen Platten hat, schreibt kurz, wo und welche Hilfe er braucht, dann kommt ein Techniker mit Ersatzteilen vorbei. Eine Art mobile Fahrradwerkstatt. In einem Monat soll die Sache losgehen. Aber das hatten sie vor über einem halben Jahr auch schon mal gedacht. Irgendwas geht immer schief.

Manchmal fragt sich Kellner, ob das mit dem Start-up so eine gute Idee war. Warum keiner Geld investieren will, obwohl doch alle sagen, dass es eine großartige Idee sei. Warum die Stadt alles mögliche fördert, aber nicht seine Fahrradplattform. Warum Veloyo bei den Start-up-Wettbewerben nie Erster wird? Man hat das Gefühl, dass er Gründen manchmal ganz schön scheiße findet.

Start-up-Unternehmer hassen nichts mehr als ein normales Büroleben

Doch es gibt diesen Satz, der Kellner hochzieht. Diesen Satz, der die Start-up-Szene wie ein Glaubensbekenntnis verbindet: "Besser so, als jeden morgen in die Bahn zu steigen und zu roboten."

"roboten " – das Wort hat es sogar in den Duden geschafft. Für Menschen wie Kellner steht es für das, was die meisten Menschen täglich tun: In die Firma fahren, erledigen, was einem gesagt wird, nach Hause fahren, Gehalt bekommen. Irgendwie fremdgesteuert, wie ein Roboter eben.

In Hamburg roboten sehr viele Menschen. Die Gründerquote geht seit Jahren zurück. Laut KfW findet man unter hundert Hamburgern statistisch gesehen nur 1,98 Gründer.

Die Politik ist davon wenig begeistert. Sie will mehr Menschen wie Kellner. Den Eindruck konnte man zumindest im Wahlkampf bekommen. Der Fototermin im Start-up war Pflicht. Hamburg soll zur Gründermetropole werden. Die regierende SPD hat sich in den letzten Jahren mächtig bemüht: Investitionsbank, Gründerzentren, Fördergelder, Initiativen und Konferenzen. Selbst die Schulbehörde lädt zu Seminaren für Oberstufenschüler: "Start-up – ich mach mein Ding."

Hamburg ist im Dauer-Honeymoon mit seinen Gründern. Den Rettern der Arbeits- und Wirtschaftswelt, den Verstehern des digitalen Wandels, den Engagierten, den Wachstumstreibern, den Arbeitgebern von morgen, den kreativen Zerstörern, den Mutigen, den Innovativen, den Lässigen, den Selbstbestimmten.

Das Start-up ist ein großes Versprechen: Mehr Start-ups werden es schon richten. Wenn alle Unternehmen wie Start-ups denken, wird alles gut.

Wird es nicht.

Nicht weil an Start-ups grundsätzlich etwas falsch wäre. Sondern weil sie mit großen Hoffnungen überfrachtet werden. Start-ups dürfen kein Unternehmen in der Startphase mehr sein. Sie müssen Lifestyle sein. Das schafft Erwartungen, die nicht erfüllt werden können. Oder zumindest nur sehr selten.