Am Samstag, vier Tage bevor die Separatisten behaupten, die wichtige Frontstadt Debalzewe eingenommen zu haben, sitzt der ukrainische General Alexander Petrowitsch Rosmasnin im Hotelzimmer eines Kurortes: Glitzertapete, goldene Vorhänge. Dumpf dröhnt es aus der Ferne. Im nur 60 Kilometer entfernten Debalzewe bohren sich Granaten und Raketen in Häuserwände und gefrorene Böden, aber noch hofft der General. Von Mitternacht an werden die Waffen ruhen, das haben die russischen Offiziere gesagt, und General Rosmasnin will ihnen glauben, muss ihnen glauben – was sonst? In diesem unerklärten Krieg wüssten die Russen sehr gut, was vor sich gehe, denn es seien ihre schweren Waffen, sagt Rosmasnin, die über die Grenze zu den Separatisten in die Ostukraine gelangten.

Der General schaut auf die Uhr, zehn Stunden bis zur Waffenruhe. Er holt eine Statistik für den Februar heraus, in der die Kämpfe dokumentiert werden.

11. Februar: 88 Verstöße gegen die Waffenruhe, mehrheitlich von Separatisten begangen.

12. Februar: Bei insgesamt 132 Verstößen mehr Angriffe der Separatisten als der Ukrainer.

13. Februar, der Höhepunkt: 163 Verstöße, die meisten diesmal verübt durch die ukrainische Armee. Beide Seiten geben alles, um die Front zu halten oder doch noch schnell zu ihren Gunsten zu verschieben, bevor die Waffenruhe gilt. Ab morgen, Sonntag, sagt Rosmasnin, müsse in dieser Statistik eine Null stehen.

Russland und die Ukraine befinden sich im Krieg, aber fernab der vergifteten Politik läuft im Kurort Soledar ein Lehrstück der Diplomatie ab. Mitten im Kampfgetümmel arbeiten seit dem Spätsommer Ukrainer und Russen zusammen, und das auf ukrainischem Boden. Diese Partnerschaft ist das wohl einzige Versprechen im ersten Minsker Abkommen vom September, das gehalten worden ist. Sie bilden eine gemeinsame Kommission, die garantieren soll, dass alle Punkte dieses ersten Friedensabkommens eingehalten werden. In Konvois fahren Ukrainer und Russen in die umkämpften Gebiete hinaus, in einen Krieg, den ihre Länder gegeneinander führen. Russen und Ukrainer teilen sich die Zimmer, Ukrainer und Russen schlafen in Betten, die so eng beieinanderstehen, dass sie sich die Hand reichen könnten. Gemeinsam essen sie. Gemeinsam fahren sie hinaus zur Observierung – in 16 Gruppen, jeweils acht auf jeder Seite der Front. Im Gebiet, das unter ukrainischer Kontrolle steht, sitzen drei Ukrainer und zwei Russen in jedem Wagen, sind sie im Separatistengebiet unterwegs, sind es drei Russen und zwei Ukrainer. "So werden wir nicht beschossen", sagt Rosmasnin. Im ukrainisch kontrollierten Gebiet sind die Russen unbewaffnet und die Ukrainer für ihren Schutz verantwortlich; fahren sie auf die Separatistenseite, ist es genau umgekehrt. Die Ukrainer geben Russland die Schuld an diesem Krieg, aber sie kommen für alle Kosten ihrer russischen Gäste auf.

Bis vor Kurzem hatten die russischen Offiziere ihr Hauptquartier in Debalzewe aufgeschlagen, doch am 20. Januar zogen die Russen nach Soledar ab, die Ukrainer zogen wegen der schweren Gefechte elf Tage später nach. Wären die Russen geblieben, glaubt Rosmasnin, dann wäre Debalzewe das schreckliche Los erspart geblieben – wo russische Offiziere sind, schlagen keine Raketen ein. Doch kaum waren die Russen weg, wurde Debalzewe von Mörsern, Granaten und Raketen zerstört.

