Archäologie - Wie die Nofretete-Büste einen neuen Blick auf Alt-Ägypten eröffnete

DIE ZEIT: Herr Müller-Karpe, Sie kämpfen dafür, dass das Gesetz zum Schutz von antiker Kunst erneuert wird. Was muss sich ändern?

Michael Müller-Karpe: Wichtig ist, dass dieses unsägliche Prinzip vom Tisch kommt, nach dem nur Objekte geschützt werden, die in einer Liste verzeichnet sind.

ZEIT: Was ich verbotenerweise aus dem Boden hole, ist nicht geschützt?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 26.02.2015.

Müller-Karpe: Nein, denn Funde aus Raubgrabungen können ja nicht gelistet sein. Es sollten alle archäologischen Funde grundsätzlich geschützt sein, vor allem auch die aus zweifelhafter Quelle: Antiken stammen ja nicht vom Dachboden oder aus "Schweizer Familienbesitz". Funde aus legalen Grabungen kommen bekanntlich ins Museum. Das heißt, was Sie heute im Handel angeboten bekommen, kann in aller Regel nur aus Raubgrabungen stammen.

ZEIT: Und da sollten die Behörden von sich aus eingreifen können?

Müller-Karpe: Wir brauchen dringend ein Gesetz, das sagt, dass der Handel mit archäologischen Funden grundsätzlich strafbar ist, es sei denn, es wird nachgewiesen, dass die Objekte nicht aus Raubgrabungen stammen und auch nicht rechtswidrig aus dem Herkunftsland geschmuggelt wurden.

ZEIT: Deutschland hat seit 2007 ein Kulturgüterrückgabegesetz. Warum greift das nicht?

Müller-Karpe: Das liegt nicht nur am realitätsfernen Listenprinzip. Auch die im Gesetz enthaltene Stichtagsregelung dient der "Wäsche" illegal erlangter Antiken: Sie besagt, dass die gesetzlichen Restriktionen nur Dinge betreffen, die nach dem 26. April 2007 importiert wurden. Im Umkehrschluss argumentieren Händler und ihre Anwälte, dass alles, was nicht gelistet ist oder vor dem Stichtag geplündert und außer Landes geschmuggelt wurde, frei handelbar sei. Sie finden sogar deutsche Gerichte, die Ihnen das bestätigen! Dieses Gesetz ist im Grunde ein Skandal. Es fügt nicht nur dem archäologischen Erbe der Menschheit schweren Schaden zu, sondern auch dem Ansehen der Bundesrepublik Deutschland.

ZEIT: Die Bundesregierung will das neue Gesetz 2016 in Kraft setzen. Ist das nicht zu spät hinsichtlich der akuten Situation in Syrien und im Irak?

Müller-Karpe: Es ist ein Wettlauf mit der Zeit. Künftige Generationen werden uns verfluchen, weil wir zulassen, dass archäologisches Erbe der Gier Einzelner geopfert wird. Man sagt, dass in den vergangenen Jahren mehr zerstört worden ist als in den 2.000 Jahren zuvor. Das ist nicht zu rechtfertigen. Trotzdem: Das Gesetz kommt besser spät als nie.

ZEIT: Welches Ausmaß haben die Raubgrabungen inzwischen angenommen?

Müller-Karpe: Krieg und Chaos sind der Nährboden für Plünderungen. Das Ausmaß ist unvorstellbar. In Syrien fahren sie mit Bulldozern durch archäologische Stätten. Das Problem bei Raubgrabungen ist ja weniger, dass Objekte gestohlen werden. Die kann man sicherstellen und an die Eigentümer zurückgeben. Was aber unwiederbringlich zerstört wird, ist das Archiv im Boden mit Informationen über unsere Vorfahren. In Syrien und im Irak, also in Mesopotamien, liegt die Wiege unserer Zivilisation. Da geht es um die Menschen, denen wir die Erfindung der Schrift verdanken, der Astronomie und der Mathematik. Viel von dem, was diese Menschen über sich verraten können, ist im Fundkontext im Boden erhalten. Diesen Schatz an Informationen zu verlieren ist der eigentliche Schaden von Raubgrabungen.

ZEIT: Deutschland soll eine internationale Drehscheibe für den Handel mit antiker Raubkunst geworden sein.

Müller-Karpe: Sie handeln hier weitgehend unbehelligt mit Material ungeklärter Herkunft. Wir haben inzwischen EU-Verordnungen, die den Handel mit irakischem und syrischem Kulturgut unter Strafe stellen – aber dann kommen die Sachen halt angeblich aus der Türkei. Deshalb muss das neue Gesetz sicherstellen, dass eine Exportlizenz des Landes mit der Fundstelle vorgelegt wird und nicht die Lizenz eines Drittlandes.

ZEIT: Warum ist es so einfach, hier mit Schmuggelware zu handeln?

Müller-Karpe: Es fehlt am öffentlichen Bewusstsein für die Gemeinschädlichkeit dieser Taten. Sie gelten als Kavaliersdelikt. Händler sehen sich sogar gern als Förderer der Kultur. Die Strafverfolgungsbehörden reduzieren das Problem meist auf das Eigentumsdelikt. Wenn der tatsächliche Eigentümer, in der Regel das Herkunftsland, seine Rechte nicht geltend macht – weil nicht nachzuweisen ist, dass die Antike diesseits und nicht jenseits der Grenze gefunden wurde –, dann lässt man die Dinge den Hehlern, obwohl die illegale Herkunft offensichtlich ist.

ZEIT: Wer sind die eigentlichen Täter?

Müller-Karpe: Käufer, die keine Fragen nach der Herkunft stellen. Der arme syrische Bauer, der im Chaos seine Familie satt bekommen muss und Objekte ausgräbt, wird missbraucht. Zwischen ihm und den Käufern gibt es eine lange Kette an Profiteuren, zu denen auch die IS-Terroristen gehören.

ZEIT: Finanziert der IS seine Feldzüge durch illegalen Antikenhandel?

Müller-Karpe: Es gibt gesicherte Erkenntnisse, dass Terroristen sich an den Raubgrabungen und an diesem Handel beteiligen. In dem vom "Islamischen Staat" eroberten Gebiet in Syrien und im Irak befinden sich Tausende archäologische Stätten. Offenbar verpachten die Terroristen regelrechte Claims an Plünderer, zu festen Quadratmeterpreisen, und kassieren zusätzlich für jedes gefundene Objekt Steuern, typischerweise 20 Prozent. Im Gegenzug gewähren sie den Plünderern, Hehlern und Schmugglern Schutz. Solche Mechanismen kennen wir von der Mafia in Süditalien. Wir haben es hier mit organisierter Kriminalität zu tun, mit enger Vernetzung zum Menschen-, Rauschgift- und Waffenhandel.

ZEIT: Wie hoch ist der finanzielle Anreiz für die Plünderer und Hehler?

Müller-Karpe: FBI und Unesco sprachen vor Jahren von sechs bis acht Milliarden Dollar, die jährlich mit geplündertem Kulturgut umgesetzt werden. Inzwischen geht man von einem mehrstelligen Milliardenbetrag aus. Aber die Schäden an den Archiven der Menschheit sind nicht in Geld zu bemessen.