"Auch ein Luxusweib braucht es, von Zeit zu Zeit für einen deutschen Philosophen gehalten zu werden." Ob diese Einsicht des Italieners Filippo Tommaso Marinetti ein Kompliment ist, bleibt eher ungewiss. Es gehört zu den Finessen seines grotesk komischen, ziemlich unsäglichen, völlig verrückten, absolut wahren Pamphlets Wie man die Frauen verführt, dass auch noch im allerbrachialsten Machismo parodistischer Esprit hindurchschimmert (behaupten wir jetzt mal). Als sich 1916 der 39-Jährige auf Fronturlaub vom Kampf gegen die Deutschen erholt, fällt ihm ein klassisches Thema ein, aktuell befeuert: "Der Krieg verleiht der Frau ihren wahren Geschmack und ihren echten Wert." Der Verfasser des Futuristischen Manifests von 1909 diktiert also einem Freund elf kurze Kapitel, die jetzt erstmals auf Deutsch erscheinen – stilistisch brillante Tipps und Tricks, wildeste Abenteuer und reichlich lüsterne Empirie. Über das weibliche Geschlecht macht er sich keine Illusionen: "Das Vertrauen in die Treue der Frau ist das Produkt einer Atmosphäre ohne Wärme und Farbe. Dieses Vertrauen verflüssigt sich automatisch unter der Sonne Siziliens." Laut Marinetti gibt es zwei Typen von Männern: "jene, die eine Frau instinktiv wahrnehmen, sie magnetisch beeinflussen, sie mit Leichtigkeit nehmen und verstehen, und diejenigen, die sie nur wenig erfühlen, die sie mittelmäßig beeinflussen und fast niemals begreifen".

Subtile Eroberungstechniken helfen: "Ein hervorragendes Gesprächsthema für den kühnen und zugleich einfühlsamen Mann ist der ungeschminkt-freche Lobgesang auf den Körper der Frau und auf dessen Eleganz." Mann darf nicht nachlassen: "All dies bedarf der Wärme, Wärme, Wärme, Wärme. All dies bedarf eines beständigen Variierens der Gesten und der Stimme. Von Zeit zu Zeit empfiehlt sich ein leichter Anflug von Traurigkeit in den Augenwinkeln, der jedoch umgehend in ein dankbar glückliches Lächeln zu transponieren ist." Marinetti kann Mut machen – "Ein kahler Kopf ist ein unerheblicher Mangel, wenn auf der Stirn der Genius blitzt" – und verrät jenes Geheimnis, mit dem er jeden heutigen Pick-up-Trainer als Waisenknaben deklassiert: "Eure Stimme sei bewegt, die Tonart Moll." Zur Sicherheit geht er ins Detail: "Sodann könnt Ihr erneut den Versuch unternehmen, ihre Brüste zu streicheln." Wir blenden an dieser Stelle galant ab und geraten allmählich in Sorge vor der Konkurrenz neuer, gelehriger Marinetti-Leser. Schon 1916 hatte er schließlich eine ewige Wahrheit parat: "Ein echter Verführer, der über ein erstklassiges Automobil verfügt, darf es getrost darauf anlegen, alle Frauen des Universums zu erobern."