Der Wald aus Vollbärten lichtet sich, um eintreffende Genossen mit herzlichem "malaka!" zu begrüßen. Sobald sie sich aus den Umarmungen gelöst haben, drängen sie sich durch die dichte Menge an die Bar, wo eine Enttäuschung wartet: Hier wird kein Ouzo ausgeschenkt. Der Barkeeper bemerkt trocken, wir seien ja auch nicht in Athen, sondern in London. Genauer im Keller eines italienischen Restaurants in Bloomsbury, wo Syriza UK zur ausgelassenen Feier geladen hat, zur Party mit dem Motto: "You killed the Troika". Der Rauswurf der verhassten Inspekteure will gebührend gefeiert werden, auch in der Diaspora. Der Dresscode ("Varou-Fabulous") wird frei interpretiert, es sind weniger Motorradstiefel zu sehen als erwartet. Niemand trägt Krawatte.

Draußen, an der kalten englischen Luft rauchen ein paar Mädchen und schwärmen von Yannis Varoufakis, dem Finanzminister der Syriza-Regierung. Wie ein kolumbianischer Drogendealer sehe er aus, ein Actionheld der Finanzwelt: "So cool!" Auch der griechische Gewerkschafter, der in seinem Tabakbeutel wühlt, ist begeistert von der Führungsriege. "Die hätten sich vor ein paar Jahren nicht mal tot in der Politik sehen lassen. Das sind alles hoch angesehene Intellektuelle, gleich von da drüben", sagt er und deutet mit seiner selbst gedrehten Zigarette auf den Wolkenkratzer auf der anderen Straßenseite, das Hauptgebäude der University of London.

Er hat recht: Syriza ist eine Intellektuellenpartei. Eine Wählernachbefragung ergab 2012, dass Syriza von mehr Menschen mit akademischem Grad gewählt worden war als jede andere Partei. Doch mit der Handbewegung meinte der Gewerkschafter nicht nur Universitäten an sich, der Uni-Turm steht für das britische Bildungssystem als solches, das eine erstaunliche Zahl griechischer Intellektueller produziert hat, von denen einige gerade direkt aus ihren akademischen Karrieren in die neue griechische Regierung katapultiert wurden. Wer wissen will, wie die Führung von Syriza denkt, muss nach England fahren – ausgerechnet ins Herz des verhassten Finanzkapitalismus. Der wohl berühmteste griechische Sohn einer englischen Uni ist der Held der rauchenden Mädchen, der neue Finanzminister Yannis Varoufakis, der an der University of Essex Wirtschaft studierte und dann in East Anglia, Cambridge und Glasgow unterrichtet hat, bevor er nach Sydney und Austin weiterzog.

Ebenfalls in Essex studiert haben Rena Dourou, die Gouverneurin der bevölkerungsreichsten griechischen Provinz Attika, wie auch Fotini Vaki, ein Parlamentsabgeordneter von Syriza. Vizepremierminister Giannis Dragasakis war an der London School of Economics, Wirtschaftsminister Giorgos Stathakis hat in Newcastle promoviert, und der Ökonom und Oxford-Absolvent Euclid Tsakalotos ist heute wirtschaftspolitischer Sprecher der Regierung. Ebenso Produkte des britischen Universitätssystems sind Costas Douzinas, Juraprofessor in Birkbeck, Costas Lapavitsas, Wirtschaftsprofessor an der University of London, und Stathis Kouvelakis, Dozent für Politische Theorie am King’s College London. Die drei spielen eine zentrale Rolle bei der Ausarbeitung von theoretischen Grundlagen und politischen Programmen.

Die große Zahl griechischer Intellektueller in Großbritannien lässt sich auch an den Mitgliedern von Syriza UK ablesen. Und an den Besuchern der Party. Fast alle sind jung und sprechen fließend Englisch, mit dem paneuropäischen Akzent, der erfahrene Erasmus-Studenten auszeichnet.

Was sie in England machen? Na arbeiten, in Griechenland gibt es ja keine Jobs! Also irgendwas, Hauptsache Arbeit, auf dem Bau, im Büro? Nein, nein, sie sind als Assistenten für Völkerrecht, als Laborantinnen, als Psychologen gekommen. Auch viele Studenten drängen sich überglücklich in den vollgestopften Keller. Zum Beispiel Lila, Maria und Zoe aus Athen. Sie studieren Psychologie, Marketing und Kunstgeschichte in London. Sie sind zwar noch nicht Mitglieder von Syriza, doch heute müsse man einfach feiern, finden sie.

Die Doppelstrategie: Druck von der Straße, Druck aus der Regierung

"Wir sind so stolz, wir fühlen, wie sich die Dinge ändern", jubelt Lila. "Zum ersten Mal in meinem Leben will ich eine Regierung unterstützen, sonst war ich immer dagegen", wirft Maria ein. Sie lallt schon ein wenig. Wie leisten sie sich mitten in einer Wirtschaftskrise das teure Studium im noch teureren London? Zoes Eltern hätten bereits angefangen, für ein Studium in England zu sparen, als sie zwei war. "Um meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen, sehr vorausschauend", lacht sie. "Wir wissen, wir haben Glück, dass unsere Eltern uns ein Budget geben. Viele können das nicht", gibt Lila zu bedenken. "Meine Eltern zum Beispiel!", ruft Maria dazwischen und wedelt mit ihrem Gin Tonic. "Ich habe mir am ersten Tag hier einen Job in einem Pub gesucht, wo ich jetzt fünf Abende pro Woche neben dem Studium arbeite. I work my ass off!"

Unter Akademikern wie ihnen findet Syriza in Großbritannien die meisten Neumitglieder. Das verleiht der Londoner Zweigstelle der Partei ein intellektuelleres Profil als der anderen wichtigen Auslandsorganisation, Syriza Paris, in der Handwerker und Arbeiter stärker vertreten sind. Der Londoner Ableger wurde 2012 gegründet und stellte bald Kontakte zu Organisationen der britischen Linken her, insbesondere dem Trade Unions Congress (TUC), der Dachorganisation der britischen Gewerkschaften. Syriza UK und der TUC organisieren gemeinsam Veranstaltungen, vergangenes Jahr einen Vortrag von Alexis Tsipras, den fast tausend Leute besuchten, und regelmäßige Demonstrationen, so vergangenen Mittwoch und Sonntag vor dem britischen Parlament.