Eine schäbige Kneipe in New York City, das Jahr 1970, eine Flasche Scotch auf dem Tisch – eine gute Ausgangslage also für eine Geschichte über Zeitreisen und große metaphysische Fragen. Der noch namenlose Barkeeper (Ethan Hawke) verwickelt den androgynen jungen Mann John (Sarah Snook) in ein Gespräch, er solle ihm doch seine Lebensgeschichte erzählen. "Ich wette", sagt John, "das ist die beste Story, die Sie je gehört haben." Der australische Film Predestination hat es in Deutschland leider nicht in die Kinos geschafft, jetzt ist er zumindest auf DVD erschienen. Zum Glück, denn es ist tatsächlich eine außergewöhnliche Geschichte, die John dann in Rückblenden erzählt, viel außergewöhnlicher sogar noch, als er selbst zu diesem Zeitpunkt wissen könnte. Wobei "Rückblende" und "Zeitpunkt" in diesem Film keine ganz einfachen Begriffe sind. Ethan Hawke als Barkeeper mit Lederweste, grünem Fransenschal und Oberlippenbart sieht nämlich nicht nur aus wie ein Tourist, der sich bloß verkleidet hat, um das Jahr 1970 zu besuchen – er ist einer. Hawke spielt einen Zeitreisepolizisten, der in der Zukunft den Auftrag bekommen hat (oder bekommen wird), einen verheerenden Anschlag in den Siebzigern zu verhindern. Dafür soll er John als Kollegen anwerben. Und irgendwie hängt alles zusammen mit dieser seltsamen Geschichte, die John erzählt: Wie er geboren wurde als Frau, ausgesetzt vor einem Waisenhaus, wie er schwanger wurde und Kind und Vater plötzlich verschwinden.

Die Brüder Peter und Michael Spierig haben sich für ihren Film einen Klassiker der Science-Fiction-Literatur als Vorlage gesucht, die Kurzgeschichte All You Zombies von Robert A. Heinlein. Der Text ist gerade einmal ein Dutzend Seiten lang, aber so kompliziert und dicht, dass sich bisher noch niemand getraut hat, ihn zu verfilmen. Es fängt schon damit an, dass Heinlein die Story 1960 schrieb, also selbst Johns Jugendjahre in den Sechzigern für ihn noch Zukunft waren. Die Spierig-Brüder inszenieren dieses Jahrzehnt deswegen als retrofuturistisches Designfest, mit Frauen in Stewardessen-Uniformen, die in modernistischen Betonbauten als Sexbegleiterinnen für ein Raumfahrtprogramm ausgebildet werden. Überhaupt gelingt es ihnen, das Zeitendurcheinander der Vorlage in Filmsprache zu übersetzen. Für Requisite und Kostüme wurde sich einmal quer durchs Jahrhundert gewühlt, der Zeitreisepolizist sieht mit Hut und Mantel auf einmal aus wie ein Noir-Detektiv, die Zeitmaschine in einem Geigenkoffer versteckt.

Der Noir-Existenzialismus deutet die Pointe an, die am Ende dieser Geschichte wartet. Sie ist so unvorhersehbar und verheerend, dass man den Film sofort noch einmal sehen muss und dann erst die zahllosen Anspielungen bemerkt. Der große Twist hat natürlich damit zu tun, dass die Arbeit als Zeitreisepolizist schwierig ist, wenn man nichts verhindern kann, was ja sowieso passiert. Was wie ein Sci-Fi-Thriller anfängt, wird schließlich zu einer Mischung aus Logikrätsel, solipsistischem Horror und tragischstmöglicher Liebesgeschichte. "A thing either is or isn’t, now and forever amen", predigte Heinlein. Predestination zeigt, was das wirklich bedeutet.

Peter u. Michael Spierig: Predestination (Tiberius)