Das Paradies interessiert mich nicht. Auf diesen Trauminseln vergeht man vor Langeweile. Man umrundet sie einmal, geht baden, und anschließend bleibt einem nichts anderes übrig, als sich zu betrinken. Das Meer ist wie eine Mauer. Tahiti zählt für mich als Franzosen noch nicht mal als Ausland. Doch ich habe keine Wahl, dies ist ein beruflicher Auftrag. Ich träume von Pjöngjang und Kampala, aber man schickt mich nach Papeete. Was für ein Drama. Nun gut, immerhin liegt es auf einem anderen Kontinent. Das ist schon mal was.

Brad erklärt mir, dass er gerade ein Sofa gekauft hat und eine Party geben wird, um das zu feiern. Brad ist etwas klischeehaft, aber das kann man einem Fotografen nun wirklich nicht vorwerfen. Schon gar nicht einem Modefotografen. Brad ist Amerikaner, er reist viel, und er hasst Kinder im Flugzeug, "weil sie die Passagiere wie Möbel behandeln".

Mein Flug ist überhaupt nicht entspannend. Brad auf der einen Seite, ein dicker, schwitzender, rotgesichtiger Australier auf der anderen. Er hat drei Bier in zwanzig Minuten getrunken und es sich nicht nehmen lassen, eins davon über meine Hose zu kippen. Zwischen zwei Rülpsern gerät er angesichts von Surfvideos ins Schwärmen. Solche Surfer sind der Anlass für diese Reise. Brad wird sie fotografieren, ich werde sie interviewen.

Wie erwartet verteilen am Flughafen von Papeete Tahitianerinnen Blumen, und Tahitianer spielen Ukulele als Willkommensgruß. Erster Eindruck: Das hier ist die südliche Hemisphäre, und die örtlichen Prachtstraßen sind hier einfach so nach Charles de Gaulle benannt. Sogar einen Jacques-Chirac-Platz gibt es. Auch Palmen und die französische Möbelhauskette But. Papeete ist normal hässlich. So wie zum Beispiel Hyères.

Brad setzt sich hinters Steuer, wir fahren einmal quer über die Insel, und zwei Stunden nach der Landung habe ich schon einen Scoop, der das Tourismusbüro erzittern lassen wird.

Auf Tahiti gibt es keine wirklich tollen, weißen Sandstrände.

Es gibt Strände. Es gibt Sand, schwarzen Vulkansand. Den weißen, feinen Sand von den Postkarten findet man eher auf Moorea, der Nachbarinsel, oder Bora Bora, ein paar Hundert Kilometer entfernt.

Tahiti besteht aus zwei Teilen, einer Hauptinsel, die durch die Landenge von Taravao mit einer Halbinsel verbunden ist. Das Inselinnere ist bergig, die gesamte Bevölkerung lebt an der Küste. Das Dorf Teahupoo liegt am Ende der Halbinsel. Hier hört die Straße auf. Ein Kilometerstein zeigt den Kilometer 0 am Ende der Welt an. Ein paar Essensbuden. Eine Fußgängerbrücke, die über einen Wasserlauf führt, der sich in den Ozean ergießt. Ein Seerosenteich. Ein kleiner Strand (ohne weißen Sand), wo sich die Kinder aus dem Dorf den Wellen stellen, den harmlosen. Teahupoo ist ein Mythos für Surfer. Hier brechen sich die spektakulärsten Wellen der Welt. Auch die gefährlichsten. Bis zu fünfzehn Meter hoch, und darunter das Korallenriff, das fünfzig Zentimeter unter der Wasseroberfläche lauert. Du fällst, du blutest. Manchmal stirbst du. Das reicht, um eine ganze Horde professioneller Surfer anzulocken, die dem Tod ein Schnippchen schlagen wollen. Sie sind alle da. Diese Woche findet eine entscheidende Station der Weltmeisterschaft statt.

Die Eröffnungszeremonie des Wettkampfs ist richtig, richtig beschissen, mit:

– einem Gebet auf Tahitianisch, gesprochen von einem Pastor, der eine Michelin-Kappe trägt;

– einer Rede des "Sportministers", der zwei Stunden zu spät kommt, ohne sich zu entschuldigen. Ein Conseiller Général mit der Visage eines Mafioso, zerfurchten Zügen und tückischem Blick, geblümtem Hemd und Kamm in der Tasche;

– einer Rede auf Englisch eines Herrn namens Derek, ein jung gebliebener Fünfzigjähriger, den man öfters mit freiem Oberkörper antreffen kann und der sich dadurch auszeichnet, dass er das multinationale Unternehmen leitet, das dieses Ereignis sponsert;

– einer Vorführung des lokalen Tanzes, einer Art Haka, bei der die Polynesier von beeindruckender Statur mit grimmiger Miene ihre Beine in den Boden stampfen.

Etwas abseits der Zeremonie machen die Bad Boys der Gegend auf starke Macker. Protzige Tätowierungen und geiler Rap aus der Anlage im Auto – wie überall. Zwei Typen bieten Pakalolo an, das hiesige Gras.