Es habe ihn "gejuckt", sich mal wieder zu Wort zu melden, sagt Christoph Ahlhaus zur Begrüßung. Seit Jahren hat man nichts mehr von ihm gehört, nun empfängt er die ZEIT in einem gläsernen Bürogebäude in Berlin-Mitte zum Interview. Der ehemalige Hamburger Bürgermeister arbeitet seit einigen Monaten als Anwalt für Baurecht und Stadtentwicklung. In Hamburg hat seine CDU gerade eine verheerende Wahlniederlage kassiert: 15,9 Prozent, noch einmal sechs Prozentpunkte weniger als bei Ahlhaus’ Abwahl. Es gibt Vorwürfe und Rücktritte, Ahlhaus muss vieles bekannt vorkommen. Sechzig Minuten habe er Zeit, sagt er. Am Ende redet er fast drei Stunden lang.

DIE ZEIT: Herr Ahlhaus, die CDU ist in Hamburg krachend abgestürzt. Was hat Dietrich Wersich noch schlechter gemacht als Sie?

Christoph Ahlhaus:Dietrich Wersich hat einen von Beginn an aussichtslosen Wahlkampf führen müssen. Was das für einen Spitzenkandidaten bedeutet, habe ich selbst erlebt. Die Diskussion über Plakate und Fehler im Wahlkampf sind Nebenkriegsschauplätze, es muss jetzt um die künftige inhaltliche Ausrichtung gehen. Ich empfehle meiner Partei, die Personalfragen erst nach einer klaren inhaltlichen Kursbestimmung zu beantworten und den Landesvorsitz zunächst kommissarisch führen zu lassen.

ZEIT: Man hatte teilweise den Eindruck, die CDU wolle den Linken Konkurrenz machen.

Ahlhaus: Es ist immer falsch, die SPD links überholen zu wollen. Bei einem sehr bürgerlich auftretenden Kandidaten der SPD ist es tödlich. Die CDU ist in einen Wettbewerb mit Linken und Grünen getreten, wer noch mehr Geld ausgeben kann, und hat gleichzeitig ihre Kernkompetenzen Wirtschaft und Innere Sicherheit komplett aufgegeben. Dass das nicht funktioniert, ist bei dieser Wahl deutlich unter Beweis gestellt worden.

ZEIT: Unter Ole von Beust erlebte die CDU in Hamburg ihre Hochphase – als liberale Großstadtpartei.

Ahlhaus: Die "liberale Großstadtpartei" ist doch nur eine Chimäre. Dieser Begriff ist bis heute nicht inhaltlich unterfüttert worden. Unter Ole von Beust als Bürgermeister und Dirk Fischer als Landesvorsitzendem haben wir das Leitbild der wachsenden Stadt verfolgt und damit die Stadt sehr erfolgreich aus dem Dornröschenschlaf zur Boomtown geführt. Für die Kernthemen der CDU standen profilierte Köpfe, die das liberal-hanseatische Image von Ole von Beust ideal ergänzt und inhaltlich fundiert haben. Für ihre konsequent bürgerliche Politik hat ihnen der Bürgermeister damals genug Beinfreiheit gelassen.

ZEIT: Also sollte sich die CDU auf ihren konservativen Kern besinnen?

Ahlhaus: Wesentlicher Erfolgsfaktor in der Politik ist Glaubwürdigkeit. Daher sollte die CDU nur die Politik nach außen vertreten, von der auch ihre Mitglieder inhaltlich zutiefst überzeugt sind. Man sollte Wahlen gewinnen wollen, um Politik zu machen, und nicht umgekehrt. Ich stimme mit Joachim Lenders vollkommen überein: Rechts der CDU darf es keine Partei in die Parlamente schaffen. Das ist eine der großen Aufgaben der CDU als Volkspartei.

ZEIT: Dass die CDU nach links rückt, ist in Hamburg nicht anders als im Bund.

Ahlhaus: Das wird sich irgendwann bitter rächen. Noch sonnt sich die CDU in Umfragewerten von über vierzig Prozent, wohl wissend, dass das nur Zustimmung für die Außenpolitik von Angela Merkel ist – und nicht für die Partei. Von einem Generalsekretär der CDU etwa erwarte ich, dass er das klare bürgerliche Parteiprofil schärft und nicht seine Laufergebnisse twittert und über großstädtisches Lebensgefühl palavert. Wenn nicht in dieser Position, wo sonst sollte das inhaltliche Profil der CDU klar erkennbar werden?

ZEIT: Inhalte gehen mit Personen einher, auch in Hamburg. Marcus Weinberg ist als Parteivorsitzender zurückgetreten. Wer sollte nachrücken?

Ahlhaus: Ich werde mich nicht an Personaldiskussionen beteiligen. Allerdings sehe ich in der Hamburger CDU sehr viele junge Köpfe, denen ich zutraue, die Partei mittelfristig wieder nach vorne zu führen. Dazu gehören neben André Trepoll auch Leute wie Christoph Ploß oder Christoph de Vries, um nur einige wenige zu nennen. Auf jeden Fall müssen es profilierte Leute mit Autorität sein, die Klartext reden. Ein solches Profil hat beispielsweise auch Joachim Lenders, er sollte in jedem Fall künftig eine starke Rolle spielen.

ZEIT: Für Lenders’ Art, Politik zu machen, standen auch Sie. Viele sagen, der Niedergang der Partei fing mit Ahlhaus an.

Ahlhaus: Als Spitzenkandidat habe ich 2011 bereits am Montagabend nach der Wahl die Verantwortung für das Wahlergebnis übernommen und mich aus Spitzenämtern komplett zurückgezogen. Der Anfang vom Ende des CDU-Erfolgs begann aber schon am Wahlabend 2008 mit den ausufernden Zugeständnissen zugunsten einer grünen Schulpolitik, nachdem man im Wahlkampf die Rettung der Gymnasien versprochen hatte.

ZEIT: Also liegt die Schuld nicht bei Ihnen?

Ahlhaus: Noch einmal ganz deutlich: Ich möchte meine Verantwortung am Wahlergebnis 2011 nicht kleinreden. Aber ich war drei Monate im Amt des Bürgermeisters, als die Koalition von den Grünen ohne auch nur ein konkretes stichhaltiges Argument gegen meine Person beendet worden ist. Danach waren vier Jahre Zeit für die CDU. Das Ergebnis der Bemühungen anderer in dieser Zeit ist seit letzten Sonntag bekannt.

ZEIT: Haben Sie das Gefühl, Ihnen wird etwas in die Schuhe geschoben?

Ahlhaus: Nach der Niederlage 2011 hat Marcus Weinberg als Landesvorsitzender in seinen Positionspapieren zu einer erfolgreichen Großstadt-CDU eine genauso simple wie falsche Rechnung aufgemacht. Erstens: Von Beust war linksliberal, und damit war die CDU erfolgreich. Zweitens: Ahlhaus war bürgerlich konservativ, und die CDU war damit erfolglos. Weinbergs Fazit: Leute wie Ahlhaus müssen weg, und die Partei muss sich nach links ausrichten, das "großstädtische Lebensgefühl verkörpern" und "gesellschaftliche Entwicklungen aufnehmen". Auf die Frage, was das genau bedeutet, hat weder Herr Weinberg noch irgendjemand sonst in der CDU bundesweit eine Antwort gefunden. Im Übrigen hat Marcus Weinberg vor 2011 als stellvertretender Landesvorsitzender alle Entscheidungen, die er später kritisierte, mitgetragen. Daraus sollte die CDU gelernt haben.