Die Lüge ihres Lebens – Seite 1

Die Toten hätte Hilde M. fast vergessen.

"Ach, jaaa", sie winkt ab und setzt sich in ihrem Stuhl auf. "Sehen Sie, das hatte ich vergessen, jaja. Eines schönen Tages hieß es: Leichen tragen. Und da hat man auch erst gesehen, wie viele Leichen da waren. Der Kramer, unser Kommandant, der hätte die nicht aufnehmen dürfen. Warum lässt der die Toten in sein Lager rein?"

Dies ist ein Ausschnitt des einzigen Interviews mit einer noch lebenden Aufseherin des Konzentrationslagers Bergen-Belsen – die ZEIT hatte nun als erstes Medium die Chance, das Interview vollständig zu sehen. Drei Stunden 23 Minuten Verblendung, Vertuschung und Beschönigung.

Aus heutiger Sicht fragt man sich, was es eigentlich noch zu beschönigen gibt, wenn man, wie Hilde M., im Jahr 2004 über das KZ Bergen-Belsen spricht. 52.000 Menschen starben dort zwischen 1943 und 1945 an Unterernährung, an Krankheiten, durch die Gewalt der SS. Hilde M., damals Anfang 20 und SS-Aufseherin, will davon nichts mitbekommen haben. So erzählte sie es, mit 82 Jahren, im Jahr 2004 den Mitarbeitern der Gedenkstätte. Anschließend verschwand das Interview im Archiv. Erst 2014 ist der Mitschnitt wieder aufgetaucht, in einer irischen Fernsehdokumentation.

Das hatte schwerwiegende Folgen: Jetzt ermittelt die Hamburger Staatsanwaltschaft gegen Hilde M., wegen Mordes.

Über die Frage, wie sinnvoll es ist, 93-jährige Menschen wie Hilde M. noch vor Gericht zu stellen, ist schon viel gestritten worden. Als 2011 in München der einstige KZ-Wächter John Demjanjuk vor Gericht stand. Als vor einigen Wochen die Staatsanwaltschaft Hannover Anklage gegen den früheren SS-Mann Oskar Gröning, 93, aus der Nordheide erhob. Die Frage in Hilde M.s Fall ist deshalb nicht so sehr, ob sie für das, was sie als junges Mädchen getan hat, verurteilt werden sollte. Die Frage ist vielmehr, ob sie das, was sie als junges Mädchen getan hat, als alte Frau noch mit der gleichen Überzeugung verbreiten darf. Unkommentiert, ungeschützt, uneinsichtig.

Wer Hilde M.s Erinnerungen drei Stunden und 23 Minuten lang anhört, der fragt sich: Wie viel Lüge verträgt die Wahrheit?

Die Lüge hilft einer Gesellschaft, sich immer wieder an die Wahrheit zu erinnern, meinen die einen, die nun dafür kämpfen, dass Hilde M.s Interview möglichst vielen Menschen zugänglich gemacht wird. Das sind vor allem Betroffene, Menschen wie der Holocaust-Überlebende Tomi Reichental, der alles ins Rollen gebracht hat. Oder wie Hans-Jürgen Brennecke, der mit der Verfolgung Hilde M.s auch ein Stück eigener Geschichte aufarbeitet.

Und dann gibt es noch diejenigen, die meinen, dass die Wahrheit beschützt werden muss. Weil selbst die bösartigste Lüge sich für manche Menschen nicht selbst entlarvt.

Interviewerin: Ich habe auch Berichte von Anwohnern, die sagen, es hätte immer so gerochen dort. Von den Leichen. Ist Ihnen das in Erinnerung geblieben? Der Geruch?

Hilde M.: Nee, nee, ich hab nichts gerochen, nur nachher, bei dem Leichentragen. Aber so haben wir das nicht gerochen. Wir konnten uns gar nicht vorstellen, was da im Lager passiert. Es hat ja mit uns keiner darüber gesprochen.

Soll die Öffentlichkeit so etwas hören, unkommentiert? Darum wird nun gerungen.

Der Streit um das Interview beginnt im Januar 2012 in Irland, mit einem Zufall – und einem Brief an den slowakischen Juden Tomi Reichental. Reichental, 79, ist ein kleiner, zurückhaltender Mann mit buschigen Augenbrauen, seit mehr als 50 Jahren lebt er in Dublin. Die Nazis haben 35 Mitglieder seiner Familie ermordet, er selbst überlebte mit neun Jahren das KZ Bergen-Belsen. Ende der fünfziger Jahre wanderte er nach Irland aus.

