Hamburg, ein Sonntag im Januar 2015. Wir haben zwei Familien zu einem Gespräch eingeladen, die Wohlgemuths und die Karimis. Anlass dafür ist eine Zahl: Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg, so berichten die Vereinten Nationen, sind weltweit mehr als 50 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg, Gewalt und Not. Heute kommen die meisten Flüchtlinge aus den Kriegsregionen in Afrika und im Nahen Osten nach Europa, in die USA oder in kleine Länder wie den Libanon. 50 Millionen – eine unvorstellbare Zahl, die 1945 mit 2015 verbindet. Aber verbindet auch die Menschen etwas, die damals und heute flüchteten? Was wissen sie voneinander? Und wollen sie überhaupt etwas voneinander wissen?

Am Tisch sitzen Ursula Schwetlick, geborene Wohlgemuth, 82 Jahre alt, die als Kind 1944 aus Ostpreußen in den Westen floh, ihr Bruder Oskar Wohlgemuth, 69, auf der Flucht geboren, und Karin Wohlgemuth, 41, die Nichte der beiden. Gegenüber Fareshta Karimi, 24, die 2011 ihre Heimat Afghanistan verlassen musste, ihre Mutter Habibeh, 46, und ihre Brüder Alireza, 23, und Hadi, 15. Zwei weitere Geschwister, Fatima und Mahdi, sind in Bad Oldesloe geblieben, wo die Karimis inzwischen wohnen. Die Wohlgemuths sind aus dem Ruhrgebiet angereist. In den nächsten Stunden werden die beiden Familien sich und uns ihre Geschichten erzählen.

An einem Septembertag 1939 wäscht Ursula Schwetlick mit ihrer Mutter am Fluss geriebene Kartoffeln aus, um daraus Kartoffelmehl zu machen. Plötzlich hören sie Flugzeuge, die sehr tief fliegen. "Jetzt beginnt bestimmt der Krieg", sagt die Mutter. Der Krieg, mit dem die Deutschen ganz Europa überrollen. Und dessen Grausamkeit sie bald einholen wird.

Ursula wächst auf einem Bauernhof auf, in einem Dorf bei Tilsit an der litauischen Grenze. Noch Jahrzehnte nachdem sie die Heimat verlassen musste, wird sie nachts von ihr träumen: Dann ist sie wieder Kind und sieht sich mit den Geschwistern im Garten spielen oder am Fluss, in dem sie im Sommer schwimmen und auf dessen Eis sie im Winter Schlittschuh laufen. Sie ist die Älteste, nach ihr kommen Werner, Horst, Hannelore, Gisela und Rosemarie. Die Eltern, Oskar und Maria Wohlgemuth, bauen Getreide an, mästen Enten, züchten Rinder und Pferde. Es geht ihnen gut, sie haben Zentralheizung, ein Auto. Bei Kriegsbeginn ist Ursula sieben Jahre alt. Sie weiß nicht, was das bedeutet: Krieg. Aber sie stellt es sich als etwas Schlechtes vor.

Als Fareshta Karimi Kind ist, herrschen in Afghanistan die Taliban. Frauen werden auf der Straße geschlagen, ihre Mutter Habibeh darf nicht alleine einkaufen gehen. Als Fareshta heranwächst und die Amerikaner mithilfe der Briten die Taliban zunächst zurückgedrängt haben, schwört Fareshta sich: Nie will sie so behandelt werden wie die Frauen in ihrer Kindheit.

Die Karimis leben in Herat, der drittgrößten Stadt Afghanistans, im Westen nahe der iranischen Grenze. Sie sind Schiiten in einem mehrheitlich sunnitischen Land. Fareshtas Vater handelt mit Ersatzteilen für Autos, er ist viel unterwegs, reist bis nach Pakistan und China. Die Mutter arbeitet als Lehrerin. Fareshta, 1991 geboren, ist das älteste von fünf Geschwistern. Die Familie ist wohlhabend, besitzt ein Haus mit Garten. 2009 wird der Vater entführt. Die Familie bekommt Drohbriefe, es geht um Geld, aber wohl auch darum, dass der Vater sich dem öffentlichen Druck nicht beugt. Alle seine Kinder sollen zur Schule gehen, auch die Mädchen, davon weicht er nicht ab. Fareshta sieht ihn nicht mehr lebend wieder. In einem Sack wird sein Leichnam der Familie nach Hause geschickt, grausam zugerichtet.

DIE ZEIT: Fareshta Karimi, wie haben Sie in Afghanistan gelebt, vor dem Tod Ihres Vaters?

Fareshta Karimi: Wir sind eine offene Familie. Meinen Eltern war es wichtig, dass wir eine Ausbildung bekommen. Wir können alle Englisch und hatten auch Kontakt zu Amerikanern, die in Herat waren. Nachdem mein Vater ermordet wurde, wollten wir dieses Leben nicht aufgeben. Unsere Mutter ist stark. Ich habe geheiratet und angefangen zu studieren, Mathematik und Religion. Nachmittags habe ich an einer Schule unterrichtet.

ZEIT: Was zwang Sie am Ende doch zur Flucht?

Fareshta Karimi: Ich will, dass Frauen und Männer die gleichen Rechte haben. Darum bin ich oft zu Bauernfamilien gefahren und habe ihnen erklärt, dass ihre Töchter nicht ihre Jungfräulichkeit verlieren, wenn sie in die Schule gehen. Das gefiel vielen nicht, schon damals wurde ich bedroht. Ich hatte Angst um mein Leben. Richtig schlimm wurde es aber, als wir neue Schulbücher geliefert bekamen, die ich verteilt habe. Mein Fehler war, dass ich sie nicht alle genau kontrolliert habe.