Heute trauert die Ostkurve à la Ferdinand Freiligrath: O lieb’, solang du lieben kannst! (...) die Stunde kommt, / Wo du an Gräbern stehst und klagst. Zwei deutsche Epochen wurden eingesargt: am 7. Februar 2015 meine alte Bundesrepublik, vier Tage später die ideale DDR. Die Mutter war’s, was braucht’s der Worte mehr.

1985 wurden meine Eltern Rentner. Fortan waren sie "reisemündig", also staatlich befugt, gen Westen zu fahren. Ich lebte unmündig in Ost-Berlin. Mein Inbegriff des Westens war der Charlottenburger Plattenladen Zweitausendeins. Ich schrieb Wunschzettel, meine Eltern pilgerten in die Kantstraße 41/42 und erwarben die ersehnten Himmelsgüter: Grateful Deads Live-Dreifachalbum Europe ’72, Soul to Soul von Stevie Ray Vaughan, Decade von Neil Young ... Dann brach die Mauer. Schwer bewaffnet mit Begrüßungsgeld, überfiel ich den Traumladen – und fand ihn nahezu leer. Unsere Menschen hatten den Kapitalismus aufgekauft. Nun, er erholte sich.

Wie oft bin ich als Gesamtberliner bei Zweitausendeins gewesen. Man fühlte sich wohl in dieser Stöbergruft, zwischen Jazz- und Weltmusik- Platten, Arthaus-Filmen und den erschlagenden Klassiker-Editionen. Man schleppte kiloweise Kunst ab und zahlte kleines Geld. Das Verkaufsteam um Arnim Woll und Andreas Pepper wirkte wie ein Studienkolleg. Allgemach drehte sich die Welt ins Digitale. Alterte gar die Kundschaft? Bundesweit schloss Zweitausendeins Läden, jetzt den in der Kantstraße. Künftig setzt man auf Online-Handel. Das ist eine ortlose Kultur.

Der zweite Abschied handelt vom Zentralquartett. 1973 verbanden sich der Thüringer Pianist Ulrich Gumpert, der sächsische Schlagzeuger Günter Sommer, der Mecklenburger Saxofonist Ernst-Ludwig Petrowsky und der in Halle geborene Posaunist Conny Bauer zu einem Free-Jazz-Quartett, das sie zunächst Synopsis nannten. Ihre freigeistige Musik überforderte das staatliche Erlaubniswesen, anfangs auch das Publikum. Sie schrie, marschierte und brachte außer Tritt, sie ironisierte die Innigkeit des deutschen Volkslieds, sie trieb Allotria mit Traditionen und schuf unregierte Räume – in der DDR und später. Nun ist Petrowsky 81 Jahre alt, Gumpert, das Kind, wurde soeben 70. Am 11. Februar 2015 gaben die vier Evangelisten des Ost-Jazz ihren Ausstand, in der Westberliner Philharmonie, mit einem Wunschkonzert. Auf Zuruf spielten sie den Säuferblues, Hit Piece No. 8, Careless Love, Tanz mir nicht mit meiner Jungfer Käthen ... Jubel, Tränen, rote Rosen. Adieu. Auf Wiederhören, ihr Mentoren meiner Jugend.