Noch ist Mephisto Gott untertan. Matthias Winde gibt ihn als weltgewandten Profiteur. Er reißt Faust aus der Metaphysik ins pralle Leibsgetümmel. Ficken soll er sich die Seele aus dem Leib, doch ihm erscheint Gretchen. Faust begegnet der Liebe. Gott hat eingegriffen. Faust erhält die Chance seines Lebens. Solch Gretchen trifft man selten. Lisa Klabunde spielt eine entzückende Mädchenfrau – noch idealisch, schon kokett. Welch Wunder, dass ihr Faust gefällt. Gretchen träumt in ihrer Kammer. Sich entkleidend, rappt sie Goethes Beherzigung à la Tom’s Diner: "Ach was soll der Mensch verlangen? / Ist es besser ruhig bleiben? / Klammernd fest sich anzuhangen? Ist es besser sich zu treiben?" Da, jetzt entdeckt sie Fausts Werbegeschenk: einen schrillbunten Perlen-Bikini. Glück, auch im Publikum.

Derlei Tragödienstopper gibt es manche. Auerbachs Keller wird Panoptikum. Ins elegische Orchester plärren Populärgesänge, von Veronika, der Lenz ist da bis Goethe war gut . Nun aber heiliger Ernst. Faust und Gretchen finden sich im Gartenhaus. Endlich Küsse, innig, scheu. Gewisper im Publikum: Jetzt kann der Mensching genießen! Von wegen. Der Lustbold vertreibt sich aus dem Paradies. Er enteilt zur wildsäuischen Walpurgisnacht, in der Satan (Johannes Arpe, widerlich enthemmt) die Blutmesse zelebriert. Mephisto agiert synchron.

Das ist kein Theater. Hier erscheint das Böse und obsiegt. Bis zum Ende ist es nicht mehr weit. Man hört’s. Unter der Bühne wehklagt das Orchester. Wie aus dem Grabe stößt die Fuchtel des Dirigenten Weder in die Oberwelt. Das sorgt für unziemliche Heiterkeit, denn im Kerker schmachtet Gretchen, dem Henker verfallen. Sie hat das Kind ihrer Liebe getötet. Sie ruft die Engel an. Mephisto verfügt: "Sie ist gerichtet!"

"Ist gerettet!", müsste es aus Goethes Himmel tönen. Das Publikum harrt, irritiert. Der Himmel schweigt. Schluss, aus. Keinerlei Erlösung. Warum?

Weil Gretchen nicht gerettet wird.

Das sagt der Dramaturg Michael Kliefert, beim Trunke, nachts um drei. Die Premiere ist gefeiert und bezecht. Kliefert fragt: Wer ist Mephisto?

Fausts Nachtwesen. Das Prinzip Egomanie. Der Erniedriger, der sich selbst erhöht. Der Söldner mit dem Berufswunsch Mörder. Töten ohne Reue, mit Genuss. Der liebelose Mensch.

Auch die Liebe, sagt Kliefert, ist eine teuflische Struktur. Die Gretchen-Tragödie erschafft und zerstört eine Welt, und wenn ich das nicht inszeniere, bleibe ich banal und brauche weder Gott noch Teufel.

Mehr Wein! Der Mikrokosmos ist der Makrokosmos, sagt Michael Kliefert. Dass Faust sich in Gretchen verliebt, das bedeutet alles. Goethe hat in seiner Lyrik die Sprache der Liebe revolutioniert. Aber bei Gretchen und Faust, da hat er gekniffen, aus Angst, sich auszuformulieren.

Lieber Dramaturg, Goethe achtete unendlich auf sich selbst. Faust kann nicht mit Gretchens Hingabe lieben. Könnte er’s, dann wäre der Schöpfergott bewiesen.

Ja, liebesunfähig, stöhnt Kliefert. Und Mephisto scheißt Gott vor den Koffer und zeigt ihm: Der Mensch ist ein Schwein. Aber ich glaube an das Wunder der Liebe als Weltschöpfung.

Unfassbar, sonntags früh um vier. Solche Hauptsätze gibt es nicht in Berlin. Die hiesigen Theatermenschen sind nicht dümmer, nur ihre Stadt ist kleiner. Ihr dienen sie – karg ausgestattet, aus knapper Schatulle bezahlt. Der Rudolstädter Faust ist kein theaterhistorisches Monument, eher ein Torso, der aufs Ganze geht. Goethes Text imaginiert, was an Kulisse unterbleibt. Gespielt wird für Menschen, die an diesem Ort der Welt zu Hause sind. Es fasziniert den Berliner Gast, wie hier ein Drei-Generationen-Publikum sein Theater trägt und unverzichtbar findet – und umgekehrt.

Wie selten wurde das in der deutschen Provinz. Wie viele Kommunen resignieren, Etat für Etat. Viele wissen gar nicht mehr, was ihnen fehlt. Andere ringen um Kultur als städtische Substanz – wie Rudolstadt, das wir mit Schiller verlassen: "Des Menschen Würde ist in eure Hand gegeben. Sie sinkt mit euch, sie wird sich mit euch heben."