"Grundeinkommen ist Menschenwürde", schrieb einer der Spender. Auch Bohmeyer erwartet nicht gerade wenig, sondern Freiheit, weniger Angst, Gleichberechtigung für die Frau und "total krasse soziale und technologische Innovationen".

Geht es um das bedingungslose Grundeinkommen, werden die Menschen erstaunlich emotional. Ruft man Götz Werner an, den Gründer der Drogeriemarktkette dm und einen der größten Verfechter der Idee, vergleicht er es nacheinander mit der Erfindung des Autos, des Telefons und mit der kopernikanischen Wende. Die meisten Mainstream-Ökonomen dagegen sind kritisch. Clemens Fuest, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung, sagt, es seien alle Versuche gescheitert, das Paradies auf Erden zu errichten, und auch das Grundeinkommen sei Unfug. Unversöhnliche Fronten – und doch hat sich in den vergangenen Jahren etwas getan.

Die Idee, Arbeit und Einkommen zu entkoppeln, hat neue Fürsprecher

Zum einen: Obwohl die Zahl der Festangestellten in Deutschland gestiegen ist, glauben viele Menschen nicht mehr an die lebenslange Stellung in einem Unternehmen. Selbstständige, Leiharbeiter, Aufstocker, Minijobber – das sind die Bilder, die viele im Kopf haben. Dem verbreiteten Unbehagen hat Thomas Piketty mit seinem Buch Das Kapital im 21. Jahrhundert auch noch eine wissenschaftliche Grundlage geliefert: Die Arbeit konnte das Versprechen, das sie für das Bürgertum der westlichen Industriegesellschaft darstellte, nicht einlösen. Arbeit trägt heute immer weniger zum Wohlstand bei.

Zum anderen: Die Idee, Arbeit und Einkommen zu entkoppeln, hat mit der Generation Y ganz neue Fürsprecher gefunden. Als Bohmeyer bei seinem Termin angekommen ist, wird er eine Stunde lang auf einer umgedrehten Getränkekiste sitzen und diskutieren, wie man zusätzliche Spenden über Onlinekäufe generieren kann. Hinter ihm kleben gelbe Zettel mit der Aufschrift "Ich entscheide" und "Mehr Zeit". Typische Losungen seiner Generation, die sich buntere Lebensentwürfe und mehr Durchlässigkeit zwischen Beruf und Familie wünscht.

Bohmeyer selbst ist vor Kurzem Vater geworden, die Veränderung der Arbeitswelt ist das Lebensthema der Menschen um ihn herum, und sie versenden ihre Botschaft auf allen Kanälen: Facebook, Twitter, YouTube. Der Vorwurf, dass die Generation Y unpolitisch ist, erscheint da absurd. Sie lässt sich eben nur nicht auf Parteilinie bringen. Bohmeyer war schon bei Sitzungen der Piraten, findet aber auch das Betreuungsgeld der CSU gar nicht so schlecht. Er will nur nicht theoretisieren wie die Politiker, er will das, woran er glaubt, einfach vom Konjunktiv in den Indikativ rüberholen. Come on, you can do it.

In der Theorie gibt es stets eine große Frage zum Grundeinkommen: Wie soll man das bitte schön finanzieren? In Deutschland wird immer wieder darüber gestritten, das geht dann zum Beispiel so: Thüringens ehemaliger Ministerpräsident Dieter Althaus stellt ein Modell vor. Dann weist der Sachverständigenrat auf Fehler hin. Und dann erklärt ein Sozialpolitikprofessor, dass sich der Sachverständigenrat verrechnet hat. Das Problem, das all diesen Zahlenspielen zugrunde liegt: Man hat es mit einer großen Unbekannten zu tun, die sich nicht mathematisch fassen lässt – mit der menschlichen Natur. Wie wird der Mensch das Grundeinkommen verkraften? Wird er noch arbeiten oder sich komplett aushalten lassen?

