ZEIT: Sie haben mit Regisseuren wie Spike Jonze zusammengearbeitet, aber auch mit Designern und Modemachern. Wie wählen Sie Ihre Partner aus?

Björk: Meistens passiert das einfach. Es hängt natürlich vom Charakter der Person ab, mit der ich in Kontakt trete, aber auch mit meiner inneren Verfassung. Und von anderen Faktoren, die sich nicht immer verstehen oder beeinflussen lassen. Manchmal habe ich viel Zeit, dann hängen wir zusammen ab, und die Dinge entwickeln sich organisch. Ich mag es auch, wenn die Rollen nicht von vornherein festgelegt sind. Wenn mein Gegenüber ein bisschen desorganisiert ist, bringe ich Disziplin in die Sache, wenn alles nach Plan gehen soll, spiele ich gern die Verrückte. Ich möchte immer das sein, was ich gerade nicht bin.

ZEIT: An welche Zusammenarbeit erinnern Sie sich gern?

Björk: Oh, da will ich keine hervorheben, sie sind ja auch so verschieden. Belassen wir es bei der Feststellung: Ich hatte das Glück, dass vieles zusammengepasst hat. Ob die betreffende Person nun wirklich so fantastisch ist, wie die Leute sagen, ist dabei nicht so wichtig, viel wichtiger ist es, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Manche Dinge konnte ich nur in dem Moment tun, in dem ich sie getan habe, fünf Jahre später hätte es nie geklappt und fünf Jahre früher auch nicht. Ich glaube, es hat tatsächlich etwas mit Magie zu tun.

ZEIT: Woher nehmen Sie die Ideen für Ihre Musik?

Björk: Auch da gibt es keine Regel. Es gibt Phasen, in denen ich viel reise, besonders natürlich, wenn eine Tour ansteht. Dann lebe ich wieder äußerst zurückgezogen. Manchmal gehe ich ständig aus, in anderen Phasen bin ich gern allein mit mir selbst. Wenn ich auf Island bin, wandere ich viel, während ich einen Berg hinaufklettere, kommen mir Einfälle für Melodien und Texte. Ich sitze aber auch oft am Laptop und bastle an einem Track. Natur und Hightech sind für mich kein Widerspruch, sie gehören zusammen.

ZEIT: Sind Sie eine Romantikerin?

Björk: Es kommt darauf an, was man darunter versteht. Wenn damit der Glaube gemeint ist, dass die Dinge eine Seele haben, dann ja. Wir haben eine reiche animistische Tradition auf Island, jeder Fels kann eine Geschichte erzählen. Natürlich sind wir zugleich moderne Menschen, die in der modernen Welt zu Hause sind, und doch hat uns der Glaube an unsere überlieferte Mythologie nicht verlassen. Wir glauben daran, dass es gut ist, der Natur mit Respekt zu begegnen, und wir sind der festen Überzeugung, dass diese Haltung sich in Geschichten weitererzählen lässt. Es gibt viele Geschichten auf Island ...

ZEIT: Stimmt es, dass Sie während eines Vulkanausbruchs zur Welt kamen?

Björk: Ja, allerdings begann er schon 1963, zwei Jahre vor meiner Geburt, und zog sich bis 1967 hin. Es war eine Dauereruption, vier Jahre lang bebte die Erde. Während dieser Zeit ist eine neue Insel namens Surtsey entstanden.

ZEIT: Seltsame Koinzidenz: Im vergangenen September, während der Dreharbeiten zum Video für Ihren Song Black Lake, brach ein anderer Vulkan aus.

Björk: Ja, das war der Bárdarbunga, der zweithöchste Berg, den wir haben. Aber in Island gibt es dauernd Eruptionen.

ZEIT: So ein Vulkanausbruch ist gar nichts Besonderes?

Björk: Doch, natürlich. Wir Isländer sind sehr stolz auf unsere Vulkane. Jedes Mal, wenn einer ausbricht, sind wir ganz aufgeregt, weil die Erde Feuer spuckt und weil wir schon wieder eine neue Insel oder einen neuen Berg benennen müssen. Es herrscht dann eine Stimmung wie auf einem Volksfest, überall wird diskutiert und gestritten, es gibt einen Wettbewerb um den richtigen Namen. Während eines Vulkanausbruchs fühlen wir uns lebendig und kreativ. Wir spüren dann: Hey, wir haben es immer noch in uns.

ZEIT: Wieso sind die alten Mythen in Island lebendiger als anderswo?

Björk: Es liegt an unserer Geschichte. 600 Jahre lang waren wir dänische Kolonie, 1944 kam dann die Unabhängigkeit, und von da an entwickelten die Dinge sich sehr rasch. Bestimmte Erscheinungen, auch Irrwege der Moderne, sind an uns vorbeigegangen, wir hatten nie so etwas wie eine industrielle Revolution, wir haben nicht an den beiden Weltkriegen teilgenommen, wir haben bis heute keine Armee. Wir sind sozusagen aus der Magie unserer Überlieferung direkt im 21. Jahrhundert gelandet, mit Internet und allem, was dazugehört. Das Ergebnis ist eine Art Hightech-Romantik, die von vielen geteilt wird, nicht nur von Künstlern. Es ist auf Island eine allgemein verbreitete Haltung zur Welt.

ZEIT: Sie sind bereits als Kind mit Kunst in Berührung gekommen – als Sängerin in Punkbands, aber auch als Mitglied des Künstlerkollektivs Medusa.

Björk: Zu Hause gefühlt habe ich mich eher in der Punkszene. Medusa war eine Gruppe von Dichtern und Malern, die den Surrealismus nach Island getragen haben. Ein richtiges Mitglied war ich nie, ich war ihr Groupie ... (lacht) Aber sie haben mich stark beeinflusst, sie diskutierten mit mir, gaben mir Bücher und luden mich zu ihren Aktionen ein. Sie hatten eine Garage im Zentrum von Reykjavík, wirklich nicht mehr als ein Raum, ein winziger dazu, aber da fand alles statt: Ausstellungen, Konzerte, Dichterlesungen. Auch Medusa war eine wilde Mischung aus Tradition und Avantgarde, sie haben einfach verschiedenste Einflüsse in sich aufgesogen und etwas sehr Eigenes, Selbstgebasteltes daraus gemacht.

ZEIT: Dann ist wahr, was man sich erzählt: In Island ist jeder ein Künstler?

Björk: Ja, aber wir nehmen uns nicht so ernst dabei. Wir stellen uns nicht selbst auf einen Sockel, der uns über andere erhebt. Auch das hat mit unserer Geschichte zu tun: Die Hierarchien sind auf Island nicht so stark ausgeprägt. Ob du nun Künstler bist oder sonst etwas, Handwerker vielleicht oder Jäger, macht keinen Riesenunterschied.