Seitdem erzählt er seine Überlebensgeschichte regelmäßig vor Schulklassen, einmal auch im irischen Radio. Nach der Sendung schreibt ihm eine Frau: Ihre ehemalige Nachbarin Hilde M. in Hamburg sei KZ-Aufseherin in Bergen-Belsen gewesen. Sie sei im Besitz von vier DVDs, darauf erzähle Hilde M. von dieser Zeit. Es sei eine private Kopie, die alte Frau habe sie ihr anvertraut. Aus Angst, ihre Kinder könnten die Aufnahmen finden.

"Sie zeigt keine Reue, in keinster Weise"

Eingang der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen © Sarah Levy

Als Tomi Reichental das Interview zum ersten Mal ansieht, ist er schockiert. "Die Lügen, die sie da erzählt", sagt Reichental am Telefon. "Sie zeigt keine Reue, in keinster Weise." In dem Video stellt sich Hilde M. als Opfer dar: "Was ich alles hab erleben müssen", klagt sie. Den Prozess gegen das SS-Personal 1945 in Lüneburg nennt sie einen "Schauprozess", behauptet, die ehemaligen Häftlinge hätten vor Gericht gelogen. "Ich hab von KZs nichts gewusst, keiner von uns."

Interviewerin: Was waren das für Gefangene? Haben Sie da Erinnerungen?

Hilde M.: Die meisten waren Juden, gefangene Juden, auch andere KZler, viele waren russische Juden. Die haben wir in der Baracke abgeholt, und da haben wir reingeguckt, wie die wohnten. Die hatten jeder ein doppelstöckiges Bett mit blau karierter Bettwäsche. Ich weiß heute gar nicht mehr, wie die angezogen waren. Jedenfalls waren die noch alle ordentlich und auch gesund. Die sollten ja arbeiten, haben ja auch Essen gekriegt, damit sie gesund bleiben.

"Sie ist ein Opfer ihrer Zeit", sagt Reichental, "aber sie verzerrt die Geschichte. Das darf nicht passieren." Also verwendet er Ausschnitte des Interviews in einer TV-Dokumentation – und ist selbst überrascht von den vielen Schreiben und Anrufen, die ihn daraufhin aus der ganzen Welt erreichen. "Der Film ist ein so einzigartiger Zeitzeugenbericht, der sollte den Deutschen gezeigt werden", sagt er.

Genau darüber streiten die Deutschen jetzt. Die Gedenkstätte Bergen-Belsen, die die Urheberrechte am Interview mit Hilde M. hält, prüft sogar eine Klage gegen dessen Verbreitung durch Tomi Reichentals Film.

Interviewerin: Und nach der Befreiung? Haben Sie eine Erinnerung, wie Sie damit umgegangen sind?

Hilde M.: Die (Häftlinge) haben uns sehr beschimpft. Man konnte es ja verstehen. Sie hatten ja recht. Nee, recht nicht. Die waren ja im Zwangslager.

Einer, der besonders dafür streitet, das Interview an die Öffentlichkeit zu bringen, ist Hans-Jürgen Brennecke. Der energiegeladene 70-Jährige ist einer, der nur ungern in den Ruhestand gegangen ist. Früher hat er mit schwierigen Jugendlichen gearbeitet, heute engagiert er sich für Flüchtlinge, kämpft für die Aufarbeitung von Naziverbrechen in Lüneburg und gegen das Vergessen.

Dabei wollen viele Deutsche gerade das nicht. Erst kürzlich kam bei einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung heraus: Eine große Mehrheit der Deutschen möchte sich nicht mehr mit dem Holocaust beschäftigen. Auch nicht mit den Geschichten und Gedanken von Tätern und Verstrickten wie Hilde M.

Für Hans-Jürgen Brennecke hingegen ist es unbegreiflich, dass Hilde M.s. Geschichte so lange unbeachtet in einem Archiv herumlag.

Als er, 1000 Kilometer von Dublin entfernt, Reichentals Film in einem Lüneburger Programmkino sieht, ist er erschüttert. "Wenn sie ein wenig Einsicht oder Reue gezeigt hätte, wäre es eine andere Situation", sagt er. "Nur die Frau lügt ja heute noch, dieselben Lügen, die seit 70 Jahren in diesem Land auf der Täterseite rumgehen. Das finde ich unerträglich."

