Die Süddeutsche Zeitung hat uns wie immer sehr zum Nachdenken angeregt. Dort war ein Nachruf auf Fritz J. Raddatz erschienen, niedergeschrieben vom großen Feuilletonisten Willi Winkler, berühmt und berüchtigt für robuste Pointen, mit denen er sich seinem Gegenstand aufs Glücklichste anverwandelt. Auch Raddatz neigte bekanntermaßen zu freimütigem, niemals auf falsche Kompromisse zielendem Schreiben. Seine Offenheit kannte keine Grenzen, die Angegriffenen nahmen das Duell freudig an – oder sie weinten im Stillen und zückten den Dolch feige zu einer unvorhergesehenen Stunde.

Wie Winkler sehr treffend schreibt, bestehe kein Zweifel darüber, dass Raddatz in der ZEIT nicht nur seine besten, "sondern auch die besten Jahre der nicht immer nur moralischen Wochenschrift" erlebte. Wahrheitsgemäß erwähnt der Autor, dass Raddatz auch nach seiner Absetzung "weiter in der ZEIT" schrieb. Doch dann stoßen wir auf diese wunderliche Sentenz: "Zu seinem Unglück gehörte, dass er zuletzt ein Gnadenbrot bei der Welt am Sonntag verzehren durfte, in einem Altersheim für abgedankte Feuilletonkräfte, großzügig alimentiert von jenem Springer-Verlag, dessen Enteignung der Rowohlt-Lektor Raddatz einst gefordert hatte."

Die Welt als "Altersheim für abgedankte Feuilletonkräfte"? Was sollen wir davon halten? Einerseits klingt Willi Winklers willkürliche Wendung etwas grob. Andererseits ist es doch ein tröstlicher Gedanke, dass so verdiente und, bei Lichte besehen, in der Blüte ihrer Kraft stehende Kollegen wie Matthias Matussek (vormals Der Spiegel), Dirk Schümer (vormals FAZ) oder Wolfgang Büscher (vormals DIE ZEIT) nun ihre besten Jahre im Axel Springer Verlag verbringen dürfen. Und für alle Freunde der moralischen Weltverbesserung: Zeugt es nicht von einem großen zivilgesellschaftlichen Fortschritt in unserem Land, dass ausgerechnet dieser Verlag seine mitunter schärfsten Kritiker fürsorglich in seine Arme schließt? Früher hätte man von repressiver Toleranz gesprochen, aber das ist ein hässlicher, sophistischer Gedanke. Weg mit ihm!

Fassen wir also zusammen: Die duellfreudigen Raddatz-Zeiten sind schon lange abgewickelt, was sich sogar bis in die Online-Ausgabe der Süddeutschen herumgesprochen hat. Und was fehlt dort? Es fehlt Winklers Sentenz vom "Altersheim für abgedankte Feuilletonkräfte". Stattdessen endet der Absatz recht dunkel mit der Bemerkung: "Zu seinem Unglück gehörte, dass er zuletzt ein Gnadenbrot bei der Welt am Sonntag verzehren durfte." Den Nachruf in voller Länge, wird vermerkt, könne man in der Print-Ausgabe nachlesen. Ja, liebe SZ: Transparenz muss sein!