Statt Waffenstillstand Dutzende Tote und Hunderte Gefangene; statt des verabredeten Rückzugs schwerer Geschütze wird die strategisch wichtige Stadt Debalzewe durch die Separatisten erobert: Das zweite Minsker Abkommen droht noch schneller zu scheitern als das erste vom September. Der zarte "Hoffnungsschimmer" (Angela Merkel) im ukrainischen Krieg ist, so scheint es, schon wieder verloschen. Es kommen noch härtere Tage.

Ist also alles vergebens gewesen – der 17-stündige Verhandlungsmarathon im Protzpalast des Minsker Diktators und genauso Angela Merkels zig zähe Telefonate mit Wladimir Putin seither? Hat Putin den Westen ausgetrickst und Merkel samt ihrem treuen Notar Hollande vorgeführt? Das ist in diesen Tagen ein durchaus plausibler Schluss: Minsk II als das Ende der Diplomatie. Der europäische Ansatz aus Verhandeln plus Sanktionsdruck wäre gescheitert.

Und Putin hätte gewonnen. Aber was genau? Er hat in diesen Wochen das erstaunliche Kunststück vollbracht, den Kuchen zu essen und zu behalten. Er hat sich gesprächsbereit gezeigt und gar ein Bekenntnis zur territorialen Integrität der Ukraine abgelegt. Kurz darauf eroberten Separatisten, auf die er ausgerechnet im entscheidenden Moment immer keinen Einfluss zu haben vorgibt, mit dem Örtchen Debalzewe einen wichtigen Knotenpunkt im Osten.

Diese Tage fühlen sich an wie eine Niederlage des Westens

Halten sie ihn, dann können sie ihre beiden sogenannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk miteinander verbinden und beherrschen damit einen Teil der Ukraine, den sie nicht wieder hergeben werden.

Das wäre ein historischer Einschnitt: Als vereintes Land von Lwiw im Westen bis Luhansk im Osten hätte die Ukraine in dieser Woche aufgehört zu existieren. Der Osten wäre für die Regierung in Kiew auf absehbare Zeit verloren, selbst wenn er nicht wie die Krim von Russland annektiert werden sollte. Das käme einer dauerhaften Spaltung des Landes gleich.

Angela Merkel hat dies ganz offenbar schon kommen sehen. Auch darum hat sie in ihrer Münchner Rede auf die deutsche Teilung angespielt. Eine Nato-Mitgliedschaft der Ukraine, die Merkel übrigens nie wollte, ist damit endgültig perdu. Ein wesentliches Ziel seiner Ukrainepolitik hat Wladimir Putin also erreicht: Er hat de facto ein Vetorecht darüber, welcher Allianz sich die Ukraine anschließen kann.

Das kann in der Ukraine zu einer innenpolitischen Radikalisierung führen. Präsident Poroschenko gerät unter Zugzwang, das Kriegsrecht zu verhängen, wie er es angekündigt hat. Hardliner drängen ihn, die Schmach von Debalzewe nicht hinzunehmen.

Und natürlich werden die Forderungen nach Waffenhilfe jetzt wieder lauter. US-Präsident Barack Obama, der genau wie Angela Merkel eigentlich keine Waffen liefern will, gerät massiv unter Druck. Sollte er sich den Falken beugen, würde aus einer russischen Propagandalüge Wirklichkeit: Die Ukraine führte dann vor aller Augen einen Stellvertreterkrieg für Amerika und die Nato, wie es Putin jetzt schon behauptet.

Wladimir Putin wiederum könnte dann ganz offen im Ukrainekonflikt intervenieren, nicht mehr wie bisher mit verdeckten Spezialkräften und grünen Männchen, sondern mit regulären Truppen. Ein uneiniger, zögerlicher und kriegsmüder Westen könnte diesen Kampf gegen ein entschlossenes, eskalationsfähiges Russland nicht gewinnen. Und es wäre verantwortungslos, die Ukraine noch tiefer in ihn hineinzutreiben.

Die Debatte über die Waffenhilfe für die Ukraine ist in Wahrheit ein Zeichen von Hilflosigkeit. Waffenlieferungen hätten die ukrainischen Soldaten nicht aus dem Kessel von Debalzewe zu befreien vermocht. Könnten sie denn nicht, wie die Befürworter sagen, wenigstens die Kosten der russischen Intervention erhöhen und damit Putins Kalkül ändern? Dass Putin durch solche Kalküle erreichbar sein könnte, kann nur glauben, wer schon vergessen hat, wie viele Opfer unter den eigenen Soldaten er im Tschetschenienkrieg zu tolerieren bereit war. Wollen wir uns wirklich mit ihm in dieser Hinsicht messen?

Was bleibt also? "Strategische Geduld" ist das neueste Codewort für die vertrackte Situation. Das ist eine etwas pompöse Formel für die Ernüchterung des Westens. Merkel und Obama benutzen sie in letzter Zeit auffallend häufig. Man kann ihren Sinn etwa so übersetzen: Liebe Ukrainer, wir werden euch keine Waffen geben. Wir können im Moment leider nicht viel tun, außer solidarisch sein und den wirtschaftlichen Druck auf Russland verschärfen. Wir reden weiter mit Putin und sind überzeugt, dass die Sanktionen und der Ölpreis ihn (oder seinen Nachfolger) eines Tages zur Räson bringen. Wir können leider nicht genau sagen, wann das sein wird.

Wenn man den Blick von der Ostukraine löst, stellt sich Putins Lage anders dar: Russland wird von einer selbst verschuldeten Wirtschaftskrise geschüttelt; von den westlichen Sanktionen, die zu massivem Kapitalabfluss führen, und dem dauerhaft niedrigen Ölpreis. Das Bruttosozialprodukt wird dieses Jahr um 7 Prozent schrumpfen, die Inflation 15 bis 20 Prozent erreichen, und die Kapitalflucht summiert sich auf etwa 280 Milliarden Dollar.

Diese Tage fühlen sich an wie eine Niederlage des Westens. Doch Putins Triumph kann zum Pyrrhussieg werden. Das Scheitern des Minsker Abkommens macht den Blick frei für die eigentliche Aufgabe der nächsten Jahre: das Management des russischen Niedergangs.

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Hinweis der Redaktion, 5.3.2015: In der gedruckten Version dieses Artikels war fälschlich von 280 Millionen Dollar die Rede. Es sind Milliarden. Wir haben das hier korrigiert