Brennecke kennt Tomi Reichental persönlich, er kommt selbst in dessen Dokumentarfilm vor. "Es ist nicht angenehm, den Tatsachen ins Auge zu gucken. Davon kann ich ein Lied singen." Brennecke ist ein "Täterkind". Bis vor zwölf Jahren dachte er, sein Vater sei lediglich Mitläufer gewesen, dann fand er Briefe seines Vaters, musste lesen, dass der ein aktiver Unterstützer der Nationalsozialisten war. "Mir hat man auch nur die Hälfte erzählt. Und das noch beschönigt. Da habe ich gemerkt, wir hier in Deutschland müssen etwas aufarbeiten. Wir sind noch lange nicht da, wo wir hinmüssen, es gibt noch viel Zurückhaltung, Unterschlagung."

Auf drei Tischen in Brenneckes Haus stapeln sich Notizen, Zeitungsartikel, Geschichtsbücher, Briefe von Hilde M., Briefe von Hilde M.s Nachbarin. Brennecke recherchiert die Fakten von Reichentals Film nach, ihm fällt auf, dass Hilde M. zwar 1945 für ihre Taten in Bergen-Belsen zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wurde. Doch in dem Interview erzählt sie auch von einem Todesmarsch im Februar 1945, vom KZ Groß-Rosen bis zur Stadt Guben. Heute weiß man: Von 2000 Häftlingen, die nach Guben laufen mussten, starben mehr als 1400.

Im Interview aber spricht M. über den Marsch wie über einen Abenteuerspaziergang.

Hilde M.: Übernachtet haben wir immer in den Bauernhöfen. Die Häuser waren alle leer. Da haben wir uns Suppe gekocht und Kakao.

Interviewerin: Und haben die Gefangenen auch ...?

Hilde M.: Ja, die haben dann auch ... Da wurde dann irgendwie gekocht. Ich weiß nicht, wie, aber jeder hat dann sein Essen gehabt nachher.

Brennecke schreibt an die Zentrale Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg. Seine Hoffnung: Die zentrale Instanz soll dafür sorgen, dass Hilde M. für ihre Beteiligung am Todesmarsch vor Gericht gestellt wird. Aber von dort bekommt er nicht einmal eine Antwort.

Also nimmt Brennecke die Sache selbst in die Hand. Er formuliert eine Anzeige an die Staatsanwaltschaft Hamburg, wo Hilde M. heute lebt. Am 27. Januar, ein gutes Datum, findet er, der 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung: Hilde M. sei "Teil der Vernichtungsmaschinerie" gewesen, schreibt er, das habe bei John Demjanjuk ja auch für eine Verurteilung gereicht. Zwei Tage später erhält Brennecke Post. Die Staatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren eröffnet, wegen Mordes.

Es gibt Menschen, die sagen, Brennecke solle die alte Frau in Ruhe lassen, sie habe Kinder, würde nicht mehr lange leben. Brennecke streckt dann seine Finger aus und zählt: "Erstens: Alter haben die Täter damals auch nicht gelten lassen. Zweitens: Milde walten lassen, barmherzig sein, war damals auch kein Thema. Drittens: Wenn die Frau geschwiegen hätte, wäre das Ganze nicht passiert."

Hilde M.: Jetzt, wo ich wusste, dass Sie kommen, erzähle ich das schon mehreren. Aber nur, wo ich wusste, denen kannst du das sagen.

Interviewerin: Was heißt das: Denen kannst du das sagen?

Hilde M.: Na ja, da hab ich Vertrauen zu denen. Ob die das nun weitererzählen, och, da leide ich nicht drunter. Ich weiß, ich hab ein reines Gewissen.

Interviewerin: Aber Angst hatten Sie trotzdem?

Hilde M.: Na ja, die Angst kann einem ja keiner nehmen.

Ein typisches Täterinterview hat keinen historischen Wert

Brennecke möchte, dass Reichentals Film auch anderswo in Deutschland gezeigt wird. Er hat Fernsehsender angeschrieben. Der NDR habe erst überhaupt nicht reagiert, sagt er. Das ZDF überließ es dem kleinen Sender 3sat abzusagen: Der Film habe zwar "bewegende und auch verstörende Momente", heißt es in einer Mail, man habe aber schon viel von dem Thema gezeigt und leider keinen Etat für weitere Ankäufe.

Brennecke findet es wichtig, dass sich eine Gesellschaft mit Menschen wie Hilde M. auseinandersetzt, ihrer Version der Geschichte etwas entgegensetzt, statt sie totzuschweigen. Andere finden es wichtig, dass man den Tätern von damals heute keine Bühne mehr bietet, um ihre Weltsicht zu verbreiten.

Die Frage ist ja: Welchen Wert haben Täterinterviews, wenn die Täter ihre Taten nicht bereuen?

