So sieht es aus, wenn Menschen ihren Naturzustand suchen: Sie klettern barfuß auf Bäume, tragen sich gegenseitig huckepack, rennen auf allen vieren durcheinander. Mit Bildern solcher Aktivitäten wirbt das Fitnesskonzept Movnat um neue Kunden. Freizeitsportler von San Francisco bis Hongkong trainieren auf diese Weise Körper und Geist, hierzulande etwa in München.

"Unsere Vorfahren mussten in wilden, natürlichen Umgebungen leben und sich beim Jagen, Sammeln, Anpirschen und Flüchten ähnlich bewegen", sagt der Franzose Erwan Le Corre, der Movnat gegründet hat. Evolutionär betrachtet, sei das die natürliche Bewegung des Menschen. Das Konzept orientiert sich an Jägern und Sammlern, sowohl an jenen aus der Altsteinzeit als auch an zeitgenössischen. "Auf diese Weise bewegen wir Menschen uns auch, wenn wir in Gefahr sind", sagt Le Corre, "wir müssen dann sehr schnell rennen, irgendwo hochklettern, über ein Hindernis springen, vielleicht schwimmen." Das Ziel von Movnat sei, auf "Reset" zu drücken: Menschen in ihren Originalzustand zurückzuversetzen.

Fitnesskonzepte, die die natürliche Bewegung des Menschen gerade in Gefahrensituationen wiederentdecken wollen, sind groß in Mode. Paläo-Anhänger schwören auf die Trainingsmethode CrossFit. Diese will, laut Werbung, "auf alle unvorhersehbaren physischen Notsituationen" vorbereiten. Läufer, die vor Kurzem noch ihre Füße mit Hightechsohlen polsterten, tragen jetzt Barfußschuhe: dünne Überzüge, die jeden Zeh einzeln einhüllen und vor Scherben oder Steinchen schützen – den Gang aber nicht federn. Schließlich joggte auch der Urmensch ohne Gel-Polsterung.

Die Anhänger des Steinzeit-Lifestyles orientieren sich quer durch alle Lebensbereiche an den vermeintlichen Gewohnheiten des Urmenschen. Im Onlineforum paleo360.de tauschen sie sich darüber aus, welche Unterlage am besten geeignet ist, um auf dem Boden zu schlafen – kann sie den gras- oder laubbedeckten Erdboden ersetzen? Auf paleohacks.com diskutieren sie, ob sie oft Blut spenden sollten, um "den Blutverlust durch paläolithische Aktivitäten und Verletzungen zu simulieren". Ein Blog zu Schwangerschaft und Erziehung im Paläo-Stil empfiehlt, mit den Kindern gemeinsam im Bett zu schlafen.

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Und, ganz wichtig: die Ernährung. Lebensmittel mit Getreide und Milch sind verpönt. Diese wurden erst mit Ackerbau und Viehzucht im großen Stil verfügbar. Wer authentisch lebt wie die Urahnen vor mehr als 10.000 Jahren, isst Fleisch und Gemüse – Gejagtes und Gesammeltes eben.

Die Heilsversprechen zur Paläo-Lebensweise sind groß. In Erfahrungsberichten schwärmen die Steinzeitjünger davon, wie gesund und gut gelaunt und fruchtbar sie seit ihrer Rückbesinnung auf das ursprüngliche Leben geworden seien. Der Ratgeber Primal Moms Look Good Naked nimmt sich Frauen aus heutigen Jäger-und-Sammler-Kulturen zum Vorbild, die auch als Mütter noch "weiche, geschmeidige Haut, frei von Cellulite und Krampfadern" haben.

An sich ist nichts dagegen einzuwenden, wenn Menschen viel Gemüse essen, gemeinsam rumtoben und darauf achten, dass sie – wo auch immer – gut schlafen. Kein Arzt widerspräche grundsätzlich (auch wenn sich kaum alle Heilsversprechen erfüllen werden). Auch das trendige Barfußlaufen: Tatsächlich kann spartanisches Schuhwerk helfen, schlecht oder einseitig trainierte Fußmuskulatur zu stärken – sofern der Laufstil behutsam umgestellt wird.

Absurd wird der Paläo-Wahn erst dort, wo Anhänger ihren Lebensstil mit religiöser Inbrunst vertreten. Ihre Kernüberzeugung: Wir seien immer noch Urmenschen – gefangen in nicht artgerechter Gegenwart. Zivilisation schade uns, der Mensch sei für das moderne Leben nicht gemacht, Fortschritt sei Rückschritt. Sie wünschen sich Ur-Leben zurück, her mit den Wurzeln!