Für den Menschen im Nahen Osten hatten sich zwischen dem 10. und 7. Jahrtausend vor Christus die wirtschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen so grundlegend verändert wie nie zuvor. Sesshaftigkeit war die Voraussetzung dafür gewesen, dass die frühesten Zivilisationen hatten entstehen können. Und hier begann auch der Weg vom Dorf zur Stadt.

In Vorderasien lässt sich diese Entwicklung präzise nachzeichnen: Die Hassuna-Kultur kannte bereits individuelles Eigentum, in der Samarra-Kultur entwickelten die Bauern die künstliche Bewässerung, und in der Halaf-Kultur des 6. Jahrtausends vor Christus sammelten sich die Menschen in ersten Ballungsräumen: Sie bauten Großsiedlungen.

In der Uruk-Periode vom 4. Jahrtausend vor Christus an kam es zu weiteren Neuerungen, die das Leben im Zweistromland fundamental veränderten: Die Bevölkerung wuchs, aus Großsiedlungen wurden Verwaltungs-, Handels- und Herrschaftsmittelpunkte mit spezialisierten Berufsgruppen. Die politischen und religiösen Machtstrukturen verfestigten sich. Mit ein Faktor dafür war eine neue Herrschaftsform; sie basierte auf einer institutionalisierten Priesterschaft und einem religiös legitimierten Königtum. Die veränderten Verhältnisse spiegelten sich in den frühen Städten wider: monumentale Architektur, repräsentative Kunst. All dies wäre nicht zu bewältigen gewesen ohne neue Verwaltungsinstrumente – was im späten 4. Jahrtausend vor Christus zur Erfindung der Schrift führte.

Überall dort, wo an zentralen Flussläufen Zivilisationen entstanden, lässt sich deren Aufstieg auf bäuerliche Anfänge zurückführen. Das gilt auch für das ägyptische Niltal. Dort profitierte man einerseits von den Innovationen Vorderasiens, andererseits zog man Nutzen aus einer immer stärker werdenden Zuwanderung aus der Sahara, wo die Trockenheit die Existenzbedingungen kontinuierlich verschlechtert hatte.

Spätestens zu Beginn des 4. Jahrtausends vor Christus dominierte überall in Ägypten sesshaftes Leben, die dortigen Bauern betrieben sowohl Ackerbau als auch Viehzucht. Am Ende des 4. Jahrtausends kam es zur gewaltsamen politischen Vereinigung des gesamten Niltals unter oberägyptischer Herrschaft. Die Königsgräber dieser Frühzeit (0. Dynastie) liegen in Abydos. Dort stießen Archäologen auf die ältesten Zeugnisse der ägyptischen Hieroglyphenschrift.

Die Zeit des Pharaonenreichs beginnt mit der 0. Dynastie vor knapp 5.000 Jahren und endet im Jahr 332 vor Christus mit der Übernahme Ägyptens durch Alexander den Großen. Diese Zeitspanne wird in Reiche, Zwischenzeiten und Dynastien gegliedert. Einer der bedeutendsten Pharaonen des Alten Reichs, Cheops, baute bei Giseh die mit 230 Metern Seitenlänge und fast 150 Metern Höhe größte Pyramide des Altertums. Der Pyramidenbau symbolisiert den übersteigerten Anspruch des Königs, der sich als Sohn Gottes verstand.

In der kurzen Zeit von 1348 bis 1318 vor Christus kam es zu einem der radikalsten Umbrüche in der ägyptischen Geschichte: Echnaton verlegte die Hauptstadt nach Amarna und ging zum Monotheismus über. Berühmter als Echnaton ist heute seine Gemahlin Nofretete, insbesondere seit der Entdeckung ihrer berühmten Porträtbüste durch den Deutschen Ludwig Borchardt 1912 in Amarna.

Nach Abschluss der regulären Grabung kam es, dem ägyptischen Antikengesetz folgend, zu einer Teilung des Fundes. Nofretete wurde der deutschen Seite zugesprochen und ging nach Berlin. Die erste Ausstellung der schönen Nofretete und weiterer Kunst aus Amarna richtete den Blick auf die altägyptische Kultur und begründete einen Mythos.

Die besondere Bedeutung dieses bildhauerischen Meisterwerks sorgte allerdings dafür, dass im Nachhinein die Umstände der Fundteilung immer wieder angezweifelt wurden: War wirklich fair zwischen Ägyptern und Deutschen geteilt worden? Tatsache ist, dass das Vorgehen den damals gültigen rechtlichen Regelungen folgte – auch aus diesem Grund hat die ägyptische Regierung die Büste nie offiziell zurückgefordert.

Nofretete ist heute die beste Botschafterin Ägyptens und der ägyptischen Kultur in Berlin. Im Nordkuppelsaal des Neuen Museums hält sie jedes Jahr vor Hunderttausenden von Menschen aus aller Welt Hof. Die Königin ist zu einer Ikone der Berliner Museumsinsel und zu einem Sinnbild für Weltkulturerbe schlechthin geworden.

Auch wenn Nofretete rechtmäßig in Berlin ist – ihre Anwesenheit verpflichtet uns in besonderer Weise ihrem Herkunftsland. Die deutsche Hauptstadt kommt dieser Verpflichtung in Form vielfältiger Kooperationen nach. Dazu gehören die Ausbildung ägyptischer Museumskuratoren und die Durchführung gemeinsamer Forschungsprojekte.

Wer heute die Rückgabe von Objekten fordert, die vor einem Jahrhundert rechtmäßig ausgeführt worden sind, verkennt die tatsächlichen Probleme. Illegale Archäologie ist weltweit zu einer Bedrohung des kulturellen Erbes der Menschheit geworden. Der illegale Antikenhandel erzielt jährlich Milliardenumsätze. Insbesondere die Altertümer Mesopotamiens, einer der Wiegen der Zivilisation, erlitten nach dem letzten Irak-Krieg hohe Verluste. Nicht nur das Nationalmuseum in Bagdad hatte man geplündert, sondern unzählige Fundplätze wurden zerwühlt. Terroristische Organisationen mit islamistischem Hintergrund finanzieren sich inzwischen auch mithilfe des Antikenhandels.

Objekte, die aus ihrem Kontext gerissen sind, besitzen für die Wissenschaft nur mehr geringen Wert – man hat sie ihrer Geschichte beraubt.