Olga Schmied hat schon lange einen sozialen Beruf. Sie ist seit mehr als 20 Jahren Krankenschwester, "eine tolle Arbeit", sagt sie. Und trotzdem: Immer wieder hat Schmied Kollegen erlebt, bei denen die Erschöpfung alles lähmte. Schmied beschloss deshalb vor sechs Jahren, in Teilzeit zu gehen, auch wegen ihrer beiden Kinder. Seitdem ist das Geld deutlich knapper. Als Schmied von Bohmeyers Verlosung hörte, meldete sie ihre Kinder und sich sofort an. Ihr achtjähriger Sohn Robin gewann, doch die 1.000 Euro kommen allen zugute. In den Ferien verreiste die Familie drei Tage, kauft daheim öfter Bücher und Biofleisch. Und Olga Schmied geht zufriedener zur Arbeit, seit sie sich nicht mehr ums Geld sorgen muss.

Wer seine finanziellen Sorgen loswird, arbeitet nicht automatisch weniger

Christoph Zeiler. Olga Schmied. Michael Bohmeyer. Susanne Wiest. Vier Menschen, in denen die dritte Kraft wirkt. Die intrinsisch motiviert sind. Aber eben nur 4 von 80 Millionen. Sind sie nicht die Ausnahmen von der Regel? Würden die meisten, von finanziellen Zwängen befreit, nicht hemmungslos faul sein? Arbeitsanreize fehlen, heißt das dann im Politikersprech. Doch Studien offenbaren das Gegenteil.

1964 erklärte der US-amerikanische Präsident Lyndon Johnson den Krieg gegen die Armut. Sein "Amt für wirtschaftliche Chancen" startete Versuche zur negativen Einkommensteuer, wie der US-Ökonom Milton Friedman sie propagierte. Bürger, die ein bestimmtes Jahreseinkommen nicht erreichten, sollten Geld vom Staat bekommen.

Zwischen 1968 und 1974 liefen fünf große Feldversuche, denen man das Potenzial zuschrieb, die Gesellschaft zu verändern. Doch 1969 wurde der Demokrat Johnson vom Republikaner Richard Nixon abgelöst, und als bekannt wurde, dass unter den Probanden Scheidungen zugenommen hätten, kippte die Stimmung. Das Experiment wurde eingestellt.

Dabei waren die Resultate bemerkenswert. So machten Jugendliche in New Jersey mit bis zu 50 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit ihren Schulabschluss. An den Arbeitszeiten änderte sich indes wenig: In den vier US-Experimenten arbeiteten die Männer im Schnitt sechs Prozent, in Kanada sogar nur ein Prozent weniger. Die Ergebnisse überraschten, wurden aber nie offiziell veröffentlicht. Bis eine Wissenschaftlerin im Jahr 2005 rund 1.800 verstaubte Kartons in einem Lagerhaus in Winnipeg fand. "Das Experiment starb einen stillen Tod", schreibt der Versuchsleiter Derek Hum in einer E-Mail. Überhaupt staune er immer wieder, wie wenig Politiker sich wissenschaftliche Erkenntnisse zunutze machten.

Das zeigte sich auch 2004 in den Niederlanden. Damals befragten die Wissenschaftler Axel Marx und Hans Peeters 84 Gewinner einer Lotterie, die ein Leben lang monatlich 1.000 Euro auszahlt. Ein Setting, das dem bedingungslosen Grundeinkommen recht nahekommt: Erstens fanden sich unter den Gewinnern alle Bevölkerungsschichten – Verkäufer, Lehrer, Rentner und Arbeitslose. Zweitens waren die Zahlungen nicht zeitlich begrenzt. Das Ergebnis war erstaunlich. Nur zwei Personen gaben ihren Job auf, Stundenreduzierungen gab es bei vier Menschen mit Familie, von den Singles arbeitete niemand weniger.

Die Ängste von Ökonomen bestätigten sich also keineswegs. Allerdings erwachte auch nicht der Unternehmergeist, den sich Verfechter eines Grundeinkommens erhoffen. Gerne hätte Axel Marx die Untersuchung noch fortgeführt, aber: "Wir bekamen nicht die Mittel. Vielleicht war die Studie politisch nicht erwünscht." Dabei hatten gleich mehrere Interviewte ein neues Gefühl bei der Arbeit erwähnt. Vielleicht war auch hier wieder Harlows geheimnisvolle dritte Kraft wirksam: die intrinsische Motivation, die erwacht, wenn Druck und Notwendigkeit schwinden.

Ein Sonntagnachmittag in Berlin. Seit Michael Bohmeyer sich vor drei Monaten auf die Suche nach neuen Geldquellen gemacht hat, sind an die 15.000 Euro eingegangen, indem über einen Button beim Einkauf in bestimmten Onlineshops ungefähr fünf Prozent des Preises gespendet werden. Heute hat Bohmeyer zur Verlosung des sechsten und siebten Grundeinkommens in einen Gewerbehof in Berlin-Kreuzberg geladen. Der Wandel der Arbeitswelt ist hier allgegenwärtig. Früher gab es eine Lampenfabrik, heute ist hier eine Filmproduktion, und man kann Swingtanz lernen. Die Star Wars-Melodie erklingt, eine rostige Bühne fährt hoch, darauf Bohmeyer. Vor ihm stehen an die hundert Menschen, drei kommen auf die Bühne und drehen das Glücksrad. Es gewinnen Florian, der sein Hobby zum Beruf machen will, und Josefine, die sich um Tierschutz kümmern will. "Grundeinkommen ist die wahre Revolution", sagt Bohmeyer. Er ist aufgeregt, die nächste Verlosung wird im Fernsehen sein. Wovon Bohmeyer träumt: Geld für 100 Grundeinkommen und dann ein Kongress, auf dem alle von einer Welt erzählen, die zumindest für ein Jahr ganz anders war.

*Nachname von der Redaktion geändert