In Dalarna stehe ich am Rande eines zugefrorenen Sees und starre auf ein erstaunlich genau in den Schnee gefrästes Loch. Es hat die Form einer flachen, handtellergroßen Ellipse, seine Ränder und der Boden leuchten dunkelorange. Ein schöner, kräftiger Ton, wie er auch etwa einem Ford Capri gut stehen würde. Marcus, mein Wildnis-Guide, freut sich entzückend über dieses Loch. Und ich wollte ehrlich, ich könnte mich mit ihm über diesen Präzisions-Pisse-Placken eines Elchbullen begeistern. Aber ich bin doch hier, weil ich in die Weite blicken wollte, ernst und entschlossen wie ein Polarforscher, vor mir nicht als unermessliches, sauberes Weiß.

Mit Schnee kann man ja viel verbinden. Manche macht er fröhlich; die gehen vors Haus und bauen einen Schneemann. Andere sehen ihn als Leichentuch der Natur; die bleiben daheim und aalen sich in wohliger Wintermelancholie. Für mich heißt Schnee Aufbruch, Bewegung. Und weil ich eh in Norddeutschland lebe, treibt er mich auch immer weiter nach Norden.

Darum bin ich nach Schweden übergesetzt und dann in den Zug gestiegen, langsam nach Svealand hinauf. In Götaland, in Örebro und in Värmland liegt schon etwas Schnee. Aber es sieht halbherzig aus, wie ein hastig übergestreifter dünner weißer Pullover, unter dem bei jeder Bewegung ein dunkles T-Shirt durchscheint. Erst kurz vor meinem Ziel, in der Provinz Dalarna, liegt die weiße Decke so selbstverständlich auf den Hügeln, als gehörte sie hierher. In Ludvika, bei den Metallwerken, ist Schichtende. Gruppen von Arbeitern steigen zu. Sie tragen Gummiüberzieher mit Spikes über ihren Stiefeln. Im Süden haben die Leute noch neugierig auf die Schneeschuhe an meinem Rucksack geguckt, nun wundert sich keiner mehr. Hier fängt also der Norden an, denke ich.

In Rättvik am Siljansee steige ich aus. Ich würde gern behaupten: Genau da wollte ich hin. Aber das Starren aus dem Fenster in den Schnee, die butterweich gesungenen schwedischen Zugbegleiterinnenansagen, da habe ich meinen Halt glatt verträumt. Im Schneetreiben stehe ich vor dem holzverkleideten Bahnhof. Ich habe keinen Schimmer, wie ich in den Nachbarort zu meinem Hotel kommen soll, aber das ist mir ziemlich egal. Es ist schön, sich von dieser friedlichen, weichen Stille einhüllen und berühren zu lassen.

Der Abend kommt, die Geschäfte schließen, und der fallende Schnee macht Rättvik noch kleiner und leiser. An einem Hang über der Stadt beleuchten Flutlichter eine Piste, aber niemand fährt Ski. Regnete es, ich würde meine Lage längst fluchend beklagen. So lasse ich es mir auf die Schultern rieseln, die Flocken sickern wie Baldrian in mich hinein und kitzeln mich zugleich wach. Ein Taxi hält vor dem Bahnhof. Ein Fahrgast im Schneetarnanorak steigt aus und holt eine Gewehrtasche und einen anscheinend schweren Sack aus dem Kofferraum. Ich lasse mich nach Tällberg in mein Hotel fahren. Noch nie habe es so spät geschneit wie in diesem Jahr, sagt der Fahrer, "aber jetzt ist das alte Jahr mit allen unfertigen und unschönen Dingen endgültig vergessen. Oder wenigstens zugedeckt. Was ich nicht sehe, muss mich nicht stören. Eine neue Leinwand auf die Staffelei, und mal sehen, was die nächsten Monate draufmalen."

Mein Hotel ist ein altes Holzhaus mit Blick über den See, gelegen in einem Dorf, von dem ich nicht weiß, wie es an Schwedenbilderbuchidylle noch einen drauflegen könnte. Allüberall samtweiches Licht in den Fenstern, Firste und Rahmen weiß gestrichen, die Hauswände im dunklen Falunrot, einem Nebenprodukt des Kupferwerkes unten in Falun, südlich des großen Sees. "Willkommen im Freilichtmuseum", sagt der Taxifahrer ein wenig spöttisch. Ich nehme mir diese kritisch-nüchterne Haltung entschlossen zum Vorbild.

Der Schnee ist noch nicht fertig abgetropft von meinen Stiefeln auf die schweren Teppiche im Hotel, da habe ich schon aufgegeben. Kaminfeuer, uralte Holzbalken mit tiefen Rissen, ein Bollwerk gegen die Kälte da draußen, die sich in groben Pinselstrichen hinter dem Fenster abzeichnet: das Nachtblauweiß des Schnees, das tiefe, glanzlose Grau des Sees, die schwarzen Waldmassen dahinter. Das sieht kein bisschen kuschelig aus. Da will ich hinein.

Marcus holt mich am zweiten Tag zu unserer Schneeschuh-Safari ab. Weil er Schwede ist, hält er mir zum Warmwerden keinen Vortrag darüber, wie schön unser Ausflug wird und wie gut er sich dort draußen auskennt. Ich schnüre meine Stiefel fester und sammele mein Zeug ein, und er kaut auf seiner Unterlippe, dass der rote Vollbart in der Luft kratzt. Da sehe ich schon: Der will raus, der mag nicht noch länger in geschlossenen Räumen sein.

Wir verlassen Tällberg, fahren ein paar Kilometer über die Schnellstraße, biegen auf kleinere Routen ab, und es ist, als hätte es nie etwas anderes gegeben als Schneeland. Noch stechen die Bäume grün heraus. Ein paar Tage noch, dann werden sie weiße Mützen bekommen, und ihre Äste werden schwer zu Boden hängen. Wir fahren durch kleine Dörfer, weniger herausgeputzt als Tällberg, doch mindestens genauso hübsch. Auf freiem Feld hält Marcus neben einer Birke. Der Kaffee muss wohl weggebracht werden, denke ich. Aber er kratzt etwas vom Stamm, das aussieht wie eine verkohlte Knolle. Er nennt es Sprängticka oder Chaga. Aus dem Zeug will er später einen Tee kochen, dem er großartige heilende Wirkungen nachsagt: "Das ganze Jahr über sammeln sich in diesem Pilz die Stoffe, die die Birke zum Schutz gegen Pilze produziert – das Gesündeste, was uns die Natur liefert." In einem Dorf halten wir vorm Supermarkt. Nicht direkt davor, da stehen die Trittschlitten, die aussehen wie Rollatoren auf langen Kufen. Wir werden heute Nacht draußen schlafen. Also gehe ich davon aus, dass Marcus hier unsere Ausrüstung um letzte wichtige Details ergänzt. Munition vielleicht. Oder Waltran für unsere Lampen. Und starken Schnaps. Vielleicht denkt er von mir dasselbe. Wir schleichen getrennt durch die Gänge. Und finden uns vor dem Schokoladenregal wieder. Das kommt uns beiden nur bedingt supermännlich vor. Hier stehen wir in schweren Stiefeln, Fellbesatz an den Jacken, bereit, allein mit Erfahrung und Willen und Leidensfähigkeit in der Winterwildnis zu überleben, nur die zart schmelzende Vollmilchschokolade fehlt noch.