Rund 600 junge Menschen begehen jedes Jahr in Deutschland Selbstmord. Zwar ist die Rate der Selbstmorde aller Altersgruppen seit 1980 um mehr als 40 Prozent zurückgegangen, die der Jugendlichen aber steigt seit 2008 wieder an. Der Suizid ist damit in der Altersgruppe unter 25 Jahren die zweithäufigste Todesursache, nach dem Autounfall. Die Mehrzahl derjenigen, die sich selbst töten, sind junge Männer. Nicht, weil sie verzweifelter sind, sondern, so erklärt es die Wissenschaft, weil sie nicht so lange nach einem Ausweg suchen wie junge Frauen. U25 will so ein Ausweg sein.

"Der Selbstmord ist ein Ereignis der menschlichen Natur, welches (...) in jeder Epoche wieder einmal verhandelt werden muss", schrieb Goethe, der mit der Figur des Werthers einen der berühmtesten Selbstmörder der Literaturgeschichte entwarf. Die Verhandlungen über den Selbstmord der jetzigen Epoche finden bei U25 im Internet statt, die Ratsuchenden und die Berater stehen ausschließlich über E-Mails miteinander in Kontakt. "U25 ist ein Online-Beratungsangebot für suizidgefährdete Jugendliche", beschreibt es der Deutschlandverband der Caritas, der Hauptträger dieses Angebots. Das Angebot ist kostenlos und anonym. Und es bietet den Verzweifelten Helfer auf Augenhöhe.

Selbstironie ist ein sicheres Gelände, das den Weg vom Abgrund trennt

In Fritz’ Zuhause steht ein Stuhl vor einem Notenständer, so, als habe dort gerade noch jemand gesessen und musiziert. Fritz’ Mutter spielt Cello. Auf einem anderen Stuhl liegt eine Katze, Tomatenpflanzen wuchern in Töpfen. Fritz engagierte sich früher in der kirchlichen Jugend, bis er aufhörte, an Gott zu glauben. Als er in die Pubertät kam, hatte er das Gefühl, sich von der Fürsorge seiner Mutter abgrenzen zu müssen. Es war ihm zu viel. "Ein echtes Luxusproblem, oder?", fragt er. Selbstironie ist eine Form, die Fritz schätzt. Sie ist das sichere Gelände, das den Weg vom Abgrund trennt. Zu U25 kam er, weil er sich für die psychologische Seite interessiert. "Ich habe keine Vorbelastung. Das ist bei anderen vielleicht anders. Ich bin dabei, weil ich meinem Leben einen Sinn geben will."

Das Projekt U25 wurde vor zehn Jahren in Freiburg begründet vom Arbeitskreis Leben, einer Organisation, die Selbstmorde verhindern möchte. Gleich im ersten Jahr gingen 2000 E-Mails von Hilfesuchenden ein, viel mehr, als die frisch ausgebildeten Peers bewältigen konnten. Das Wort "Peer" ist dem Englischen entlehnt und bedeutet so viel wie Freund, Kumpel. Peer-Begleitung in Krisensituationen ist nicht neu, in den USA gibt es das schon lange. Der Gedanke dahinter: Gleichaltrige oder Gleichgesinnte können sich besser auf die Probleme einstellen, unmittelbarer reagieren, sind näher dran am Hilfesuchenden.

Elf Jahre nach Beginn dieses Experiments in Freiburg ist die Zahl der Hilfesuchenden noch immer groß. Also wurde U25 auf andere Städte ausgeweitet: Dresden, Gelsenkirchen, Berlin und Hamburg. Karla, Charlotte und Fritz gehören zur zweiten Ausbildungsgruppe für U25 Hamburg, inzwischen ist die dritte Ausbildungsrunde beendet, und sowohl die Nachfrage nach Hilfe als auch nach Ausbildung ist groß.

Charlottes Elternhaus, das nun nur noch ein Vaterhaus ist, steht zwischen Villen in einem der teuren Viertel Hamburgs. Auf dem Sofa, eingebettet zwischen Pflanzen und Büchern und Stapeln gebügelter Wäsche, versucht Charlotte, ihrer Geschichte Gestalt zu geben. Damit begreiflich wird, warum ausgerechnet eine wie sie, die Schmerz und Tod erfahren hat, sich ein so schwieriges Thema sucht. "Ich glaube fest daran, dass man die Widerstandskraft der Seele trainieren kann", sagt sie. Es sei ihr wichtig, anderen Jugendlichen zu beweisen, dass man gestärkt aus Krisen hervorgehen kann.

Um ihre eigene innere Widerstandskraft zu stärken, hat Charlotte Zeit gebraucht. In ihrer Umgebung wusste sie oft nicht, wohin mit ihrer Trauer. "Ich bin in einem Stadtteil Hamburgs zur Schule gegangen, wo es die klassischen Helikopter-Eltern gab, die das Leben als Leistungssport sehen", sagt sie. "Schneller, effizienter, attraktiver, erfolgreicher, perfekter, das waren die Ziele." Als Charlottes Eltern krank wurden, als die Mutter an Krebs starb, konnte sie mit ihren Gleichaltrigen nicht mehr mithalten. Spätestens da war Schluss mit schneller, effizienter, attraktiver, erfolgreicher, perfekter.

Dem Tod stellte sich Charlotte später auf der Palliativstation eines Krankenhauses, dort machte sie ein Praktikum. "Da war viel Schönes", sagt sie. Es klingt, als wundere sie sich selber. Kurz danach ging sie als Ehrenamtliche zu U25.

Ein Ausbildungsgang bei U25 dauert vier bis sechs Monate, wird von Sozialpädagogen geleitet und fordert die künftigen Peers bereits vor dem ersten praktischen Einsatz. Insgesamt treffen sich die Teilnehmer zehn Mal. In einer der ersten Sitzungen werden sie zu ihren eigenen Erfahrungen mit Lebensmüdigkeit und Borderline, Essstörungen oder auch Drogen befragt. In späteren Sitzungen ist ein Austausch über persönliche Probleme mit den anderen erwünscht und wird durch Rollenspiele initiiert. Das macht aus den Teilnehmern eines Ausbildungsgangs eine verschworene Gemeinschaft einerseits, ist aber zugleich der neuralgische Punkt des Projekts. Denn auch wenn klar ist, dass man bei der Suizidprävention keine naiven Sommerkinder gebrauchen kann, so ist andererseits schwer zu erkennen, wie viel eigene Krise die Jugendlichen durch ihr neues Ehrenamt kompensieren, wie instabil sie selber sind.