Auch die Wissenschaft flüchtet vor der Antwort. Besuch in der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Ein eigenartig stiller Ort, bedrückend und leblos, Wind bewegt die Gräser, die jetzt über das Grauen wachsen. "Bergen-Belsen ist ein Massenfriedhof", sagt Thomas Rahe. "Wie ausführlich sollen wir auf die Täter eingehen an so einem Ort? Was hier zu sehen ist, hat schließlich auch eine symbolische Qualität."

Rahe ist wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen, er sitzt in der Bibliothek des Dokumentationszentrums, einem länglichen Betonblock, sein violetter Pullover ein bunter Fleck vor den grauen Wänden. Mit wissenschaftlich-nüchternen Worten berichtet er, wie es zu dem Interview mit Hilde M. kam.

Erst Ende der Achtziger haben Historiker begonnen, die Geschehnisse in Bergen-Belsen aufzubereiten. Seit dem Jahr 2000 sollten die Mitarbeiter in kurzer Zeit nachholen, was zuvor versäumt wurde. Innerhalb weniger Jahre führten sie Hunderte Interviews mit Überlebenden: ehemaligen Häftlingen und deren Nachkommen, Soldaten, die bei der Befreiung dabei waren, medizinischem Personal.

Das Gespräch mit Hilde M. war von Anfang an eine Ausnahme. Bei der Transkription vermerken die Mitarbeiter den "besonderen Charakter" und die "Atmosphäre" des Interviews. "So wurden an vielen Stellen die Ausdrücke, die Frau M. benutzt, in Anführungsstrichen in die Erfassung aufgenommen und häufiger als sonst direkte Zitate der Interviewpartnerin notiert."

Die Historiker wissen nicht, wie sie mit der verzerrten Sicht von Hilde M. umgehen sollen. "Wenn sie hoch selbstkritisch wäre, dann wäre das eine andere Situation", sagt Rahe. "Das ist nicht der Fall. Hier stehen Juden als Opfer im Vordergrund. Wir wollen nicht ehemalige SS-Leute zu Wort kommen lassen."

So unerträglich Hilde M.s Wendungen und Ausreden auch sind – sie sind typisch für die Täter. Und das hat viel damit zu tun, warum ein so einzigartiges Interview zehn Jahre im Archiv verschwindet. Für die Historiker hat ein so typisches Täterinterview keinen Wert. Keinen historischen jedenfalls.

Aber einen gesellschaftlichen.

Hilde M.: Es hieß, auf dem Weg zu den Rüben, da habe ich eine Frau angegriffen, hab sie geschlagen und mit dem Stock, den ich immer hatte, habe ich sie verhauen und mit den Stiefel habe ich sie totgetreten. In der Zeit hatten wir gar keine Stiefel. (...) Und die andere Anklage, in der Küche, da soll ich auch irgendwas gemacht haben, fürchterlich geschlagen, mit Stiefeln getreten. Und da musste ich lachen. Das ist doch lächerlich.

250.000 Besucher kommen jedes Jahr nach Bergen-Belsen, ein Drittel aus dem Ausland, viele von ihnen Schüler, Jugendliche. Die meisten interessieren sich nur für eine Frage: Warum waren Menschen – die ursprünglich mal ganz normale Kinder gewesen sind –, wieso waren die zu solchen Verbrechen fähig?

Ja, warum? Drei Stunden und 23 Minuten Film geben darauf keine Antwort. Aber sie entlarven die Art der Täter zu denken. Und das sogar noch nach 70 Jahren Aufarbeitung.

Hilde M. will sich zu alldem nicht äußern. Auf Briefe reagiert sie nicht. Am Telefon legt sie auf, noch bevor man sich vorstellen kann. "Ich will gar keine Bestrafung", sagt der irische Holocaust-Überlebende Tomi Reichental, wenn man ihn fragt, was er erwarte. "Die größte Strafe für sie wird sein, dass die Menschen in ihrem Umfeld wissen, dass sie nicht nur ein Kirchenmitglied und eine Nachbarin ist."

Interviewerin: Denken Sie heute noch viel an die Zeit damals?

Hilde M.: Wenn ich nicht schlafen kann, manchmal kann man ja eine Nacht nicht schlafen, dann sage ich mir das alles vor, so wie ich Ihnen das heute erzählt habe. Daher ist das in meinem Kopf noch so drin. Weil ich doch immer an die Zeit denke. Und dass ich eigentlich Glück hatte. Mit meiner Familie. Mit meinen Kindern. Und durch die Kirche habe ich sehr viele Freunde.