Um 500 hatten die Franken zu beiden Seiten des Rheins ein größeres staatliches Gebilde gegründet, an dessen Spitze Chlodwig als erster König der Merowinger stand. Seine Siege über Alemannen und Thüringer machten das Frankenreich zu einem beherrschenden Machtfaktor.

In ganz Europa veränderten sich vom 9. Jahrhundert an die Verhältnisse grundlegend. Nach dem Niedergang der Merowinger-Dynastie übernahmen die Karolinger die Macht im Frankenreich. Unter Führung Karls des Großen (747 bis 814) erreichte es seine größte Ausdehnung, der Kaiser herrschte vom Mittelmeer bis zur Nordsee. Von Osten drangen Slawen bis zur Elbe vor. Im Ostseegebiet entstand mit den Wikingern ein neuer Machtfaktor. Im Südosten hatte sich das Byzantinische Reich herausgebildet. Und im Nahen Osten und in Nordafrika eroberten islamische Völker riesige Gebiete und drangen bis auf die Iberische Halbinsel vor.

Das Leben im frühen Mittelalter war so mobil wie selten zuvor. Es gab keine ortsgebundenen festen politischen Zentren mehr, hierzulande zogen die Herrscher mit Gefolge von Pfalz zu Pfalz. Heiraten war ein Machtinstrument erster Wahl: Europaweit knüpften die Karolinger Kontakte zwischen Königs- und Adelsfamilien. Im Dienst der Kirche waren Wanderbischöfe und Missionare unterwegs. Mönche reisten von Kloster zu Kloster, um Handschriften für die Bibliotheken zu erwerben oder zu kopieren. Unmengen von Pilgern waren auf der Wanderschaft. Händlerscharen nutzten die Straßen des Frühmittelalters. Mit dem Karlsgraben als Wasserstraße, Vorläufer des Rhein-Main-Donau-Kanals, zeigten die Karolinger, dass sie beim Ausbau der Infrastruktur in europäischen Dimensionen dachten.

Im Osten errichteten die Slawen umfangreiche Burganlagen. Und sie verbrauchten riesige Mengen Holz – unter anderem für die Eisenverhüttung. Als Folge davon gingen die Wälder massiv zurück. Der Beitrag der Slawen zum Speisezettel Europas war die Einführung der Gurke, ferner handelten sie mit Hering und Honig. Zwischen Ostsee, Zentralasien und Byzanz entwickelte sich ein Fernhandelsnetz. Auch die Wikinger nutzten es. Außerdem beherrschten sie den Seehandel in der Ostsee. An den Mündungen wichtiger Flüsse bauten sie Umschlagplätze für den Warenaustausch mit dem Hinterland. Die Hafenstadt Haithabu, unweit des heutigen Schleswig, war eines der Zentren im Norden. Der Fernhandel erreichte globale Dimensionen.

Der Massentourismus jener Zeit war die Pilgerschaft. Wallfahrtsorte blühten auf. Ein beliebtes Ziel war schon damals das galizische Santiago de Compostela mit dem Grab des Apostels Jakob. Wer auf Pilgerschaft war, brachte Souvenirs in seine Heimat zurück. Das Andenken an die Wallfahrt nach Santiago war die Jakobsmuschel.

Den damaligen Ausbau der Städte dokumentierten Kanzleien und Archive. Doch immer wieder fielen die Dokumente Brandkatastrophen zum Opfer. Archäologische Ausgrabungen sind deshalb oft die einzige Quelle zur Rekonstruktion von Stadtgeschichte. Sie vermitteln ein lebendiges Bild, auch von der Mühsal des Lebens: Enge, mangelnde Hygiene, Epidemien. Als Spurensammlung aufschlussreich sind Latrinen und Abfallgruben, denn keine schriftliche Urkunde berichtet über Parasitenbefall und Hygieneverhältnisse.

Die Spuren im Untergrund verraten auch, dass es in den jüdischen Quartieren mittelalterlicher deutscher Städte zu Pogromen kam. Der Grund: Als die Pestepidemie die Bevölkerung dahinraffte, wurden Schuldige gesucht. Dass vielerorts die Bevölkerung jüdischer Viertel vertrieben wurde, davon zeugen versteckte Wertgegenstände, etwa im Zentrum Kölns: Vor der Flucht hatten Menschen Preziosen im Boden vergraben.

Für eine weltgeschichtlich bedeutende Zäsur zwischen Mittelalter und Neuzeit sorgte 1492 ein Mann namens Christoph Kolumbus. Mit seiner Entdeckung Amerikas geriet plötzlich der ganze Globus ins Blickfeld. Wenige spanische Konquistadoren genügten, um mit Feuerwaffen die Azteken im Hochland von Mexiko ebenso auszulöschen wie das Inkareich in den Anden. Die Eroberung Amerikas bedeutete die brutale Vernichtung ganzer Zivilisationen. Archäologische Ausgrabungen dokumentieren nicht nur das Werden dieser Hochkulturen, sondern auch ihren Untergang.

Immer häufiger werden seit Jahren weltweit Schlachtfelder untersucht. Massengräber bieten Einblicke in die ethnische und altersmäßige Zusammensetzung beteiligter Heere. Auch vor den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts macht die Archäologie nicht halt. Sie dokumentiert Stellungen, Schützengräben, Bunkersysteme. Eine neue Fundgattung ist hinzugekommen: Kriegsgefangenen- und Vernichtungslager. Wo es am Ende des Zweiten Weltkriegs den Nazis gelungen war, Konzentrationslager zu zerstören, um die Spuren ihrer unfassbaren Verbrechen zu vertuschen, dort lassen sich dank archäologischer Forschungen Geschehnisse rekonstruieren.

Man fragt sich, was unsere Zeit künftigen Archäologen hinterlassen wird. Berliner Mauer und Todesstreifen an der innerdeutschen Grenze sind vielerorts kaum mehr zu erkennen – und sind so bereits Gegenstand der Archäologie geworden. Doch im Unterschied zu römischem Limes und Chinesischer Mauer gehören sie nicht zur Unesco-Welterbeliste. Noch nicht.