In Panik werfen sich alle in den nahen Unterstand. Körper auf Körper

In Zeiten des Friedens hatte die Stadt 25.000 Einwohner, ein Verkehrsknotenpunkt, durch den eine wichtige Eisenbahnstrecke führt. Jetzt ist es eine Stadt, in der das Schicksal mehrerer Tausend ukrainischer Soldaten am Dienstag noch ungewiss war. Es scheint niemand genau zu wissen, wie viele tatsächlich festsitzen. Die Separatisten belagern Debalzewe von allen Seiten und behaupten, die Stadt bereits weitgehend erobert zu haben. Träfe das zu, wären die von den Separatisten ausgerufenen zwei ostukrainischen Republiken durch eine Bahnstrecke verbunden, die bis nach Russland reicht.

Ebenso heftig umkämpft ist die einzige Straße, die aus der Stadt hinausführt. Immer wieder hat man kurze Waffenpausen vereinbart, damit die Zivilisten in voll besetzten Bussen Debalzewe verlassen konnten. Die Stadt ist wie ein Sack, der nun zugezogen wird. Sollte sie tatsächlich in die Hände der Separatisten gefallen sein, würde dies das Scheitern der internationalen Diplomatie bedeuten. Aber am Tag vor der Waffenruhe will Rosmasnin nicht daran glauben. "Irgendeine Form des Friedens wird es geben", sagt er. In diesen dramatischen Tagen gibt er sich auch mit wenig zufrieden. Wenn bloß das Töten, das bisher weit mehr als 5.000 Zivilisten das Leben gekostet hat, nachlasse, sei das schon ein Gewinn.

Schon am Tag darauf, dem Tag, an dem das neue Waffenstillstandsabkommen in Kraft tritt, klingt der Frieden nach Grad-Raketen, die sich in den Asphalt der Straße bohren. Es ist ein milchiger Morgen, Raureif auf den Bäumen, in der Ferne Einschläge, sehr weit weg, von Debalzewe herüberhallend. Ukrainische Soldaten der 24. mechanisierten Brigade stehen gelangweilt an ihrem Checkpoint nahe des Dorfes Toschkiwka herum, als plötzlich ein hohes Zischen zu hören ist. In Panik rennen sie los und werfen sich in den nahen Unterstand aus Beton, Körper auf Körper, die Arme schützend über den Köpfen. Dann schlagen die Raketen ein, sieben oder acht, Dröhnen, der Boden bebt, die Geschosse verfehlen den Checkpoint nur um wenige Meter. Als die Salve verklungen ist, breitet sich auf den Soldatengesichtern die Erleichterung von Verschonten aus. "Hier! Das ist die Waffenruhe! Hallo, Waffenruhe!", rufen sie und lachen nervös.

Im Stützpunkt ein paar Kilometer weiter hat der Oberstleutnant, ein Mann in den Fünfzigern mit vom Leben gegerbtem Gesicht, schlechte Laune. Er nennt nur seinen Vornamen, Michailo, aber er lässt Bilder von sich machen. "Fotografieren Sie ruhig auch den ganzen sowjetischen Schrott", sagt er. Mit den übrig gebliebenen Waffen aus Sowjetzeiten sollen seine Jungs diesen unerklärten Krieg führen: Wagen, die älter sind als ihre Fahrer, Panzer, deren Motoren verrecken. "Hier, kaputt. Alles im Arsch", sagt der Oberstleutnant und zeigt auf Panzerteile, die seinem Stützpunkt den Charme eines Schrottplatzes verleihen. Das einzige zuverlässige Auto ist aus deutscher Produktion. Seine Brigade ist keine Ausnahme. Etwa 30.000 Ukrainer kämpfen gegen Separatisten, die von einer Großmacht mit modernen Waffen versorgt werden. Den Ukrainern hingegen fehlt es am Nötigsten.

Der Sold von umgerechnet knapp 350 Euro ist manchen seit Monaten nicht gezahlt worden. Und erst die Uniformen: Hosen aus britischen Armeebeständen, Hemden aus Amerika, Jacken der Bundeswehr. "Abgenutzte Uniformen aus Deutschland sind besser als neue ukrainische", sagt ein Soldat.