Die Universität Wien blickt auf 650 Jahre Geschichte zurück; 532 Jahre davon war die universitas, die Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden, ausschließlich männlich, da das weibliche Geschlecht vom Studium ausgeschlossen war. Die erste promovierte Frau, Baronin Gabriele Possanner (1860 bis 1940), konnte 1897 bei der Bestätigung ihrer Rigorosen auf keine langjährige wissensprägende Kollektiverfahrung an der Uni Wien zurückblicken. Ihr Studium hatte sie zuvor in der Schweiz absolviert.

Einundzwanzig Prüfungen musste sie in Wien nochmals ablegen, damit ihr 1893 in Zürich erworbenes Doktorat in Österreich-Ungarn anerkannt wurde. Solche Hürden waren die Regel. Der Zugang zur Universität wurde über Ausnahmebewilligungen erkämpft, wozu Entschlusskraft und Hartnäckigkeit nötig waren. Zahlreiche Bittgesuche begleiteten Possanners akademischen Weg in Wien, den sie 1894 mit dem Antrag eröffnete, Vorlesungen hören zu dürfen. Es folgten eine Bitte um Zulassung als Volontärsärztin, jene um Nostrifikation ihres absolvierten Studiums in der Schweiz und eine um die gnadenweise Gewährung des Rechts auf die Ausübung der ärztlichen Praxis, die sogar an den Kaiser adressiert war. Dem ablehnenden Bescheid begegnete sie 1895 mit einer Petition an das Abgeordnetenhaus: "So muss ich, eine Österreicherin mit Leib und Seele, die Tochter einer Familie, welche sich seit Jahrhunderten durch Patriotismus und treue Ergebenheit für unsere erhabene Dynastie hervorgethan hat, mein Vaterland verlassen, [...]. Denn mein Beruf ist jenes Pfand, welches ich nicht vergraben darf und auch nicht vergraben will!!"

Am Ende der Tour de Force stand die Promotion in Wien, bei welcher der Rektor Possanner zu Recht als "muthige siegreiche Vorkämpferin um die Erweiterung der Frauenrechte" feierte. Possanners Initiativen waren in der Tat in eine heftige Debatte um Frauenemanzipation eingebettet, in der die Ablehnung des Frauenstudiums unerhörte Blüten trieb, welche die Diskriminierung rechtfertigen sollten. Etwa wurde eine "generelle cerebrale Minderwertigkeit der Frau" behauptet. Demgegenüber hatte sich 1888 ein Frauenverein gebildet, der als Motor für die Bildung des weiblichen Geschlechtes wirkte.

Gabrielle Possanner fand als erste promovierte Ärztin ihren Platz in der Gedächtniskultur der Stadt, nachdem – beginnend mit der Etablierung der Frauen- und Geschlechtergeschichte in den 1970er Jahren – die historische Zunft den Frauen an der Universität Wien eine erste Studie gewidmet hatte. Willensstärke und Begabung war für die erste Generation von Frauen im Kampf um ihre Rechte äußerst notwendig, doch der geistige und familiäre Rückhalt, wie bei Possanner das begüterte Milieu einer geadelten Beamtenfamilie, begünstigten die Entwicklung. Die fast ausschließliche Herkunft von Studentinnen aus bürgerlichen Schichten wurde erst in den 1930er Jahren um das Kleinbürgertum erweitert, Studentinnen, die aus Arbeiterfamilien stammten, kamen erst nach den Reformen der Kreisky-Ära hinzu.

Die Öffnung der Universität für Frauen verlief im Vergleich zu vielen anderen europäischen Ländern verspätet und auch nur schrittweise. Einen Fuß in die Tür bekamen Frauen, als die Nostrifikation der im Ausland erworbenen medizinischen Doktorate 1894 erlaubt wurde. Nach und nach erfolgte die offizielle Zulassung in den verschiedenen Disziplinen. Den Anfang machte die philosophische Fakultät 1897, erst 1946 folgte die katholische Theologie.

Die geschlechtliche Schieflage, wie sie über Jahrhunderte innerhalb der Erfolgsgeschichte der Wiener Universität existierte, ist trotz des heutigen Befundes eines den männlichen Anteil übertreffenden Zuzugs an weiblichen Studierenden nicht ausgeglichen, da dieser Überhang bei den Abschlüssen in Master und Doktorat bereits wieder abnimmt, was der gläsernen Decke geschuldet ist. Die Gesellschaft ist weiterhin gefordert, die angebliche Erfolgsgeschichte des Frauenstudiums tatsächlich in eine solche umzugestalten.