Es war im Jahr 1949, als Harry Harlow acht Rhesusaffen aus ihren Käfigen holte. Der Psychologieprofessor aus Wisconsin wollte herausfinden, wie Primaten lernen, und legte ihnen ein Geduldspiel vor, bei dem es darum geht, eine Art Schloss zu öffnen. Der damals verbreitete Behaviorismus lehrte, dass Primaten nur aus zwei Gründen aktiv werden. Entweder sie wollen essen, trinken oder kopulieren. Oder aber man hat ihnen zuvor mühevoll beigebracht, dass ein bestimmtes Verhalten belohnt wird. Doch nun lösten die Affen Harlows Aufgabe, ohne dass er sie ermuntert hätte. Eine Belohnung muss her, dachte Harlow in behavioristischer Manier, um die Leistung zu steigern. Doch nachdem er den Affen Rosinen gegeben hatte, verloren sie das Interesse an dem Spiel. Harlow war so irritiert, dass er sich anderen Themen zuwandte. Zuvor notierte er allerdings noch etwas: Es scheine, so schrieb er, eine dritte Kraft zu geben, die motiviere, "eine Kraft, die vielleicht genauso grundlegend und stark ist wie die anderen beiden".

Bis sich dieser Kraft wieder ein Forscher zuwandte, sollten zwei Jahrzehnte vergehen. Edward Deci, ein neugieriger Student aus Pittsburgh, wiederholte das Affenexperiment mit Menschen, einer Art Zauberwürfel und Geld statt Rosinen. Das Resultat war das gleiche: Kaum waren die Probanden bezahlt worden, verloren sie jede Lust, sich ohne Entlohnung mit dem Würfel zu beschäftigen. Als sei durch das Geld die reine Freude am Tun geschwunden.

Heute ist die dritte Kraft als intrinsische Motivation bekannt, und die Fragen, die Harlow und Deci aufgeworfen haben, sind aktueller denn je. Sie könnten die Arbeitswelt sogar grundlegend verändern: Raubt man Menschen die Fähigkeit zur intrinsischen Motivation, wenn man sie zur Arbeit zwingt? Und wird Arbeit erst dann erfüllend, wenn sie nicht gegen Bezahlung, sondern um ihrer selbst Willen geschieht?

Sieht man sich Michael Bohmeyer an, glaubt man das gern. Neulich hat er bis halb fünf Uhr morgens das Glücksrad gebastelt, mit dem er die nächsten Gewinner ermitteln will. Und Susanne Wiest, die die Onlinepetition stellte, investiert viel Zeit, um eine Volksabstimmung auf den Weg zu bringen. Dann sind da Christoph Zeiler* und Olga Schmied*.

Christoph Zeiler hat Einzelhandelskaufmann gelernt. Aus dem vagen Gefühl heraus: Da hat man mit Menschen zu tun. In seinem ersten Job saß er dann vor allem am Rechner. Zeiler kündigte, wurde arbeitslos und landete schließlich im Callcenter. Von da an hatte er tatsächlich mit Menschen zu tun – 250 musste er binnen acht Stunden anrufen. Einmal weinte eine Frau ins Telefon, ihr Mann war gerade gestorben. Als Zeiler auflegte, hatte er die Vorgabe, wie lange ein Telefonat dauern darf, weit überschritten und nicht mal ein tolles neues Produkt erwähnt. In der Nacht schlief er noch schlechter als sonst.

Arbeit kann Menschen auf drei Weisen befriedigen: weil sie sinnvoll ist, Anerkennung bringt oder finanziell belohnt wird. Bei Zeiler stimmte nichts davon. Monatlich kam er auf nicht mal 1.000 Euro. Seit einigen Monaten ist das anders. Christoph Zeiler hat eins von Bohmeyers Grundeinkommen gewonnen, im Callcenter gekündigt und will Erzieher werden. "Mein Herzenswunsch", sagt er.