"Ich glaube, die Idee einer Zukunft, in der Geschlechterrollen ganz aufgegeben werden, ist ganz erschreckend für Männer, denn ihr Selbstwertgefühl stammt aus einer Welt, die es nie wirklich gab, in der sie die Mächtigen waren, das Geld verdienten und die Abenteuer bestanden", sagt sie, bevor sie im Café Diesel nicht mehr still sitzen kann und wir atemlos über den verschneiten Campus rennen.

"Was machen wir denn jetzt", frage ich und versuche, mit ihr Schritt zu halten, als sie einen Kiosk ansteuert, um eine E-Zigarette zu kaufen, "wenn Männer an der Gleichberechtigung nur verlieren können?" Penny ist immer vier Schritte und zwei Gedanken schneller als ich. "Ich glaube fest an die Möglichkeit aufrichtig gleichberechtigter Liebe", sagt sie. Im Grunde ist die Feministin Laurie Penny eine Romantikerin.

Aber man muss schon mit ihr durch den Tiefschnee waten, um sie über Liebe reden zu hören, öffentlich kommt sie kaum dazu. Nicht erst seit den Attentaten auf die Redaktion von Charlie Hebdo wird sie immer wieder in mühsame Streits unter dem Schlagwort "Meinungsfreiheit" verwickelt. Ermüdende Diskussionen darüber, wer wem das Wort abschneide: Männer den Frauen oder umgekehrt? Westliche Islamkritiker den Muslimen und in deren Namen dann Terroristen mit der Waffe den Satirikern? Und überhaupt: Was wisse eine Akademikerin schon über die Probleme normaler Menschen? Penny entschuldigt sich fast: "Ich bin weiß, überwiegend hetero, cisgender – es gibt so viele Erfahrungen, die ich einfach nicht machen kann."

Sie hofft, dass sie in London wieder in der Kommune leben kann, in die sie vor einem Jahr gezogen ist, wenn ihr Jahr in Harvard endet. Ein Loft, in dem acht bis zwanzig Leute wohnen. Miete und Essen werden geteilt, an der Wand hängt eine Liste, auf der neben dem Namen der Mitbewohner deren bevorzugtes Geschlechtspronomen notiert ist und wie "he", "she" oder "they" den Tee trinkt (mit Milch oder Zitrone?). Das war es schon an Ideologie, ansonsten geht es in dieser Gemeinschaft eher um geteiltes Risiko. Wenn einer seinen Job verliert, zahlen die anderen eine Weile für ihn mit.

Aber wer weiß, ob die WG noch besteht, wenn sie zurückkommt, oder ob der Londoner Immobilienmarkt ihr schon den Platz geraubt haben wird.Die Möglichkeiten, Freiräume zu erobern, werden weniger, auch deswegen verbringen die Leute so viel Zeit online. Penny gibt viel Geld für Technik aus: "Die hält dich in Verbindung, deine Wohnung kann dir im nächsten Monat genommen werden." London werde wegen der Mieten langsam unbewohnbar, Edinburgh wäre denkbar, in Schottland sei gerade die aufregende Energie der Unabhängigkeitsbewegung zu spüren. Oder eben Berlin, da zögen ja jetzt sowieso alle hin.

Sie will dann, wo auch immer, einen Science-Fiction-Roman schreiben. "Man muss sich andere Welten vorstellen können, bevor man in ihnen leben kann." Es gebe heute so viel Technik, die sich Scifi-Autoren früher ausgedacht hätten, nur eine futuristische Gesellschaft fehle noch: "Ich bin eine feministische Futuristin." Deshalb glaubt sie auch an avancierte Techniken der Reproduktionsmedizin: "Biologie ist eine Tragödie!" Nur habe sich noch keine "Sozialarchitektur" entwickelt, die nicht auf den Werten der alten Welt beruhe, in der "der weibliche Körper eine Art globaler Ressource war". Social Freezing zum Beispiel, das Angebot von Firmen, weiblichen Angestellten das Einfrieren ihrer Eizellen zu bezahlen, sei eine gute Möglichkeit in einem miesen System. "Man versucht, weibliche Erfahrungen in das männliche Arbeitsmodell zu rammen. Aber niemand sagt, wenn wir die Männer befreien wollen, müssen wir allen die Möglichkeit geben, Arbeit und Privatleben in ein Gleichgewicht zu bringen."

Um uns fällt weiterhin grotesk viel Schnee, die Straßen werden enger, der Himmel wird niedriger, eine klaustrophobische Atmosphäre macht sich breit. Trotzdem kann man sich jetzt und hier eine andere mögliche Zukunft vorstellen, weil gerade niemand damit beschäftigt ist, seine Ansprüche zu verteidigen. "Ich denke auch über dystopische Szenarien nach", Laurie Penny ist schon wieder schneller als ich. "Man hat ja oft den Eindruck, da ist der Klimawandel, alles wird schlechter, und die Welt endet bald. Ich will es nur hinkriegen, dass die Leute nicht beschissen zueinander sind, wenn die Apokalypse kommt."

Dann läuft sie davon ins Weiße. Sollte der Bostoner Winter ein Vorbote der Apokalypse sein, will man ihr noch hinterherrufen, befolge unbedingt Nummer 24 deiner Journalisten-Ratschläge: "Lies keine Kommentare. Lies sie NICHT. ICH SEHE, WIE DU SIE LIEST. Stopp."

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